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CFP: ChoicePoint und Accenture erhalten Big Brother Awards

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Für alle, die den Datenschutz mit Füßen treten: Die Big Brother Awards in den USA [Klicken für vergrößerte Ansicht]

Der US-Datenmakler ChoicePoint gehörte zu den wichtigsten Anwärtern für den Gewinn mindestens eines der unbegehrten Big Brother Awards 2005 in den USA. Schließlich waren dem großen Händler mit persönlichen Dossiers im vergangenen Jahr rund 145.000 Datensätze an Kriminelle "verloren" gegangen, was die Firma aber erst kürzlich in einer Pflichtmitteilung gemäß der kalifornischen Datenschutzgesetzgebung bekannt gab. So verwunderte es nicht, dass der Broker am gestrigen Donnerstagabend bei der Verleihung der diesjährigen Negativ-Auszeichnungen am Rande der Konferenz Computers, Freedom & Privacy (CFP) in Seattle von einem Darth-Vader-Verschnitt den Preis für das bedrohlichste Lebenswerk erhielt. Dieser wird erteilt für "die ausnehmende Verpflichtung -- jenseits aller Pflichten -- zur langsamen und systematischen Zerstörung der Bürgerrechte in den USA", erläuterte Simon Davies, Leiter der die Awards ausrichtenden Organisation Privacy International.

Schon im Vorfeld der bunten Zeremonie waren Konferenzteilnehmer in laute und beschwörende "ChoicePoint"-Rufe ausgebrochen. Der Name steht längst symbolisch für die bislang rechtlich in den USA kaum gebremsten Data-Mining- und Datenvertriebspraktiken einer Reihe von Informationshändlern, die sich unter anderem aus (halb-)öffentlich verfügbaren und proprietären Quellen wie etwa Gerichts- oder Polizeiakten alle nur aufzutreibenden Angaben über Millionen Menschen verschaffen und diese in Dossierform an alle erdenklichen Interessenten bis hin zu zwielichtigen Weiterverkäufern verscherbeln -- Hauptsache, die Abnehmer haben einen Gewerbeschein und sind zahlungskräftig.

"Geburtsurkunden oder Autozulassungen gehen sofort an ChoicePoint", hatte Chris Hoofnagle vom Electronic Privacy Information Center (EPIC) auf der CFP erklärt. "Auch wenn sie ein privates Postfach eröffnen, erhält die Firma davon Notiz." Sein eigentliches Treiben versucht der Konzern, der 2004 fast eine Milliarde US-Dollar Umsatz machte, weitgehend zu verschleiern. Dabei erweisen ihm laut Hoofnagle seine rund 15 Tochterfirmen gute Dienste. Die Folgen der Data-Mining-Manie beschrieb der Datenschützer plastisch: "Wir leben damit in einer Welt, in der man keinen Job, keinen Kredit und kein Apartment mehr bekommt, wenn man nicht 'vollkommen normal' erscheint."

Der US-Datenmakler ChoicePoint erhielt einen der unbegehrten Big Brother Awards 2005. [Klicken für vergrößerte Ansicht]

Immer klarer wird auch, dass Firmen wie ChoicePoint mit ihren gigantischen Informationsbergen große Angriffsflächen für Cybergangster bieten. So musste ChoicePoint-Chef Douglas Curling am Mittwoch bei einer Anhörung im Rechtsausschuss des US-Senats zugeben, dass allein sein Haus nach 2003 zwischen 45 und 50 Datendiebstähle ausweisen musste. Schuld daran seien häufig auch "schwache Login-Passwort-Verbindungen" oder Trojaner-befallene Computer, hatte Kurt Sanford, Geschäftsführer der wegen Datenlecks in der öffentlichen Kritik stehenden Firma LexisNexis, den Senatoren vor Augen geführt. Er musste gar 59 "Einbrüche" in seine Datenbanken seit 2003 vermelden.

Der eigentliche Big Brother Award für das Unternehmen, das den Datenschutz am meisten gefährdet, ging dieses Jahr allerdings an Accenture. Der umtriebige IT-Dienstleister sicherte sich im Sommer den milliardenschweren Auftrag für das umstrittene Projekt US-VISIT der US-Regierung, obwohl er seinen Sitz auf den Bermudas hat. Mit US-VISIT wollen die Vereinigten Staaten dank der biometrischen Zwangserfassung ihrer ausländischen Besucher eine Art virtuelle Grenze errichten. Accenture stach damit den Datenmakler Acxiom und die Direktmarketing-Firma Response Unlimited aus. Letztere geriet jüngst im Fall der Komapatientin Terri Schiavo ins Licht der Öffentlichkeit, weil ihr die Eltern von Terri Schiavo eine umfangreiche Liste von Unterstützern zum Weiterverkauf zur Verfügung stellten.

In der Kategorie "schlimmstes Projekt" landete US-VISIT unweigerlich erneut auf der Liste der Nominierten. "Millionen Menschen stehen damit unter einer der größten Sicherheitsbedrohung, welche die Welt je gesehen hat", verstärkte Davis, der als Michael Jackson verkleidet durch die Zeremonie führte, seine Kritik an den ungetesteten Biometrie-Großprojekten im Regierungsauftrag. Auch das von der US-Regierung über die Internationale Zivilluftfahrtsorganisation ICAO mit vorangetriebene "RFID-Pass-System" landete genauso wie das "Secure Flight"-Programm Washingtons und die dortigen Pläne zur Einführung eines standardisierten Führerscheins alias eines nationalen Ausweispapiers auf der Shortlist in dieser Kategorie.

Das Rennen konnte aber schließlich die kalifornische Brittan-Grundschule für sich entscheiden: Deren Führung plante im Februar, alle Schüler auf Schritt und Tritt mit RFID-Halsketten zu verfolgen. Eine Abgesandte der Elternvertretung, die dieses Vorhaben gerade noch zu Fall gebracht hatte, versicherte, die vergoldete Statue mit einem Kopf unter einem Stiefel an das Schuldirektorium zu übergeben. Dieses habe jüngst erst wieder erklärt, dass es "die ganze Hysterie" der Eltern nach wie vor nicht verstehe.

Ebenfalls direkt mit dem Schulbereich verknüpft ist der vierte Preisträger: das US-Bildungsministerium. Es erhielt den Award für die "schlimmste Behörde" dank der Einrichtung seines National Center for Educational Statistics, das Davies zufolge allein der besseren Überwachung der US-amerikanischen Schüler und Studenten dient. Leer ging dagegen die Federal Trade Commission aus, obwohl sich diese laut der Jury immer weniger um den Schutz der Bürger und umso mehr um die Interessen der US-Firmen kümmere.

Zur Konferenz Computers, Freedom & Privacy siehe auch:

Zu den Big Brother Awards in Europa und zu der letztjährigen Preisverleihung in den USA siehe:

(Stefan Krempl) / (jk)