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CFP: Unterwachung statt Überwachung

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Der Cyborg-Pionier Steve Mann will die überhand nehmende Videoüberwachung des öffentlichen Raums durch staatliche und privatwirtschaftliche Stellen mit einer Gegenbewegung kamerabewaffneter Bürger konterkarieren. Die Überwachung "von oben" wird in seinem Konzept, das der Professor für Computerelektronik an der University of Toronto auf der Konferenz Computers, Freedom & Privacy (CFP) in Seattle vorgestellt hat, mit der "Unterwachung" der bisherigen Beobachter ausbalanciert werden. "Es geht um die Schaffung eines Gegen-Panoptikums", erklärte Mann. Nicht nur die Behörden oder etwa Banken müssten ihre Kunden kennen, sondern diese auch ihre Sachbearbeiter und Banker.

Mann stört sich vor allem daran, dass das Panoptikum als "optisches Beobachtungsprinzip" momentan vor allem in den "acrylverhüllten Hemisphären einer rotwein-dunklen Undurchsichtigkeit" der gängigen Überwachungskameras implementiert ist. In größeren Warenhäusern seien hunderte dieser "Kuppelgewölbe" installiert, auch wenn nur eine geringe Zahl davon wirklich mit Kameras bestückt seien. Dies entspreche dem Prinzip des Panoptikums, da die darin Gefangenen nicht wüssten, welches "Auge des Himmels" gerade auf sie herabblicke (Surveillance). In Manns Vision der "Unterwachung" (Sousveillance) werden die Kameras vom Himmel auf die Erde heruntergeholt. An die Stelle der opaken Hauben an den Decken sollen tragbare Computer- und Fototechnologien treten wie Mobiltelefone oder PDAs mit Kamerafunktion. Der "göttliche" Blick müsse seiner Ansicht nach durch die Perspektive der Menschen abgelöst werden.

Eine wachsende politische Unterwachungsbewegung hat laut Mann spätestens mit den Videoaufnahmen der Misshandlung des Schwarzen Rodney King 1992 in Los Angeles seinen Anfang genommen. Das Phänomen gehe aber über das klassische "Wir gegen Sie"-Paradigma von Bürgern, die Polizisten fotografieren, hinaus. Der selbst bei öffentlichen Auftritten immer mit einer Kamera über dem linken Auge auftretende Professor hat bereits die Wurzeln einer heranreifenden Unterwachungsindustrie ausgemacht. Dazu zählt er Microsofts Projekt "Continous Archival and Recording of Personal Experience" (CARPE), Nokias Lifeblog, HPs "Casual Capture" und den CyborGLOG-Ansatz der University of Toronto.

Auf der CFP wird der Sousveillance-Ansatz live vorexerziert: Die Konferenztaschen haben die Veranstalter mit einer undurchsichtigen Mini-Halbkugel in der Form der Kaufhausüberwachungsinstallationen verziert, die zum Teil mit Kameras bestückt sind. Wahllos aneinander geschnittene Aufnahme dieser "Augen des Volkes" flimmern über einen Monitor im Tagungssaal. Unvermeidlicherweise erlangen die Teilnehmer so auch Einblicke aus ungewohnter Perspektive etwa in die Toiletten des Westin Hotels, wo die Veranstaltung stattfindet.

Ganz unumstritten ist Manns Konzept allerdings nicht. David Brin, Autor des Buchs "Die transparente Gesellschaft", begrüßte die Idee, "da wir mit dem Zeitalter der ermächtigten Amateure beginnen müssen". Die Unterwachung behebe den größten Fehler des Panoptikums, nämlich dass die Überwachten "nicht zurückschauen konnten". Für Brin ist es ausgemacht, dass die künftige Gesellschaft wieder wie in einem Dorf sozial strukturiert ist und jeder sofort jeden "scannen" kann. Latanya Sweeney vom Datenschutz-Labor der Carnegie Mellon University gab jedoch zu bedenken, dass wir in einer solchen Welt "alle zu Schauspielern" würden. Wenn jegliche Konversation aufgezeichnet würde, müsse man sich ständig über die spätere Interpretation des Gesagten Gedanken machen. Auch die Unterwachung könne schnell wieder in die klassische Überwachung umschlagen. Simon Davies von Privacy International sieht anhand von Studien über das Verhalten von Teenagern in rundum videoüberwachten britischen Gemeinden ebenfalls Anzeichen für gravierende gesellschaftliche Veränderungen: Die Heranwachsenden könnten einfach nicht mehr ein normal "pubertäres Verhalten" an den Tag legen.

Aktivisten auf einer "Sousveillance-Tour"

Trotz der Fragezeichen setzten etwa 20 Aktivisten das Konzept im öffentlichen Stadtraum von Seattle am Dienstag bereits auf einer "Sousveillance-Tour" in die Praxis um. Unter Führung Manns durchstreiften sie bewaffnet mit den speziellen CFP-Taschen und mit sichtbaren digitalen Kameras einige Shopping-Malls und Einzelhandelsketten, um dort die großen Überwachungsanlagen an den Decken zu "unterwachen". Interessanterweise protestierten alle besuchten Unternehmen vehement gegen das offene Abfotografieren der Surveillance-Kameras. Sie argumentierten mit Argumenten wie "Markenschutz" oder dem möglichen "geistigen Diebstahl" von Shop-Konzepten. Nichts einzuwenden hatten sie gegen das sichtbare Tragen der Pendants der Kuppelhauben auf der Brust der CFP-Gesandten. "Das ist OK", erklärte etwa die jugendlich wirkende Agentin Nummer Eins der Abteilung "Verlustverhinderung" eines Nordstrom-Kaufhauses zum Tragen der ihr "bekannt vorkommenden" Gerätschaften. Sonstige Fotosessions müssten aber vorher angemeldet werden.

Zur Konferenz Computers, Freedom & Privacy siehe auch:

(Stefan Krempl) / (Stefan Krempl) / (anw)

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