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Callcenter in Deutschland: "Good Jobs" und "Bad Jobs"

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Der Traum von der ersten festen Stelle nach vier Jahren war schnell ausgeträumt für Andrea Wolf: "Sie sind unfähig", tönte der Call-Center-Manager und warf sie nach vier Wochen raus. Weil sie es nicht schaffte, per Telefon vier Handy-Verträge pro Stunde zu verkaufen, wie die 51-jährige Kulturwissenschaftlerin aus Frankfurt (Oder) sagt. Trotzdem sind Callcenter Hoffnungsträger in den strukturschwachen Landstrichen Deutschlands. Tausende Arbeitsplätze haben sie in den vergangenen Jahren geschaffen. Der Boom-Branche haftet aber ein zwielichtiger Ruf an – besonders im Osten in vielen Fällen zurecht, wie Beobachter und Betroffene meinen.

"Abi 07 – Hartz IV 08", heißt es auf der Heckscheibe eines Kleinwagens in Frankfurt (Oder). "Bitte einsteigen, wir fahren zur Arbeit", wirbt daneben die Straßenbahn. Ein Callcenter-Betreiber sucht 300 neue Kräfte und solche Gelegenheiten sind selten in der Grenzstadt mit 18 Prozent Arbeitslosigkeit. Andrea Wolf aber würde sich nicht noch einmal bewerben. Sie berichtet von hohem Druck, von Überwachung und dauernder Angst um den Job.

Bundesweit arbeiten 415.000 Menschen in Callcentern, fast zehn Mal so viele wie vor zehn Jahren. Sie beantworten Kundenanfragen, verkaufen und werben am Telefon. Dass das nicht einfach ist, berichten Beschäftigte im Internet: Unzufriedene Kunden würden ausfällig, unverlangt Angerufene gäben patzige Kommentare. Einer mit Namen "Piper" schreibt aber auch: "Ich arbeite im Callcenter und ich stehe dazu." Ein Job sei nun einmal nicht einfach zu finden.

Angesprochen auf schlechte Arbeitsbedingungen ist bei Branchenverbänden wie dem Callcenter Forum von "schwarzen Schafen" die Rede. Das Wort benutzt auch die Duisburger Soziologin Karen Shire, die die Branche, unterstützt von der gewerkschaftsnahen Hans-Boeckler-Stiftung, seit Jahren untersucht. Gerade in Ostdeutschland sehen die Unternehmen nach Shires Worten ein "Experimentierfeld": Gespräche würden häufiger mitgeschnitten, Arbeitsplätze seien weniger sicher. Oft gebe es zwar Betriebsräte, seltener aber Tarifverträge.

Der Osten ist für die Unternehmen verlockend, wie die Soziologin und ihre Kollegin Ursula Holtgrewe in einem Buch schildern, das demnächst erscheint. Darin erklären Callcenter-Manager die Gründe für den Schritt in den Osten: Genügend gut ausgebildete Arbeitslose, günstiges Gewerbeland, Zuschüsse und ein niedrigeres Lohnniveau. Im Schnitt verdient ein Vollzeit-Agent in Westdeutschland demnach 22.618 Euro im Jahr, im Osten seien es 17.469 Euro. "Good Jobs" seien eher im Westen zu finden, fasst die Untersuchung zusammen.

Doch die ostdeutschen Länder nehmen die modernen Dienstleister mit Kusshand. Brandenburgs Wirtschaftsminister kam persönlich, als etwa Walter Services 2005 in Frankfurt sein Center eröffnete. Für den Marktführer aus Ettlingen sollen in der Oderstadt Ende des Jahres 1000 Menschen zum Hörer greifen, in Magdeburg sind es bereits mehr als 2000, wie Sprecherin Sabine Zoller aufzählt. Sie legt Wert darauf, dass für ihre Beschäftigten ein Tarifvertrag gelte, auch im Osten, wo mehr als jeder dritte der bundesweit rund 7000 Beschäftigten arbeite.

20.000 Menschen beschäftigt die Branche laut Arbeitsgemeinschaft Berlin-Brandenburger Callcenter in der Region. Dort wie fast im ganzen Land stehen die Zeichen auf weiteres Wachstum. Das Callcenter Forum geht für 2007 deutschlandweit von 20.000 neuen Stellen aus. Nur im Südwesten stocke das Wachstum, sagt Sprecher Jens Fuderholz. Dort verdienten die Menschen zu gut, um auf einen Job im Callcenter angewiesen zu sein. (Burkhard Fraune, dpa) / (jk)

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