Cambridge Analytica: "Eine gefährliche, im Dunkeln arbeitende Industrie"

Die Whistleblowerin Brittany Kaiser hat bei Cambridge Analytica gearbeitet und veröffentlicht heute E-Mails aus der Zeit. Sie warnt vor der Kampagnen-Industrie.

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(Bild: Cambridge Analytica)

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Britanny Kaiser arbeitete von 2015 bis 2018 für die Mutterfirma von Cambridge Analytica. Nachdem die missbräuchliche Verwendung von Daten in verschiedenen Wahlkampagnen auf der ganzen Welt – besonders im US-Wahlkampf und beim Brexit-Referendum – bekannt wurde, packte sie in einem Untersuchungsausschuss in Großbritannien und vor dem Sonderermittler Robert Mueller aus über die Praktiken ihrer Firma und die Zusammenarbeit mit Facebook.

Seit Januar veröffentlicht Kaiser unter dem Hashtag #hindsight nach Ländern und Themen geordnete E-Mails aus ihrer Zeit bei CA. Als spätberufene Whistleblowerin wurde die US-Amerikanerin, die erst Mitte dreißig ist, stark kritisiert, nicht zuletzt im Zusammenhang mit ihrer Selbstdarstellung in der Dokumentation "The Great Hack". Im heise-Gespräch am Rande der vom Burda-Verlag ausgerichteten DLD Munich 20 berichtet sie über das System Microtargeting und Fake News und darüber, wie CA in Deutschland aktiv war. Kaiser veröffentlicht Ende Januar auch die deutsche Übersetzung ihres Buches "Die Datendiktatur" (Originaltitel: "Targeted").

heise online: Sie haben die erste Facebook-Seite für die Obama-Kampagne gemacht und nach noch nicht einmal einer Legislaturperiode arbeiten Sie für die Firma, die geholfen hat, einen republikanischen Präsidenten ins Amt zu heben – Trump. Wie groß ist der Schritt von einem Engagement zum anderen? Die Technologie ist ja im Grunde die gleiche.

Britanny Kaiser

(Bild: Monika Ermert / heise online)

Britanny Kaiser: Die Technologie als solche ist ja nicht gut oder schlecht, es kommt darauf an, wie wir sie einsetzen. In der Obama-Kampagne hatten wir Regeln, also nicht Gesetze oder so, aber eine Art Ehrenkodex, an den wir uns gehalten haben: keine negativen Werbebotschaften. Unabhängig von den Daten, die wir benutzt haben, und die zweite Obama-Kampagne 2012 hat deutlich mehr Daten genutzt, denn da hatte man auch Zugriff auf die Friends-API, die wir 2008 noch nicht hatten. Wir haben auch Daten und Targeting benutzt, so viel wir konnten. Aber wir haben eben nur Obama und seine Politik beworben. Über andere Demokraten oder auch republikanische Konkurrenten haben wir nichts gesagt. Ich habe noch einige Jahre die Tools für gemeinnützige Organisationen genutzt, um Spender und Freiwillige für sie zu werben, und ich dachte einfach, dass das super Tools sind.

heise online: Würden Sie heute sagen, dass Data Analysis mit persönlichen Daten, nicht bei der Modellierung von Klimamodellen oder ähnlichem, seine Unschuld verloren hat und kaum noch guten Gewissens gemacht werden kann?

Britanny Kaiser: Genau darum setze ich mich ja so sehr für Gesetzgebung und Regulierung ein. Weil ich glaube, es gibt eine Zukunft für Data Science und KI. Sie können uns helfen, einige unserer größten Probleme zu lösen, die Klimakrise, Verkehrsoptimierung, die Verhinderung der nächsten Massenschießerei, die Bekämpfung von Krebs. Derzeit sieht es so aus: Wir haben eine gefährliche, im Dunkeln arbeitende Industrie geschaffen. Es gibt keine Transparenz, keinen rechtlichen Rahmen und keine Aufsicht, die Menschen dabei unterstützen würde, ihre Privatsphäre zu schützen. Traurigerweise können daher Leute wie Sie und ich unsere Privatsphäre niemals völlig wiederherstellen, wegen all der Daten, die über uns überall da draußen sind. Sie kriegen sie nicht zurück. Sie haben kein Recht, ihre Daten in den Datenbanken überall in der Welt wieder zu löschen. Also, die DSGVO und die CCPA (California Consumer Privacy Act) sind ein Start.

heise online: Das Recht auf Vergessen wurde so belacht.

Britanny Kaiser: (lacht) Jetzt wissen Sie, warum das so eine wichtige Klausel ist. Sobald einem das klar wird mit den eigenen Daten überall. Wir sollten das Recht auf Löschung haben. Ist Data Science also Teufelszeug? Für Sie und mich ja, schon ein bisschen. Allerdings sind die Daten, die wir heute und in Zukunft produzieren, wichtiger als historische Daten. Das ist unsere Chance, wir können die Daten, die wir für den Rest unseres Lebens produzieren, schützen und ich hoffe, dass meine Kinder und Enkel mal nicht in derselben Lage sind wie wir.