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Campus Party sucht Ausweg aus dem Copyright-Krieg

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Anke Domscheit-Berg, Christian Villum und Paul Brigner (v.l.n.r.) beim Copyright-Panel der Campus Party

(Bild: Stefan Krempl / heise online)

Piraten, Musiker und Internet-Techniker diskutierten auf der Campus Party in Berlin am Donnerstag über ein rechtliches Umfeld, das die angemessene Nutzung neuer Technologien und neue Geschäftsmodelle zulässt. Angesichts des derzeit wütenden "Copyright-Kriegs" könnten die Kreativen "nicht mehr in ihrem Elfenbeinturm sitzen", forderte Christian Villum, Leiter von Creative Commons (CC) Dänemark, mehr Beweglichkeit von Urhebern. Alternative Urheberrechtslizenzen eröffneten Möglichkeiten, die nicht-kommerzielle Nutzung geschützter Werke zu erlauben und zu vermarkten.

Villum betreibt selbst ein Musiklabel für experimentelle elektronische Musik und setzt dabei auf CC-Lizenzen. Ihm zufolge investieren die Leute nach wie vor die gleichen Summen in Kunst und Kultur, auch wenn sie etwa ihr Budget verstärkt für Konzerte statt für Platten ausgäben. Die viel gehörte Ansage der Unterhaltungsindustrie, dass man nicht mit illegalen, Inhalte umsonst unters Tauschvolk bringenden Diensten konkurrieren könne, wies der Däne zurück: "Eine einfache und bequeme Nutzung ist viel wichtiger als die Gratis-Komponente." Vor allem Spielfilme seien online aber häufig gar nicht legal verfügbar.

Geschäftige Atmosphäre auf dem nicht wirklich überfüllten Technik-Fest

(Bild: Stefan Krempl / heise online)

Ins gleiche Horn stieß Anke Domscheit-Berg, Gründerin der Beratungsfirma opengov.me und Mitglied der Piratenpartei. Die zehn im vergangenen Jahr am häufigsten heruntergeladenen Filme hätten rechtmäßig nicht im Internet zum Download bereit gestanden, monierte die Politikerin. Es sei daher wichtig, runde Tische zur künftigen Ausgestaltung des Copyrights einzurichten und dabei eine neue Balance zwischen allen Interessen zu finden. Urheberrechtsregelungen und andere Gesetze, die nicht in einem offenen, demokratischen Prozess vorangetrieben werden, gab die Piratin keine Chance mehr: "Wir haben gerade ACTA beerdigt und werden es bei vergleichbaren Initiativen wieder tun."

Die frühere Microsoft-Lobbyistin warb zugleich für ein neues Verständnis von Rechten an immateriellen Gütern: "Geistiges Eigentum existiert nicht", betonte sie. In der digitalen Welt gebe es allein "nicht-rivalisierende Güter", die jeder gleichzeitig nutzen könne. Dazu komme, dass die bestehenden, teils 150 Jahre alten Urheberrechtsregeln den Kreativen nicht wirklich nützten. Die Piratenpartei wolle es daher etwa schwieriger für Verleger und Rechteinhaber machen, plattformübergreifende Buy-out-Verträge abzuschließen. Entsprechende Vorgaben sollten zumindest zeitlich begrenzt werden, genauso wie die Copyright-Schutzfristen allgemein.

Paul Brigner von der Internet Society (ISOC) plädierte für einen pragmatischeren Ansatz und Copyright-Lösungen, "die im bestehenden rechtlichen Umfeld funktionieren". Zugleich versuchte der Software-Entwickler, der zwischenzeitlich bei der Hollywood-Lobby MPAA (Motion Picture Association of America) garbeitet und dort die Kluft zur Technikergemeinde zu schließen versucht hat, um Verständnis für die Entertainment-Branche zu werben. Vor allem die Musikindustrie habe schon viele neue Geschäftsmodelle erprobt und sei damit bereits weit gekommen, meinte Brigner. Auch Hollywood werde sich ändern, wenn auch langsamer angesichts der etablierten Verwertungsketten.

Dass sich Rechteinhaber und Provider in den USA auf das Versenden von Warnhinweisen und den Aufbau eines Systems der "abgestuften Erwiderung" auf Copyright-Verstöße geeinigt haben, befürwortete Brigner. Es sei richtig, Filesharer darüber aufzuklären, dass Inhalte nicht nur über BitTorrent zu beziehen seien. Bei seinen Mitstreitern auf dem Podium kam dieser Ansatz weniger gut an. Villum sprach von reiner Zeitverschwendung. Niemand könne davon überzeugt werden, eine kaputte, verkrüppelte Technologie zu verwenden. Derzeit gehe viel Geld verloren auf dem Weg zu den Künstlern; es wird geschluckt von überflüssigen Verwertungsgesellschaftern und Vermittlern, ergänzte Domscheit-Berg. Diese müssten über die digitale Welt aufgeklärt werden, nicht die Nutzer. (vbr)