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Cascading Stylesheets: 20 Jahre CSS

Das frühe Internet war für Texte und ohne Design. Doch am 10. Oktober 1994 begann mit dem ersten Vorschlag für CSS eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte, wenn auch eine mit Umwegen.

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Am Anfang war das <font>-Tag – so haben es jedenfalls die frühen Webdesigner erlebt. Tatsächlich reichen die ersten Entwürfe von CSS weiter zurück als viele solcher von Puristen als "presentational" gegeißelten HTML-Elemente. Als Håkon Wium Lie, ein Mitarbeiter von Tim Berners-Lee an der WWW-Geburtsstätte CERN, am 10. Oktober 1994 seinen Vorschlag für "Cascading HTML style sheets" veröffentlichte, musste er noch ein paar Jahre warten, bis sich das Konzept durchgesetzt hatte.

Das CSS-Boxmodell aus der ersten W3C-Recommendation.

HTML war von Anfang an eine Mischung aus semantisch-strukturierenden und präsentationsbezogenen Elementen wie <b> oder <i>. Die genaue Darstellung überließ HTML jedoch dem Browser; so beherrschte bereits der Ur-Browser "WorldWideWeb" eine Art Stylesheets, mit denen der Benutzer Webseiten nach seinem Geschmack anzeigen lassen konnte. Besser dokumentiert sind die Stylesheets des 1991 veröffentlichten Browsers Viola, die überraschend modern wirken.

Der Autor hingegen bräuchte gar keine Kontrolle darüber, wie seine Webseiten aussahen – das meinten jedenfalls viele Webpioniere. Noch im Februar 1994 schmetterte Mosaic- und Netscape-Chef Marc Andreessen solche Wünsche angewidert ab. Ein Jahr später verantwortete er <font> und <blink>.

Håkon Wium Lie erfand CSS, aber die Idee von Stylesheets kursierte bereits geraume Zeit. So gab es für die HTML-Grundlage SGML eine Stylesheet-Sprache namens DSSSL, die aber (wie SGML insgesamt) für das Web als zu kompliziert galt. Mitte 1993 hatte Rob Raisch einen Vorschlag für "Stylesheets for HTML" unterbreitet. Und schließlich arbeitete auch Bert Bos an "Simple Style Sheets".

Lie und Bos taten sich zusammen und fanden Unterstützung beim W3C, das sich erst anderthalb Wochen zuvor gegründet hatte. Lie brachte die Vererbung per "Kaskade" ein, Bos die Abstraktion von HTML und einige fortgeschrittene Ideen. Die frühen Entwürfe unterscheiden sich noch beträchtlich von dem heute allgegenwärtigen Standard – zum Beispiel setzte Lie anfangs Punkte statt Leerzeichen, wog verschiedene Deklarationen mit einem komplizierten "Einfluss"-Prozentsatz gegeneinander auf und setzte noch auf eine eher programmatische als deklarative Sprache.

Bis Ende 1996 hatten sich die Ideen so weit verfestigt, dass das W3C sie für die Recommendation CSS Level 1 tauglich hielt. Schon zuvor im August dieses Jahres gab es die erste Implementierung – in Internet Explorer 3. Microsofts Vorpreschen brachte CSS entscheidend voran, sorgte aber jahrelang für Probleme wegen unterschiedlichen Interpretationen des Box-Modells. Netscape zog Mitte 1997 mit Navigator 4 eher halbherzig nach, Lies späterer Arbeitgeber Opera Ende 1998.

Inzwischen ist CSS ein komplexes Gebilde geworden, das sich in zahlreiche Einzelprojekte unterteilt. Lies und Bos' Prognose, dass CSS 3 bis Ende 1999 abgeschlossen sein dürfte, erwies sich als reichlich optimistisch, aber 15 Jahre später funktioniert vieles, wovon man in den 90er-Jahren kaum zu träumen gewagt hätte: Gradienten, Transformationen und Animationen etwa. Und auch erbitterte Debatten beweisen, dass Cascading Stylesheets zwanzig Jahre nach ihrer Erfindung ein lebendiger Standard sind. (Herbert Braun) / (vbr)

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