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Chance oder Risiko: Autonome Autos und der Arbeitsmarkt

Elektrischer Antrieb, Vernetzung, autonome Autos – wie viele Menschen in der Autoindustrie von morgen arbeiten, hängt von der Adaption neuer Techniken ab.

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(Bild: Slava Dumchev/Shutterstock.com)

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Kann die Autoindustrie in Deutschland bis 2030 Hunderttausende zusätzliche Arbeitsstellen bereitstellen – oder ist mit Arbeitsplatzverlusten in ähnlichem Ausmaß zu rechnen? Laut einer von der Hans-Böckler-Stiftung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) geförderten Studie hängt dies davon ab, wie erfolgreich die deutschen Autobauer neue Techniken und Geschäftsmodelle einführen können. Und ob die Kunden künftig noch eigene Autos fahren wollen.

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Die Debatte über die Effekte der Digitalisierung dreht sich oft um die Frage, inwieweit Aufgaben direkt von Maschinen übernommen werden können. Andrej Cacilo und Michael Haag vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation verfolgen mit der aktuellen Studie jedoch einen anderen Ansatz: Sie untersuchen, wie die Technik den Absatzmarkt für Autos verändert und schließen vom Umsatz-Potenzial auf die Arbeitsplatzeffekte.

Die Forscher gingen dabei von drei Szenarien aus. Im ersten – sehr arbeitnehmerfreundlichen – Fall nahmen die Autoren an, dass zu der bestehenden Autoindustrie ein zusätzlicher Markt für "Mobility as a Service" und "Pedictive Maintenance"-Angebote entsteht und dass die zusätzlichen Ausgaben für die neuen technischen Entwicklungen nicht zu Lasten bestehender Techniken gehen. In diesem Fall erwarten die Forscher alleine durch das automatisierte Fahren 127.500 neue Beschäftigte bis zum Jahr 2030. Insgesamt würden bei diesem "hypothetischen Gedankenexperiment" sogar 459.000 Arbeitsplätze geschaffen.

Im zweiten Szenario werden die Neuentwicklungen zur Hälfte die bestehende Verkehrsleistung konventioneller Autos ersetzen. Hier muss es zu beträchtlichen Umschichtungen kommen. So müssen weniger Autos gebaut werden, wenn Menschen sich einfach bei Bedarf ein gemeinschaftliches Auto nach Hause bestellen können. Im Gegenzug wären mehr Menschen mit der Entwicklung der Automatisierung und der Betreuung der automatisierten Mobilitätsflotten beschäftigt. Folge wäre, dass der heutige Wachstumpfad der Autoindustrie weiter bestehen bleibt. In der Summe würden somit bis 2030 voraussichtlich 142.000 neue Arbeitsplätze entstehen.

Im dritten Szenario findet eine vollkommene Substitution statt: Die künftigen automatisierten Autoflotten gehen dabei vollkommen zu Lasten des herkömmlichen Pkw-Verkehrs. Die Folge: Plötzlich benötigen die Kunden nur noch einen Bruchteil der Autos. Im Endeffekt würde das Szenario zwar bis 2025 zusätzliche Arbeitsplätze schaffen, weil die neuen Techniken entwickelt und neue Märkte aufgebaut werden müssten. Dann käme es aber zu einem rapiden Abbau in der Produktion. Resultat: Bis 2030 gingen 118.000 Arbeitsplätze verloren.

Dass die neue Automatisierung nicht völlig neue Arbeitsplätze im Überfluss schaffen kann, begründen die Autoren unter anderem durch einen Vergleich mit Apple. Obwohl der iPhone-Konzern mit seinen Software-Services und Cloud-Angeboten von sich reden mache, stamme seit Jahren verlässlich über 80 Prozent des Umsatzes des Konzerns aus dem Geschäft mit der Hardware.

Die Zahlen der Studie sollen keine endgültige Vorhersage darstellen, sondern decken nur Teilbereiche der Autowirtschaft und bestimmte Szenarien ab. Auch angrenzende Branchen wie Autoversicherungen könnten Arbeitsplatzverluste verzeichnen, wenn es durch die Automatisierung des Fahrens künftig zu weniger Unfällen kommt. Dies könnten die Versicherungskonzerne wiederum durch die Übernahme neuer Geschäftsmodelle abfedern. Im Gegenzug können in anderen Branchen auch neue Arbeitsplätze entstehen.

Auf technischer Ebene haben die Autoren optimistische Annahmen getroffen. So gehen sie in ihren Szenarien davon aus, dass das vollkommen autonome Fahren bereits in den frühen 2020er Jahren in Serie gehen wird und dann schnell hohe Wachstumsraten erreicht. 2030 soll sogar die Mehrheit der Neuzulassungen auf voll autonome Autos entfallen. Doch mittlerweile zweifeln Experten daran, ob eine wirklich autonome Nutzung außerhalb eng definierter Anwendungszwecke wirklich möglich ist. Auch die Gesetzgebung müsste die neue autonome Mobilität erst ermöglichen.

So beschränken sich bisherige Projekte auf ideale Wetterbedingungen und lückenlos erfasste Straßen. Wann die Technik mit dem Stadtverkehr mit widrigen Witterungsbedingungen umgehen kann, steht noch in den Sternen. Die Berechnungen der Forscher würden sich damit wesentlich ändern: Autos, die lediglich bei gutem Wetter auf Autobahnen selbständig fahren könnten, hätten deutlich andere Wirkungen auf den Arbeitsmarkt als eine völlig neue vollautomatisierte Mobilität.





Augen auf und durch

Obwohl der Arbeitsplatzabbau ein realistisches Szenario ist, empfehlen die Autoren der Studie einen vollen Schwenk auf die neuen Techniken. So müsse sichergestellt werden, dass genug Kapital für die Neuentwicklungen und die notwendige Infrastruktur wie ein gutes Mobilfunknetz bereitstehe.

Die Hersteller sollen ihren Fokus auf die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle legen und dabei auch mit anderen Herstellern zusammenarbeiten. Den Gewerkschaften empfehlen die Autoren eine breitere Perspektive: Sie sollen branchen- und grenzübergreifend die Effekte der neuen Techniken beobachten und gleichzeitig einen Schwerpunkt auf die Qualität der Arbeit legen. So könnte der Beruf eines Lkw-Fahrers durch hochautomatisierte Fahrzeuge wesentlich stressfreier werden. Eine Verlagerung der neuen Entwicklungsabteilungen etwa ins Silicon Valley oder in tarifbefreite Tochterfirmen müssten die Gewerkschaften aber frühzeitig verhindern. (emw)