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Chaos Communication Camp: Über Finowfurt ins All

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Die kleine Fairy Dust steht wie immer vor einem Hangar. Noch ist die kleine Rakete ein putziges Symbol der Hacker, entlehnt aus dem "Anhalter" von Douglas Adams, doch das soll sich bald ändern. Zur Eröffnung des Chaos Communication Camps in Finowfurt wurde am Mittwoch unter donnerndem Applaus ein neues Ziel ausgegeben: der Weltraum will erobert werden. In zehn Jahren wollen die Hacker einen eigenen Kommunikations-Satelliten in der Umlaufbahn haben, der die weltweit verstreuten Hackspaces verbindet, in 20 Jahren soll der erste Hacker den Mond betreten.

"Wir können die gesamte Galaxie erobern, wenn wir für fünf Minuten aufhören, uns wie Idioten zu benehmen", erklärte Nick Farr von Hackers on a Plane. Er zeigte dem Publikum einen Vergleich der weltweiten Militärausgaben mit den Ausgaben für die Weltraumforschung. Jens Ohlig vom Chaos Computer Club teilt den Optimismus des Amerikaners: Hacker lösten dezentral technische Probleme. Nicht anders sei es mit der Weltraumfahrt – nur ein weiteres Problem, das technisch zu lösen sei.

Die kleine Fairy Dust als Versprechen für die Zukunft.

(Bild: heise online/Borchers)

Dass die Begeisterung der Hacker für ihr neues Ziel ausgerechnet auf dem Gelände eines ehemaligen russischen Militärflugplatzes ausbrach, inmitten verrosteter MIGs und Iljushins, war kein Widerspruch. Hätte die Sowjetunion ihre Kräfte in die Weltraumfahrt gesteckt, statt in die unsinnige Aufrüstung im Kalten Krieg, würden die Russen heute den Mond bewohnen, meinte Farr. Ähnliches gelte für die Amerikaner, die gerade das letzte Space Shuttle einmotten.

Die Begeisterung der Hacker für den Weltraum wird durch zahlreiche Vorträge auf dem vollbesetzten Camp unterfüttert. Die künftigen "Hackonauten" können sich über Strahlung im Weltraum, extraterrestrische Navigationsprobleme und die Finanzierung von Mondmissionen informieren, literarisch gibt es dazu eine Lesung mit Texten der russischen Science-Fiction-Autoren Arkadi und Boris Strugazki. Jewgeni Samjatins Roman Wir vom Leben eines Raketenbauers ist nicht der Stoff, der Hacker inspirieren könnte. Der Optimismus der Hacker erinnert in Vielem an die Weltraumbegeisterung eines Mark Shuttleworth oder einer Esther Dyson.

Etwas näher an der Erde gestaltet sich der Probeflug von Open Leaks, von dem Daniel Domscheit-Berg berichtete. Die Plattform zur Abgabe von Material durch Whistleblower ist fertig und steht für die Dauer des Camps unter leaks.taz.de für Stresstests aller Art zur Verfügung. Wer sich über die Domain wundert: die tageszeitung (taz) und die Wochenzeitung Der Freitag sind die ersten Medienpartner, die mit Openleaks zusammenarbeiten. Der portugiesische Expresso, die dänische Tageszeitung Dagbladet Information und Foodwatch sind weitere Partner.

Zur Präsentation von Openleaks kamen die isländische Parlamentarierin Birgitta Jonsdottir, die im "Village" von OpenLeaks Vorträge zur IMMI hält, und der Cypherpunk John Gilmore spendete Beifall für das Projekt. Doch bei allem Aktivismus und hervorgesprudelten künftigen Projekten wollte der OpenLeaks-Kopf Domscheit-Berg realistisch bleiben: "Einfach nur eine anonyme Dropbox ins Internet zu stellen, das ist es nicht, was eine Leaks-Seite ausmacht." Man will Strukturen einführen, in Deutschland die Gemeinnützigkeit beantragen, einen Standard für anonyme Dokumente entwickeln und Vieles mehr. (vbr)