Chat-Sprache im Visier der Wissenschaft

Die Union deutschen Akademien der Wissenschaften beschäftigt sich auf einer Tagung mit der "Freiheit und die Fesseln der Sprache". Ein Thema ist der besondere Charakter der Chat-Sprache.

Lesezeit: 3 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 138 Beiträge
Von
  • dpa

Lach, grins, grübel und merkwürdige Abkürzungen: In Internet-Chats hat sich nach Untersuchungen von Wissenschaftlern ein neues Deutsch entwickelt. Es habe bisher aber keine negativen Auswirkungen auf die Sprache. Weder Zeitungen noch die Fachliteratur ließen sich von Aktionsworten und Kürzeln der Chat-Sprache beeinflussen, sagte die Linguistik-Professorin Angelika Storrer vor Beginn der Berliner Wissenschaftstagung "In den Netzen der Sprache". Eher sieht sie die Zukunft des Chattens durch die mündliche Kommunikation über den Anbieter Skype bedroht.

Einen ganzen Tag lang beschäftigt sich die Union der Deutschen Akademien der Wissenschaften an diesem Mittwoch mit dem Thema Sprache. Neue Einflüsse wie Kiezdeutsch, Jugendsprache und Chat-Gepflogenheiten begreifen Sprachwissenschaftler dabei zumeist als Bereicherung und nicht als Bedrohung des Deutschen. "Für Chats kann ich Entwarnung geben", berichtete Storrer, Linguistik-Professorin an der Universität Dortmund, im dpa-Gespräch. Außerhalb des Internet tauche Chat-Sprache bisher lediglich in Abi-Zeitungen gehäuft auf. Die Belletristik spiele höchstens – wie zum Beispiel Daniel Kehlmann in "Ruhm" – ironisch mit Chat-Protokollen.

Typisch für die schnelle Kommunikation via Internet sind Emoticons, fast wie eine Geheimsprache wirken für Außenstehende die Abkürzungen "rofl" (rolling on the floor laughing) oder "afk" (away from keyboard). Mit der verkürzenden SMS-Kommunikation gibt es Überschneidungen. Aktionsworte wie "schmoll, knuddel, dahinschmelz, däumchendreh" sind dagegen Eigenheiten des Chats und simulieren Mimik oder Gestik. Auf den ersten Blick erinnert das an Comicsprache.

"Chat-Schreiber stehen unter Zeitdruck und müssen möglichst ökonomisch tippen", erläuterte Storrer. "Denn Schnelligkeit wird oft als schön empfunden." Sie hat für ihre Studie 480 Chat-Protokolle auf ihre Besonderheiten untersucht. Eine einheitliche Chat-Sprache gebe es nicht, betonte die Forscherin. Die Beiträge unterschieden sich nach ihrem Anlass, sei es nun Freizeit, Bildung oder Flirt. Typisch für alle Chats sei jedoch ein spürbarer Stresslevel. Bei einem Test wechselten die Beteiligten 13 Mal in der Minute zwischen Lesen und Schreiben. Häufig entstehen dabei unzählige Rechtschreibfehler. Sie erklärt sich Storrer jedoch eher mit Zeitdruck als mit dem Unvermögen der Schreibenden.

Vielleicht ist der Chat schon bald wieder aus der schnelllebigen Internet-Welt verschwunden. "Das Skypen ist dabei, dem Chatten den Rang abzulaufen", berichtet Storrer. Besonders im Beruf verdränge die mündliche Kommunikation per Internet und Webcam das schnelle Getippe im Netz. In der psychosozialen Beratung sieht die Wissenschaftlerin eine dauerhaftere Nische für den Chat. Denn das oft anonyme Schreiben nehme Schwellenängste. (Ulrike von Leszczynski, dpa) / (anw)