Menü

Chats mit mutmaßlichem Wikileaks-Informanten veröffentlicht

vorlesen Drucken Kommentare lesen 67 Beiträge

Nachdem verschiedene Medien etliche Details über den mutmaßlichen Whistleblower Bradley Manning veröffentlicht haben, hat sich das US-Magazin Wired entschlossen, den nach eigenen Angaben vollständigen Chat von Manning mit dem Ex-Hacker Adrian Lamo zu veröffentlichen. Wired folgt damit dem Beispiel der britischen Tageszeitung The Guardian, die einen Chat von Manning mit dem homosexuellen Aktivisten Zach Antolak veröffentlicht hatte. Beide Dokumente werfen ein Licht auf die extreme Gefühlslage des US-Gefreiten, dem unter anderem Landesverrat vorgeworfen wird. Dem in einem Militärgefängnis internierten Manning drohen Strafen, die sich auf bis zu 52 Jahren Haft
addieren können.

Es sei journalistische Pflicht, den vollständigen Chat von Manning und Lamo zu veröffentlichen, schreibt Wired-Autor Evan Hansen im Vorwort und beruft sich dabei auf die ethischen Richtlinien der Society of Professional Journalists. Die Redaktion von Wired glaubt nach eigenen Angaben, dass die Veröffentlichung des Chatprotokolls Manning nur "wenig zusätzlichen Schaden" zufügen werde. Diese Absicherung dürfte damit zusammenhängen, dass mit der Veröffentlichung klar wird, dass Manning die Quelle der spektakulären Wikileaks-Veröffentlichungen der jüngeren Vergangenheit ist. Die Whistleblower-Plattform hatte unter anderem ein Video von einem Militäreinsatz im Irak sowie zahlreiche Dokumente und diplomatische Depeschen der USA veröffentlicht.

Die Lektüre lohnt sich, weil der längere Text eindrücklich klar macht, wie geschickt der Geheimdienst-Informant Lamo dem offenbar verzweifelten Manning nach und nach alle wichtigen Details über die Dokumente entlockt, die dieser Wikileaks weiterreichte. Das fängt damit an, dass Lamo sich als Geistlicher ausgibt und Manning rechtlichen Schutz verspricht. Es endet in dem Moment, in dem Lamo den Aufenthaltsort von Manning erfährt und dieser festgenommen werden kann.

Manning selbst ist offenbar zu verzweifelt, um die Ausforschung zu bemerken. Zum Zeitpunkt des Chats ist er von seiner Arbeit als Informationsverdichter militärischer Geheimnisse im Irak entbunden und wartet auf die Heimkehr in der Hoffnung, dort eine Hormonbehandlung durchführen zu können. Mit ihr hoffte der junge Soldat auf ein neues Leben als Breanna Manning, für die er bereits Twitter- und Facebook-Accounts angelegt hat.

Die beklemmendste Passage des Chats ist Mannings Schilderung, wie er in einem Verzeichnis eines Offiziers das Video entdeckt, das in einer dramaturgisch aufbereiteten Version "Collateral Murder" den Weltruhm von Wikileaks begründete. Was dem Gefreiten zunächst wie eine normale Kampfhandlung vorkommt, empört ihn später, als er das Datum und die GPS-Koordinaten der Kampfhandlung in Google eingibt - und auf einen Artikel der New York Times aus dem Jahre 2007 stöß, in dem es um die Tötung zweier Reuters-Journalisten im Irak geht. Was Manning besonders empört, war das Schweigen der "eingebetteten Reporter" wie David Finkel. (vbr)