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Chemie: Forscher untersuchen Kreativität in Mikrodosen

Anekdotische Berichte über eine Steigerung der Schöpferkraft durch psychedelische Pilze und LSD bekommen zunehmend Rückhalt aus der Wissenschaft.

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Der Spitz­kegelige Kahlkopf wächst in gemäßigten Zonen. Dort ist er der häufigste psilocybin­haltige Blätterpilz.

(Bild: Patrick Ullrich / Wikimedia / Psilocybe semilanceata / cc by-sa 3.0 )

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Die Idee, psychedelische Drogen wie LSD als Kreativitätsbooster zu nutzen, ist nicht neu. Schon in den 1960er wurde ihre Wirkung auf das Bewusstsein intensiv unter die Lupe genommen. Die Auswüchse der 68er-Kultur haben jedoch in den meisten Ländern zu Verboten geführt und damit diese Forschung im Keim erstickt. Seit einigen Jahren erlebt das Feld eine wahre Renaissance, berichtet Technology Review in seiner neuesten Ausgabe 12/2019.

TR 12/2019

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Die Pharmakologin Kim Kuypers von der Universität Maastricht ließ Freiwillige Intelligenz- und Kreativitätstests vor und nach der Einnahme eines psychedelisch wirkenden Tees aus dem Amazonasgebiet durchführen. Die Probanden bekamen verschiedene Bilder gezeigt: von einem Junikäfer, einer Brille, einem Mikroskop und einer Kiste. Sie sollten angeben, welche Bilder zusammenpassen. Beim Test des logischen Denkens galt es, auf die richtige Lösung zu kommen; beim kreativen Denken ging es um alternative Beziehungen zwischen den abgebildeten Gegenständen. Es zeigte sich: Der Tee förderte das schöpferische divergente Denken, während es das systematische konvergente Denken verschlechterte.

"Einige Studien weisen darauf hin, dass sich in manchen kognitiven Tests die Kreativität entweder direkt nach der Einnahme einiger Psychedelika und bis zu zwei Wochen danach steigert", bestätigt Henrik Jungaberle. Der Gesundheitswissenschaftler und Psychotherapeut ist Direktor der Wissenschaftsorganisation Mind – European Foundation for Psychedelic Science. "Die Probanden sind dann in Tests kognitiv weniger starr und flexibler im Denken."

Aber die "Bewusstseinserweiterung" hat ihren Preis: Erbrechen, Unwohlsein, Bluthochdruck. Auch Angst, Paranoia bis hin zu Psychosen können die Folge sein. Die psychedelischen Drogenexperimente der Flower-Power-Bewegung prägten nicht grundlos den Begriff Horrortrip.

Ein aktueller Trend geht daher zu Halluzinogenen in Kleinstdosen: Mit LSD oder psychoaktiven Pilze wollen vor allem Großstadt-Kreative zwischen Berlin und San Francisco ihrer Leistungsfähigkeit auf die Sprünge helfen, ohne diesen Preis zahlen zu müssen. Ob die Wirkung tatsächlich eintritt, untersuchte die Kognitionspsychologin Luisa Prochazkova von der Universität Leiden 2018 auf einem Microdosing-Event der Dutch Psychedelic Society. Sie stellte den Einfallsreichtum von Freiwilligen auf die Probe, die psychedelische Pilze zu sich nahmen. Nach der Einnahme in Mikrodosen dachten die Probanden experimentierfreudiger als vorher. Prochazkova vermutet, dass Mikro­dosen tatsächlich wirken wie gewünscht, aber ohne den Kontrollverlust einer vollen Dosis in Kauf nehmen zu müssen.

Schattenseiten haben aber auch die Mikrodosen. Der Psychologe Rotem Petranker von der York University in Toronto fragte 250 Mikrodoser nach den besonderen Herausforderungen des Konsums. Rund 20 Prozent hatten körperliche Beschwerden wie Schlaflosigkeit und verminderten Appetit. Die meisten aber klagten nicht über körperliche Beschwerden, sondern über den gesellschaftlichen Umgang mit diesen Drogen. Rund 30 Prozent nannten die Illegalität. Petranker plädiert daher für mehr Forschung auf diesem ­Gebiet. Wo ist beispielsweise die Grenze zwischen gefährlicher Dosis und kreativitätssteigernder Mikrodosis? Forscher wünschen sich zudem eine medizinische Regulierung für Halluzinogene statt eines pauschalen Verbots, denn eine generelle Legalisierung ist sicher keine Option. Zu groß sind die Gefahren des Kontrollverlustes unter dem Einfluss der Drogen – das haben die Erfahrungen der 1960er-Jahre gezeigt.

Mehr über die Chemie der Kreativität erfahren Sie in der neuen Dezember-Ausgabe von Technology Review (im gut sortierten Zeitschriftenhandel und im heise shop erhältlich).

(jle)