China: Kartendienst gibt Standorte von Internierungslagern preis

Eigentlich soll Baidu Maps die Standorte von Lagern zur Internierung der Uiguren verstecken. Stattdessen hat die Zensur Journalisten bei der Suche geholfen.

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Einer der größten Lager – mit einer Länge von mehr als zwei Kilometern.

(Bild: Googe Earth)

Von
  • Martin Holland

Anhand von ungewöhnlichen Zensurkacheln im chinesischen Kartendienst Baidu Maps haben US-Journalisten Hunderte mutmaßliche Internierungslager identifiziert, in denen China offenbar Angehörige muslimischer Minderheiten gefangen hält. Die massive Unterdrückungskampagne gegen die Uiguren beruht also nicht nur auf modernster Technik, sondern kann gleichzeitig auch damit analysiert werden. Schon seit Jahren gibt es immer wieder Berichte über die wohl umfangreichste Masseninternierung einer ethnisch-religiösen Minderheit seit dem Zweiten Weltkrieg, aber noch immer sind viele Details unbekannt – auch wegen der Vertuschung durch China.

Wie Buzzfeed nun erläutert, waren Journalisten darauf aufmerksam geworden, dass es auf Baidu Maps eine eigene Ebene gibt, in der Kacheln gespeichert werden, die bestimmte Areale bedecken – wie es das in ähnlicher Weise auch bei anderen Kartendiensten gibt. Vor den neugierigen Blicken seien auf diese Weise Orte von strategischer Bedeutung verborgen worden, etwa Militärbasen, Kraftwerke und auch kommerzielle Einrichtungen. Die meisten der bereits bekannten, sogenannten "Umerziehungslager" gehörten ebenfalls dazu. Als sich die Journalisten auf ihrer Suche dann auf zensierte Areale an naheliegenden Standorten für die Lager beschränkten, fanden sie immer noch rund 50.000, die sie systematisch und automatisiert anhand alternativer Satellitenbilder prüfen konnten.

Insgesamt fanden sie auf diesem Weg 428 Einrichtungen, die Anzeichen von Gefängnissen und Internierungslagern hatten, schreiben sie. 268 davon seien in den vergangenen Jahren neu errichtet worden, einige hätten Platz für mehrere 10.000 Personen. Andere würden inzwischen offenbar nicht mehr genutzt, in deren Nähe seien aber oft in Rekordzeit moderne Anlagen entstanden. Um an aktuelle Satellitenaufnahmen für ihre Analyse zu gelangen, griffen die Journalisten demnach nicht nur auf Google Maps, sondern auch die des ESA-Programms Copernicus zurück. Der Satellitenbild-Anbieter Planet setzte demnach sogar einen eigenen Satelliten auf Areale an, die seit fast 15 Jahren nicht mehr aus dem All fotografiert wurden.

Mit dieser Analyse von Satellitenbildern und Kartendiensten haben die Journalisten dem Bild des chinesischen Vorgehens gegen die Uiguren ein weiteres Puzzlestück hinzugefügt. Beobachtern zufolge könnten bis zu einer Million Angehörige der etwa 15 Millionen Menschen zählenden muslimischen Minderheit interniert sein. Zu deren Kontrolle hat die chinesische Führung ein "alptraumhaftes System" völliger Überwachung eingerichtet, hatte Human Rights Watch Anfang des Jahres erklärt. Dafür greift Peking unter anderem auf eine App zurück, die große Teile des Überwachungsapparats zusammenführt. Die Führung in Peking weist die Berichte zurück und spricht von Maßnahmen gegen Separatismus und Terrorismus.

(mho)