China spielt erste Geige am Displaymarkt

Bislang waren die Rollen klar: Südkorea dominiert den Displaymarkt, Japan forscht und Taiwan steuert Panels bei. Seit Jahresbeginn wendet sich das Blatt.

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Die koreanische Dominanz am LCD-Markt neigt sich offenbar dem Ende zu: Anfang 2018 produzierten chinesische Displayhersteller nur 3,6 Prozent aller großen LCD-TV-Panels. Im ersten Quartal 2019 stammten bereits fast 34 Prozent aller TV-Panels mit Diagonalen ab 60 Zoll von chinesischen Herstellern – ein sagenhafter Zuwachs von 1167 Prozent.

Federführend ist hier BOE, dessen Panelfabrik der Generation 10.5 deutlich schneller Fahrt aufgenommen hat als von vielen Beobachtern erwartet. BOE produzierte im ersten Quartal 29 Prozent aller LCD-Panels mit 60 Zoll Diagonale und größer. Dabei erreichte die 10.5-Fab von BOE nach Einschätzung der Marktforscher von IHS gerade erst ihre volle Auslastung: 120.000 Substrate können laut IHS in der Megafabrik monatlich vom Band laufen. Die Substrate sind 3,37 m × 2,94 m groß und nur wenige Millimeter dünn. Und aus jedem dieser Muttergläser können eine Menge 65-Zöller geschnitten werden. Bisher gab es nur eine einzige Gen-10-Fabrik von Sharp, die von Hon Hai, also Foxconn übernommen wurde.

BOE Displays (4 Bilder)

BOE zeigte im vergangenen Jahr auf der Display Week aktuelle Entwicklungen, darunter ein kontraststarkes 8K-LCD mit Mini-LEDs im Backlight...
(Bild: Ulrike Kuhlmann, heise online)

In einer neuen 10.5-Fab von ChinaStar ist im ersten Quartal ebenfalls die Serienfertigung angelaufen; auch hier wird es in absehbarer Zeit einen erheblichen Output an großen LCD-Panels geben. Die chinesischen Hersteller CEC Panda Chengdu und CHOT (CEC Caihong Optoelectronics Technology) wollen demnächst in ihren Fabriken der 8.6-ten Generation die Massenproduktion aufnehmen. In der zweiten Jahreshälfte startet Foxconn/Sharp die Produktion in einer neuen 10.5-Fab in Guanghzou.

So könnten die bislang führenden koreanischen LCD-Hersteller künftig das Nachsehen haben: In den Mega-Fabriken mit ihren riesigen Muttergläsern lassen sich die großen LCD-TV-Panels deutlich günstiger produzieren als in den Gen-8.5-Fabs von Samsung und LG Displays mit 2,50 m × 2,20 m "kleinen" Substraten. Und die Investitionskosten für neue Gen-10.5-Megafabs gehen in die zig Milliarden, das werden auch die beiden koreanischen Platzhirsche nicht mal eben locker machen können.

BOE produziert bereits jetzt 24,6 Prozent aller LCD-Panels ab 9 Zoll Diagonale – insgesamt waren es im ersten Quartal 2019 rund 178 Millionen Panels weltweit. Damit hat der chinesische Konzern den koreanischen Konkurrenten LG Displays abgehängt, auf den 18,8 Prozent aller größeren LCD-Panel entfallen.

Bezogen auf die im ersten Quartal ausgelieferte Panelfläche von 49,1 Millionen Quadratmetern (wie viele Fußballfelder sind das eigentlich?) liegt LG Displays noch knapp vor BOE: 20 Prozent der gesamten Panelfläche für LCDs in Geräten mit mindestens 9 Zoll Diagonale stammt von LG. Der chinesischen Hersteller BOE klebt dem koreanischen Unternehmen allerdings mit 19,9 Prozent Flächenanteil direkt an den Hacken. Der zweite koreanische LCD-Spezialist Samsung steuert immerhin 16,6 Prozent der Gesamtfläche für größere Flüssigkristallpanels.

Die 75-Zoll-Panels aus BOEs Mega-Fab werden vornehmlich von LG, Samsung und Hisense in großen LCD-Fernsehern verbaut.

(Bild: IHS)

Die enormen Kapazitäten der neuen LCD-Fabs wird den Preiskampf der Panelhersteller weiter befeuern – die Kunden dürfen sich freuen, denn die großen TVs sollten damit nach dem Preisrutsch der vergangenen zwei Jahre nochmal günstiger werden.

Gekauft werden die großen Panels mit 65- und 75-Zoll (1,65 m bzw. 1,90 m Diagonale) übrigens von allen großen TV-Herstellern – auch und gerade von Samsung, LG Electronics. Die haben zwar mit LG Displays und Samsung Display eigene Panelproduzenten im Konzernverbund, doch verbaut wird wie in vielen Großkonzernen nach ökonomischen Gesichtspunkten – wenn das Panel von der Konkurrenz billiger ist, wird eben das genommen.

Seine 65-zölligen LCD-Panels verkauft BOE außer anLG Electronics, Samsung und Hisense an chinesische TV-Hersteller.

(Bild: IHS)

Fragt sich, wie es bei den OLEDs weitergeht. Auch hier wollen die chinesischen Hersteller groß einsteigen, die Technik scheint aber noch etwas komplizierter zu sein. Bislang ist hier LG Displays Platzhirsch bei den großen OLEDs für TVsund Samsung bei den kleinen organischen Displays für Smartphones, Tablets und Notebooks.

Gerade Samsung dürfte sich bereits gegen die Attacken der chinesischen Produzenten wappnen: Die kleineren Größen scheinen einfacher beherrschbar und bei Ausfall einzelner Pixel ist nicht gleich eine große Fläche hin ist, sondern "nur" ein kleines Smartphone-Panel. Außerdem müssen die kleinen OLEDs im Smartphone nicht so lange durchhalten wie die organischen Displays im großen TV – die Mobilgeräte werden von den Kunden ohnehin nach wenigen Jahren ausgewechselt. Vom TV-Display erwarten Kunden dagegen eine deutlich längere Haltbarkeit.

Aber auch LG Displays kann sich keinesfalls beruhigt zurücklehnen: Zum einen hagelt es immer wieder Kritik an den Negativseiten der OLED-TVs wie dem Einbrenneffekt. Zum anderen haben die chinesischen Hersteller für große OLED-Panels ebenfalls neue Fabriken angekündigt. So wollen BOE und CSOT Gen-10-Fabs bauen, in denen OLEDs für große TVs produziert werden. Immerhin: Auch LG Displays baut derzeit eine Fabrik der Generation 10.5, in der ab 2020 große OLED-Panels vom Band laufen sollen. Die organischen Panels sollen dadurch nur noch 1,4-mal so teuer sein wie ihre LCD-Pendants – es könnte sein, dass der Preisrutsch bei beiden Panelvarianten am Ende größer ausfällt als erwartet. (uk)