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Chinas Internetriese Alibaba vor dem Börsengang: Wasch mich, aber mach mich nicht nass

Alibaba will zwar Geld von Anlegern nehmen, ihnen aber keinen Einfluss gewähren. Die Börse in Hongkong hat das abgelehnt, doch in New York ist Alibaba willkommen. Über die Plattformen von Alibaba werden 80 Prozent des Online-Handels in China abgewickelt.

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Alibaba, der größte Online-Händler der Welt, arbeitet weiter an seinem Börsengang. Spekuliert wird mit einem Erlös von bis zu 20 Milliarden US-Dollar. Zum Vergleich: Bei Facebook waren es 16 Milliarden. Am Dienstag ist eine neue Version des vorläufigen Alibaba-Börsenprospekts erschienen. Er weist auf zahlreiche Unwägbarkeiten hin, die neue Alibaba-Aktionäre eingehen müssten. Insbesondere erhalten die Aktionäre keinen Einfluss auf die Unternehmensführung. Und wirtschaftlich ist die Firma sowieso von ihren Gründern, allen voran Jack Ma, abhängig.

Alibaba Group Holding Limited heißt jene auf den Kaimaninseln registrierte Holding mit 202 Tochtergesellschaften, deren Wertpapiere bald an der New York Stock Exchange gehandelt werden sollen. Über die Plattformen von Alibaba werden 80 Prozent des Online-Handels in China abgewickelt, das Management sitzt in Hangzhou in der Volksrepublik China. Kontakt wäre aber bitte über ein Büro in Hongkong aufzunehmen.

An der dortigen Börse sollte Alibaba ursprünglich gelistet werden. Doch diese Börse pocht (noch?) darauf, dass jede Aktie die selben Rechte verbriefen muss. Also weicht Alibaba nach New York aus. Weiterer Vorteil: Ausländische Börsenunternehmen sind in den Vereinigten Staaten von zentralen Anlegerschutzbestimmungen ausgenommen.

Thomas Coutures Gemälde "Die Dekadenz der Römer" (1844-1847)

(Bild: Von Liberal Freemason bearbeitetes Foto: CC-BY-SA 3.0 Unported)

Dass Firmengründer gerne Aktien verkaufen, aber die Kontrolle über "ihre" Firma behalten möchten, ist kein chinesisches Unikum. Bei Facebook läuft das über zwei unterschiedliche Aktiengattungen, bei Google gibt es sogar deren drei. Bei Alibaba steht indes der Verwaltungsrat im Zentrum: Die Firmengründer um Firmenchef Jack Ma haben sich in der "Alibaba Partnerschaft" (AP) zusammengeschlossen. AP behält sich das Recht vor, immer eine Mehrheit der Verwaltungsräte zu bestimmen.

Außerdem hat sie sich Zugriff auf jene Stimmrechte gesichert, die eigentlich bei den Teilhabern SoftBank und Yahoo liegen. SoftBank wird über 30 Prozent der Aktien halten und darf dafür einen weiteren der voraussichtlich neun Verwaltungsräte stellen. Andere Aktionäre können zwar versuchen, ebenfalls Verwaltungsräte zu wählen. Diese Vertreter werden in dem Gremium aber immer der Minderheit bleiben. Diese Bestimmungen könnten nur geändert werden, wenn es eine Aktionärsversammlung mit mehr als 95 Prozent der Stimmen beschließt. Der Verwaltungsrat kann übrigens jederzeit neue Aktiengattungen festlegen und verteilen, ohne dass die Aktionäre mitreden dürfen.

"Diese Struktur von Führung und vertraglichen Beziehungen wird Ihre Möglichkeit, Unternehmensbelange zu beeinflussen, einschränken", heißt es entsprechend im Börsenprospekt, "Inklusive jeglicher Angelegenheiten, die auf Ebene des Verwaltungsrates bestimmt werden." Und weil sich vielleicht niemand findet, der Anteilsscheine an so einer Firma halten möchte, "könnte das auch den Preis, den einige Investoren für Ihre (Wertpapiere) zu zahlen bereit sind, entscheidend senken."

Vereinfachte Darstellung der Umgehungskonstruktion mit Variable Interest Entities.

(Bild: Entwurf des Aliabab-Börsenprospekts, via SEC)

Die im Börsenprospekt genannten Finanzzahlen sollten mit einer Priese Salz genossen werden. Es werden Umsätze von Unternehmen konsolidiert, die gar nicht im Eigentum der Alibaba Holding stehen. Vielmehr gehören sie zu 80 oder gar 90 Prozent Ma, der Alibaba-Mitgründer Simon Xie besitzt den Rest. Sie werden im Börsenprospekt als "Variable Interest Entities" (VIE) bezeichnet und sind nur durch Verträge an Alibaba gebunden. Das Kapital dieser Firmen stammt aus zinsenfreien Darlehen Alibabas.

Die VIE sind für den Konzern "von materieller Bedeutung", obwohl sie auf dem Papier nur einen kleinen Teil des Umsatzes erzielen. Denn die VIE halten erforderliche Lizenzen und führen den Betrieb in Bereichen, die in China von Rechts wegen Inländern vorbehalten sind. Und der allergrößte Teil des Alibaba-Umsatzes wird in China erzielt. Ohne diese Lizenzen, die etwa für Onlinewerbung erforderlich sind, wäre das nicht darstellbar.

Mit den VIE-Verträgen sollen also Normen der Volksrepublik umgangen werden. Frage an die chinesischen Anwälte Alibabas: Ist diese Konstruktion in China legal? Antwort laut Prospekt: Im Prinzip ja, aber vielleicht auch nicht. Und das wäre dann ganz schlecht für Alibaba und seine Aktionäre.

Fast 80 Prozent des Umsatzes mit chinesischen Endkunden wird über den Paypal-ähnlichen Dienst Alipay abgewickelt. Alipay wurde im Dezember 2010 unter einem Vorwand ausgegliedert und steht seither unter der Kontrolle von – erraten – Herrn Ma. Alipay dürfte über kurz oder lang die Aufmerksamkeit der Behörden der Volksrepublik auf sich ziehen.

Denn wohlhabende Chinesen nutzen Alipay, gerne auch in Verbindung mit Alibaba-Umsätzen, zur Umgehung von Devisenexportbeschränkungen. Und auch chinesische Banken sehen die Konkurrenz nicht gerne. Sie haben mit niedrigen Limits für automatische Überweisungen zu Alipay reagiert.

Kurioser Weise erhalten die Alipay-Mitarbeiter einen Teil ihres Gehalts in Form von Alibaba-Aktien, und umgekehrt erhalten Alibaba-Mitarbeiter Alipay-Anteile. Die dabei an Alipay-Mitarbeiter ausgegebenen Alibaba-Aktien werden aber nicht etwa von Alipay gekauft, sondern gehen auf das Konto von Alibaba selbst: Die Anteile der Alibaba-Aktionäre werden also zugunsten Alipays verwässert. Diese Kosten seien "potenziell signifikant", wird gewarnt.

Das es unabhängig von diesem Strukturen grundsätzlich riskant ist, in der juristisch unsicheren Volksrepublik China Geschäfte zu machen, versteht sich von selbst. Übrigens: "Eine signifikante Zahl" der kleinen Firmen und Einzelunternehmer, die auf Alibabas Marktplatz Taobao ihre Waren anbieten, "könnte die erforderliche Steuerregistrierung nicht ausgefüllt haben", weiß Alibaba. Sollte die Steuerbehörde da einmal durchgreifen, könnte das übel sein für Alibabas weiteren Geschäftsverlauf, erläutert der Prospekt.

Alldieweil gibt es keine Pläne, Dividenden auszuschütten. Etwaige Gewinne sollen im Unternehmen reinvestiert werden. Ändern können das die Aktionäre nicht. Nur der Verwaltungsrat. Und den kontrolliert, richtig, die Alibaba Partnerschaft.

Ma und Xie versuchen augenscheinlich noch auf andere Weise, mit geringem Risiko Geld zu machen. Xie borgte sich von Alibaba eine gute Milliarde Dollar aus und investierte sie in eine Firma, die zu zehn Prozent ihm und zu 90 Prozent Ma gehört. Dieses Unternehmen erwarb wiederum Anteile an einem Medienunternehmen, welches dann eine Partnerschaft mit Alibaba einging.

Gewinnt die Beteiligung an diesem Medienunternehmen an Wert, kann Xie das Darlehen zurückzahlen und sich gemeinsam mit Ma an der restlichen Wertsteigerung ihrer Beteiligung erfreuen. Alibaba erhält maximal die Kreditzinsen, trägt aber wohl das Risiko, dass die Privatinvestition seiner beiden Manager schief geht. Ob und welche Sicherheiten Xie für den Milliardenkredit hinterlegt hat ist nicht bekannt. (ds)