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Choose your side! – Kommentar zur Debatte um Sexismus in Videospielen

Die Videobloggerin Anita Sarkeesian musste nach heftigen Drohungen ihr Haus verlassen. Noch immer werden solche Belästigungen oft bagatellisiert. Damit muss endlich Schluss sein - auch, um endlich inhaltlich diskutieren zu können.

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Es gibt keinen Grund, jemanden sexuell zu belästigen oder mit Mord zu drohen. Weder off- noch online. Das sollte selbstverständlich sein, aber offenbar muss das nochmal klargestellt werden. Denn mit und nach der neuerlichen Belästigung von Anita Sarkeesian wurde in der Debatte um feministische Kritik an Videospielen ein neuer Tiefpunkt erreicht. Immer noch stellen sich viel zu viele gegen die Opfer und schützen damit auch die Täter. Und davon habe ich die Schnauze gehörig voll.

Anita Sarkeesian kritisiert Videospiele. Sie kritisiert sie nicht allgemein, sondern unterzieht sie ihrer Kritik – einer feministischen. Es geht um sexistische Klischees und Rollenbilder. Solche Kritik gehört zur Auseinandersetzung mit Kunst und dazu wollten Spieler ihre Spiele ja immer gezählt sehen. Doch viele kommen damit nicht klar und fühlen sich so angegriffen, dass sie meinen, gegen Sarkeesian hetzen zu können. Werden die Angriffe beklagt, wird oft erwidert, sie sei selbst schuld oder so sei das halt und damit müsse sie klarkommen. Andere werfen ihr sogar vor, das zu befördern oder zumindest auszunutzen, als Publicity.

Die meisten merken dabei wohl gar nicht, wie sie den Trollen und Hetzern auf den Leim gehen und sie damit schützen. Denn immer wird zumindest implizit anerkannt, dass es Situationen gibt, in denen solche Belästigungen verständlich, ja vielleicht zwangsläufig sind. Aber nein, die gibt es nicht, denn "es gibt keinen Grund, jemanden sexuell zu belästigen oder mit Mord zu drohen". Gleichzeitig lenken diese persönlichen Angriffe und die halbherzigen Erwiderungen davon ab, dass die Diskussion über Klischees in Spielen geführt werden muss. Von Spielern mit den verschiedensten persönlichen Erfahrungen, Feministen, Homosexuellen, Transsexuellen, Muslimen und ja, auch heterosexuellen weißen Männern aber noch so vielen mehr. Sie alle haben eine ganz eigene Perspektive und können helfen, hinter die Pixel und Framerates zu gucken.

Ich möchte endlich darüber reden, warum ich in Super Meat Boy noch immer eine hilflose Frau retten muss, 30 Jahre nach Donkey Kong und Jahrtausende nach Andromeda. Warum werden weibliche Charaktere viel zu oft als bloße Objekte und nicht als Subjekte dargestellt? Gesellschaftlich haben wir dieses Bild doch weitgehend hinter uns gelassen, nur Videospiele bleiben viel zu oft in einer Zeit gefangen, in der es sie noch gar nicht gab. Was soll ich und was sollen unsere Kinder mit einem derart antiken Rollenbild anfangen? Worauf bereitet es sie vor? Ja, es gibt Gegenbeispiele, wie Braid, das den Spieler mit einer "hilflosen jungen Maid" an der Nase herumführt. Aber es sind eben noch viel zu wenige.

Klischees in Videospielen

(Bild: Anita Sarkeesian)

Und es geht auch gar nicht darum, sexistische Inhalte zu verbieten. Man muss sie aber sexistisch nennen können, ohne dafür im Netz oder irgendwo sonst beschimpft, verleumdet, belästigt oder bedroht zu werden. Und wenn Hetzereien "nun einmal zum Internet gehören", Entschuldigung, aber dann ist doch etwas mit dem Internet nicht in Ordnung, nicht anders herum. Wir sind das Internet, wir haben es erlaubt, dass es so wird, also können wir auch dafür sorgen, dass es sich ändert. Wir alle dürfen nicht mehr wegsehen oder so etwas stillschweigend akzeptieren. Es braucht doch auch keine Polizei, um zu verhindern, dass andauernd wahllos Frauen auf der Straße verprügelt werden, nur "weil es halt so ist".

Ja, die Debatte um Sexismus in Videospielen (und anderen Medien) muss geführt werden und nein, Sakreesians Weg ist nicht der einzig mögliche. Aber es muss endlich unmissverständlich klar sein, dass sexuelle Belästigungen, Hetzkampagnen oder gar Todesdrohungen nicht toleriert werden, weder in dieser Debatte, noch in einer anderen. Und nein, daran ist nicht das Opfer schuld. Das wäre ja noch schöner. Jeder der solch ein Verhalten legitimiert, etwa in dem er einen Teil der Schuld auf die Angegriffenen abschiebt, gibt jenen Deckung, die das Internet und hin und wieder auch mal ein Leben kaputt machen. Und wer denen Deckung gibt, steht auf der falschen Seite. Deswegen heißt es jetzt, Seiten wechseln. Damit wir endlich die Debatten führen können, um die es eigentlich gehen sollte. (mho)

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