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Chrome-Browser blockiert nervende Werbung

Google schaltet seinen Werbefilter im Chrome-Browser scharf: Er blockiert ab sofort nervige Werbe-Pop-Ups und stoppt plärrende Videos, die automatisch starten. Doch nicht jeder ist davon begeistert.

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Chrome-Browser filtert nervende Werbung

Werbung im Netz kann unglaublich nerven – das weiß auch Google, die selbst viel Geld mit Bannern verdienen. Ausgerechnet Googles Chrome-Browser blockiert ab dem heutigen Donnerstag allzu nervige Werbeanzeigen und fungiert damit als moderater Adblocker. Der Filter entfernt beispielsweise riesige Werbe-Pop-ups mit winzigen Schließen-Icons und stoppt Videoclips, die automatisch losplärren. Seitenbetreiber müssen als unzulässig erachtete Werbeformen ersetzen, um keine Umsatzeinbußen zu riskieren. Im Idealfall muss der Chrome-Adblocker also gar nichts blockieren.

Beim Aufruf einer Webseite prüft Chrome zunächst, ob diese bereits gegen die Better-Ads-Standards verstoßen hat. Wenn ja, checkt der Browser die Netzwerkanfragen der Seite, zum Beispiel die für Bilder und JavaScript-Dateien. Es erfolgt ein Abgleich der URL-Muster mit den Filter-Regeln der öffentlich zugänglichen EasyList. Gibt es eine Übereinstimmung, blockiert Chrome die Anfrage – die Werbeanzeige ist nicht mehr zu sehen.

Pop-ups, Klebebanner und plärrende Videos, die automatisch starten – das sind die nervigsten Werbeformate im Netz.

(Bild: Coalition for Better Ads)

Bei Verstößen gegen die Better-Ads-Standards erhält der Seitenbetreiber zunächst eine Warnung. Ignoriert er diese wiederholt, filtert Chrome sämtliche Anzeigen von der betroffenen Seite – auch die von Google. Die Nutzererfahrung sei wichtiger als Werbeeinnahmen, betont Vizepräsident Rahul Roy-Chowdhury im Google-Blog.

Der Chrome-Nutzer erhält einen Hinweis, wenn der Browser ein nerviges Banner blockiert hat. Auf Wunsch lässt sich die Werbung auf der besuchten Webseite per Klick komplett freigeben. Seitenbetreiber können den Status ihrer Seite jederzeit über den "Ad Experience Report" in der "Google Search Console" abfragen.

Dass ausgerechnet Google einen solchen Filter in seinen Browser einbaut, mag verwundern. Und tatsächlich "ziehen wir daraus keinerlei Nutzen", gibt Google-Manager Michael Todd zu. Zumindest kurzfristig nicht: Langfristig dürfte Google darauf setzen, dass weniger Chrome-Nutzer einen Adblocker installieren und aktivieren – schließlich kümmert sich nun der Browser von Haus aus um Werbung, die nervt. Google gibt zu bedenken, dass herkömmliche Adblocker auch Seitenbetreiber schädigen, die keine "störende" Werbung einbinden.

Allerdings sind Werbeblocker äußerst beliebt: Laut Global Adblock Report von PageFair waren bereits vor einem Jahr auf 615 Millionen Geräten Adblocker installiert – das sind 11 Prozent der weltweiten Internet-Population. Tendenz: steigend. Adblocker sind inzwischen Mainstream, in allen Altersgruppen, schreiben die Autoren des Reports. Dass die Beliebtheit der Adblocker sinkt, bleibt also abzuwarten.

Kritiker sehen in der Marktmacht von Google ein großes Problem: Das Unternehmen ist nicht nur führend im Online-Werbegeschäft, sondern hat mit Chrome auch den meistgenutzten Browser im Portfolio. (Laut Statista verwenden ihn 60 Prozent der Internetnutzer weltweit. Und es werden immer mehr.) Google argumentiert, dass der Konzern nicht allein entscheide, welche Werbung der Chrome-Browser ausfiltert. Grundlage liefern die "Better Ad Standards", aufgestellt von der "Coalition for Better Ads". Dabei handelt es sich um eine Branchenvereinigung, zu der neben Google und Facebook auch der Axel-Springer-Verlag, Unilever und neuerdings Microsoft gehören.

Im Oktober 2017 hatten die beteiligten Branchenverbände jedoch eine Neuausrichtung und neue Garantien gefordert. Google oder ein anderer Browserhersteller sollten nicht alleine entscheiden dürfen, welche Werbeformen gesperrt werden. Die Werber forderten außerdem einen "sicheren Hafen" für ihre Anzeigen: Es soll eine Garantie geben, dass Browser keine Werbung filtern, die sich an die Better-Ads-Regeln halten. Google war von den Forderungen offenbar überrascht, inzwischen haben die Beteiligten aber einen ersten tragfähigen Kompromiss gefunden.

Der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) betrachtet Googles Bestrebungen dennoch mit Sorge. In einem Statement heißt es: "Hier wird der Gatekeeper mit der Filterung der 'Bad Ads' noch mehr zum Entscheider darüber, wer welche Anzeigen schalten kann und damit Geld verdient". Chrome sei ein "ganz zentraler Teil in der Strategie von Google, die Werbemärkte zu beherrschen".

Mozilla-Manager Nick Nguyen findet außerdem, dass der Werbeblocker von Chrome nicht weit genug geht: "Google Chrome blockiert nur besonders störende Anzeigen, tut jedoch nichts gegen unsichtbare Tracker oder Tracking-Anzeigen, die den Standards der 'Better Ads Coalition' entsprechen, in der Facebook und Google wichtige Partner sind." Der Trackingschutz von Firefox hingegen sei ein Blocker, "der von einer unabhängigen Organisation entwickelt wurde, die kein Werbenetzwerk betreibt". (dbe)

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