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Cloud Gaming: Michael Pachter wettert gegen Free-to-Play-Spiele

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"Ab 2020 wird Cloud Gaming die Herrschaft angetreten haben", eröffnete Analyst Michael Pachter die Konferenz Cloud Gaming USA 2012 im Süden San Franciscos. Der ob seiner markigen, wenngleich nicht immer zutreffenden Aussagen berühmt-berüchtigte Managing Director des Beratungsunternehmens Wedbush Securities spickte seinen kurzen Über- und Ausblick der geschäftlichen Seite der Spielebranche mit interessanten Zahlen.

Waren 2001 bis 2008 Spiele auf Datenträgern für 90 Prozent der Erträge der Branche zuständig, ging es in den Jahren 2009 bis 2011 mit ihnen bergab. Durch den nach Pachters Ansicht einmaligen Spitzenwert von 24 Millionen MMO-Spielern, die eine Monatsgebühr bezahlten, hatten klassische Spielkonsolen Probleme: "Ohne herunterladbare Inhalte hätten viele Hersteller nicht überlebt. Gleichzeitig wanderte in den letzten Jahren die Wii-Konsole auf den Dachboden." Dort warteten schon die Plastikinstrumente von Rock Band und Guitar Hero: Das Musikspielgenre, das 2008 in den USA und in Europa noch über zwei Milliarden US-Dollar und damit neun Prozent des gesamten Schachtel-Umsatzes ausgemacht hatte, brach komplett in sich zusammen.

Bleibt zu fragen: Sind die vielfach beschworenen neuen Casual-Spieler so schnell verschwunden, wie sie durch Wii und Guitar Hero in den Markt eingestiegen sind? Michael Pachter will das nicht so recht glauben: "Nicht-traditionelle Spieler sind nach wie vor aktiv, aber jetzt spielen sie Farmville und Co. Denn so dumm, wie sich die Idee eines virtuellen Bauernhofs anhören mag: Die Spielmechanik ist durchaus süchtig machend und erinnert mich an alte Spielautomaten, bei denen man auch 'nur noch eine Münze' einwarf, um weiterzukommen." Mit zunehmendem Abwechslungsreichtum und immer mehr Zeit, die Spieler mit Social Games verbringen, wird auch die Monetarisierung zunehmen. "Meine Frau hat allein für Bejeweled Blitz 75 Dollar ausgegeben, um mit ihren Freundinnen mithalten zu können", sagt Pachter.

Verlierer der schönen neuen Spielewelt sind nach Pachters Meinung nicht zuletzt dedizierte Handhelds wie 3DS und Vita. "Wer seinen Kindern ein iPhone kauft, fährt damit billiger als mit einem 3DS -- allein, weil so viele Spiele kostenlos sind." Diese fehlende oder allenfalls geringfügige Monetarisierung ist laut Pachter jedoch ein sehr großes Problem. "Bezahlte man früher für einen Einzelspielertitel umgerechnet etwa zwei Dollar pro Spielstunde, sind das bei Vollpreis-Mehrspielertiteln nicht mehr als 15 Cent – großartig für die Kunden, furchtbar für die Entwickler." Diese Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache, besonders, wenn man bedenkt, dass nach Pachters Informationen "Call of Duty" pro Monat 25 Millionen Unique Users besitzt und die Hälfte aller Call-of-Duty-Käufer die Einzelspielerkampagne links liegen lässt, um sich sofort auf den Mehrspielermodus zu stürzen.

"Es ist einfach idiotisch, Spiele zu verschenken. Das macht kein anderes Medium", poltert Pachter. Er sieht im Anzeigengeschäft eine mögliche Lösung. "Wer fern sieht, weiß, dass kostenlose Sender von Werbung finanziert werden. Und ich habe noch niemanden gesehen, der sich über die kurze Werbung zwischen zwei Runden von 'Words with Friends' beschwert. Wir machen uns zu viele Gedanken über die Leute, die abspringen könnten, wenn sie Anzeigen sehen – aber das sind die, die gar nichts für das Spiel zahlen. Wer etwas zahlt, könnte beispielsweise damit die Anzeigen für einen bestimmten Zeitraum unterdrücken."

Die Lösung liege im Cloud Gaming, das Inhalte von einer Server-Farm direkt auf die PCs, Fernseher und Tablets der Kunden streamen. Doch außer seiner Aussage, dass 2020 Cloud Gaming das Rennen gemacht haben werde, hält sich Michael Pachter mit Prognosen auffallend zurück. Sicher, er könne sich vorstellen, dass man sein daheim begonnenes Spiel auf dem Hotelfernseher weiter spielen könne und das Inhalte auf allen nur erdenklichen Geräten abspielbar sein werden. Und natürlich werden Spiele noch mehr zu Diensten werden als bisher: "Halo 4 bietet nach dem Kauf zehn Wochen mit kostenlosen Online-Inhalten, doch was ab der elften Woche passiert, darüber schweigt sich Microsoft noch aus", sagt Pachter.

Eins steht für den Analysten fest: Konsolen werden zu wahren Multifunktionswundern mutieren. "Ich bin mir sicher, dass die nächste Xbox einen Kabeltuner enthält, über den man das TV-Kabel direkt an die Konsole anschließen kann – und die dann das Fernsehbild mit Hilfe von Smart Glass an jeden Bildschirm in WiFi-Reichweite weitergeben wird. Und eines Tages braucht man dann gar keine Konsole mehr, um Konsolenspiele zu genießen – Sony hat ja nicht umsonst Gaikai gekauft", sagt Pachter. Und fügt versöhnend hinzu: "Spiele auf Datenträgern wird es nach wie vor geben, so lange es einen Markt für Einzelspielertitel gibt." Immerhin ein Trost für alle, die noch immer die Haptik einer Spieleschachtel bevorzugen. (hag)

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