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Clubkultur 4.0: Elektronische Tanzlokale zwischen gläsernen Kunden, Online-Booking und handgemaltem Flyer

Gläsern Tanzen

Leichsenring will es mit Big Data in der Clubszene auch nicht übertreiben, warnt vor der Gefahr des "gläsernen Gasts". Vor allem Festivals arbeiteten mittlerweile mit Chipkarten, was gerade für die Betreiber Vorteile bei der Abrechnung von Getränken und Speisen mit sich bringe, die Kunden aber durchsichtig mache. Er selbst sei in Brasilien erst in einen Club gekommen, nachdem er an der Tür seinen Pass habe einscannen lassen. So etwas sei grenzwertig. Auch Modellversuche für eine Art "DJ-Monitor" oder "Verwertungsboxen", die aufzeichnen, was an einem Abend gespielt wird, hätten Vor- und Nachteile. Es sei zwar zu begrüßen, dass so im Fall der Fälle "nicht Dieter Bohlen wieder die Kohle kriegt von der Gema". Andererseits müsse es aber ein Betriebsgeheimnis auch bei der Kunstproduktion im digitalen Zeitalter geben.

Mike Riemel, der Veranstaltungsflyer als Mediengattung untersucht und schon die ein oder andere Technoparty organisiert hat , sieht "Musik-Tracking" und eine allzu offene Clubkultur ebenfalls sehr skeptisch. "In Israel sind 3000 Leute mit einem Schlag ins Gefängnis gewandert, weil sie staatsgefährdende Goa-Musik verbreiteten", gibt er zu bedenken. Auch politische Freiräume, die oft mit Musik zu tun hätten, drohten wegzubrechen.

"Wir zeigen weltweit die Vielfalt, die Schönheit des Clublebens", hält Michail Stangl dagegen, der das Portal Boiler Room in Deutschland betreut, auf dem Videos und Live-Übertragungen von DJ-Gigs im Mittelpunkt stehen. Er hält es für "grandios, wenn Clubs bereit sind, ihre Petrischale mit der Welt zu teilen". in vielen Teilen der Welt gebe es schließlich gar keine Chance, jemals einen großen Meister an den Plattentellern vor Ort zu erleben. Die Aufnahmen gäben der elektronischen Kultur so eine Lobby, ohne jedoch physikalische Schutzräume aufzubrechen: "Wir zerren nichts ans Licht, was noch keiner kennt."

Stangl kann aber trotzdem verstehen, dass viele Betreiber "nicht mit uns zusammenarbeiten wollen". Manche Veranstalter seien darauf aus, "den ganzen Hedonismus zu zeigen", andere hielten dies für kontraproduktiv. Letztlich sei es vor allem so ein "Berliner Ding", Clubs nicht für die Online-Welt öffnen zu wollen: in der Hauptstadt gebe es einfach zu viele davon, da könne man sich das leisten.

Jakob Turtur gehört zu denjenigen, die den Boiler Room zwar prinzipiell als "Botschafter des Technos" gut finden, seine unter dem Namen "Jonny Knüppel" teils in einer rechtlichen Grauzone in leerstehenden Häusern oder Kellern stattfindenden Tanz-Happenings aber niemals dort übertragen wissen wollte. Er besetzt gemeinsam mit einer überschaubaren Anzahl anderer Berliner Veranstalter die Nische "intim, versteckt", verwaltet das Erbe der Underground-Kultur mit. "Data Crunching" könne Spaß machen, findet er, "aber bin froh, dass wir das nicht machen müssen".

Turtur und sein Team setzen auf den Gegentrend zu 4.0, wollen bald an einem Punkt sein, wo sie selbst auf die derzeit noch ab und an aktivierte Facebook-Werbung verzichten können: "Wir schreiben handschriftlich Briefe, das sind Unikate, die wir den Leuten auf Partys in die Hand drücken". Bei dieser Form der Publikumsansprache handle es sich um eine "ganz persönliche Angelegenheit". Back to the Roots, lautet das Motto, zurück zu den Zeiten etwa des legendären, mehrfach umgezogenen WMF in denen das Wort Club im Sinne des traditionellen englischen Vorbilds als abgeschlossener Mitgliedszirkel verstanden wurde.

"Wir wollen auch weniger Arbeit haben", schielt Turtur zwar doch auf einen gewissen Grad der Digitalisierung im Bereich Organisation. Er glaubt aber, dass es schon einen Unterschied macht, "ob wir eine offene Ladenkasse oder ein Display haben". Mit letzterem werde das Kassieren am Eintritt "etwas unrealer". Ein technisch perfekt und auf Effizienz getrimmter Clubablauf ist nicht sein Ding: Der Mensch fühle sich "in einem solchen Raum nicht mehr wohl" und "auf ein Konsumobjekt degradiert", wenn er nur noch durch eine Maschinerie gehe. Für die Knüppel-Reihe habe man auch ein Fotoverbot einführen müssen, weil Gäste angefangen hätten, sich in die Untergrund-Locations auf Facebook und Co. einzuchecken. Dies habe sogar Strafandrohungen zur Folge gehabt, da "das Amt mittlerweile auch Computer und Internetanschluss hat". (Stefan Krempl) / (mho)

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