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Collaboratory-Experten fordern offene Lehrmaterialien

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Experten der von Google finanzierten Denkfabrik Collaboratory haben sich im Rahmen der Initiative "Lernen in der digitalen Gesellschaft" dafür eingesetzt, freie Bildungsmedien stärker zu fördern. Die Politik müsse darüber nachdenken, dass zumindest mit Steuergeldern erzeugte Lehrmaterialien auch offen bereit gestellt werden, erklärte Jutta Croll, Geschäftsführerin der Stiftung Digitale Chancen, am Mittwoch vor der Abschlusskonferenz der dafür zuständigen Arbeitsgruppe in Berlin. Bisher lägen die Rechte für die Ressourcen meist beim Zuwendungsgeber. Es sei nicht automatisch vorgesehen, sie unter freien Lizenzen zu veröffentlichen.

Die Frage der "Open Educational Ressources" hat sich laut den Beteiligten wie ein roter Faden durch die Arbeit der Projektgruppe gezogen. Universitäten bleibe wegen aktueller urheberrechtlicher Restriktionen im Wissenschaftsbereich nichts anderes übrig, als in diese Richtung zu gehen, befand der Mainzer Erziehungswissenschaftler Stefan Aufenanger. Er bedauerte, dass die Schulbuchverlage "nichts aus den Fehlern der Musikindustrie" im digitalen Bereich gelernt hätten. Die Verlage könnten eine wichtige Rolle spielen und etwa prüfen, ob digitale Lehrmaterialien "inhaltlich richtig und didaktisch gut aufgebaut" seien. Die derzeitige Online-Plattform der Verlage sei dagegen nicht auf dem Stand der Technik.

Die Herausgeber von Bildungsunterlagen für Schulen "müssten sich bewegen", ergänzte Luise Ludwig, Geschäftsführerin des Forschungsschwerpunkts Medienkonvergenz an der Uni Mainz. Lehrer und Schüler forderten berechtigterweise, mehr geeignete digitale Angebote bereitzustellen. Ungeklärt sei dabei in der Praxis noch die Frage, ob es sich in jedem Fall um freie Materialien handeln müsse. Im Vordergrund stehe die Hochwertigkeit. An vielen Ausbildungsstätten mangele es hingegen kaum noch an Geräten wie Tablet-Computern.

Dass sich offene Lehrmittel und kommerzielle Nutzungen nicht ausschließen, betonte Philipp Schmitt vom MIT Media Lab. In Australien gebe es eine eigene Organisation, die nur mit dem Copyright für Bildungsmaterialien und deren Lizenzierungen beschäftige. Diese habe "Open Ressources" als Standard definiert, führte der Gründer der "Peer 2 Peer University" aus. Bezahlt werde so nur einmal, wenn Materialien erstellt werden, zudem könnten Dritte darauf aufbauen. Trotzdem stelle in Australien die Fernlehre weiterhin die drittgrößte Exportindustrie dar.

Mit Blick auf die Entwicklung von Online-Lernen hierzulande bedauerte Schmitt, dass noch "viel über Grundsätzliches diskutiert wird". In den USA werde dagegen bereits stärker mit unterschiedlichen praktischen Modellen experimentiert, nicht zuletzt aufgrund des hohen Kostendrucks. Für den Forscher steht es außer Frage, dass die Bürger vermehrt online arbeiten und leben. Daher sei es wichtig, das Internet in den wichtigen Lebensbestandteil "Lernen" zu integrieren. Da in Deutschland die Idee des Kindergartens und der "Forschungsuniversität" geboren worden sei, wäre es schade, wenn hiesige Bildungsstätten nicht auch im Online-Bereich eine Pionierrolle einnähmen.

Auch Aufenanger plädierte dafür, digitale Möglichkeiten in der Lehre stärker zu nutzen, um über einzelne Bildungsinstitutionen hinweg virtuelle Lernräume für unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen einzurichten. Die Hochschulleitungen müssten erkennen, "dass sie mit einer Generation konfrontiert werden, die mit digitalen Medien aufgewachsen ist". Das Konzept des "lebenslangen Lernens" sei tatsächlich vom Kindergarten bis zur Weiterbildung im Seniorenbereich zu sehen. Er selbst könne keine Anzeichen erkennen, dass sich Kinder, die mit Maus und Tablets aufwachsen, nachteilig entwickelten. Die Bildungspolitik müsse sich stärker mit Herausforderungen der Wissensgesellschaft auseinandersetzen und auf "höchster politischer Ebene Vorgaben machen".

Croll verwies auf viele Belege, "dass der Umgang mit digitalen Medien Lernen fördern kann". Dazu erforderlich seien aber bereits Kompetenzen, über die nicht alle sozialen Gruppen verfügten, da die Bevölkerung digital gespalten sei. Den Abschlussbericht, in den noch die Ergebnisse der Konferenz eingefügt werden sollen, will die Initiative im Frühjahr veröffentlichen. Ersten Einblick in ihre Arbeit gibt eine Sammlung von Thesenpapieren (PDF-Datei). (Stefan Krempl) / (anw)

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