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Cologne Commons: Freie Kultur als Chance

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Althergebrachte Lizenzvermarktungsmodelle und konventionelle Nutzungsrechtseinschränkungen wirken im Zeitalter der digitalen Weitergabe kultureller Güter streckenweise anachronistisch. Davon, was abseits der Rechteverwertungsindustrie bereits an freier Kultur im Lande blüht, kann das geneigte Publikum sich bei dem Event Cologne Commons, das an diesem Wochenende in Köln stattfindet, einen Eindruck verschaffen. Neben einem Festival freier Musik wirbt auch eine Konferenz um Aufmerksamkeit, die Themen rund um digitale Kultur behandelt.

In der Keynote zur Eröffnung der Konferenz wies Medienpädagoge Jürgen Ertelt darauf hin, dass die technische Entwicklung hin zur digitalen Community Änderungen in Alltagskultur und Erwerbsleben notwendig mache. So seien beispielsweise Künstler und auch Journalisten immer mehr gefordert, sich selbst zur Marke auszubauen. "Ich bin immer wieder überrascht, wie viel eine One-Man- oder eine One-Woman-Show doch bewegen kann", erklärte Ertelt. Gleichzeitig breiteten die Menschen ihr Leben auch immer stärker im Netz aus "Vielleicht ist das eine zwangsläufige Entwicklung – wenn wir im Netz arbeiten wollen, müssen wir auch immer mehr dort leben."

Fraglich seien aber viele gesellschaftliche Weichenstellungen, die zur Zeit verbereitet würden. "Die Haushaltsabgabe ist nicht die viel beschworene Kulturflatrate", kritisiert Ertelt Fehlwahrnehmungen. Anstatt eine Abgabe für alle Medienarten zu schaffen, habe der Gesetzgeber nur eine neue Einnahmequelle für diejenigen beschlossen, die bereits vorher gefördert worden seien. Im Bezug auf den dritten Korb des Urheberrechts zeigte sich Ertelt trotzdem optimistisch: "Frau Leutheusser-Schnarrenberger ist zumindest bereit, sich mit neuen Entwicklungen auseinanderzusetzen". Die Bundesjustizministerin habe erkannt, dass das Urheberrecht in seiner bisherigen Form nicht mehr zeitgemäß sei und dass bestimmte Ansprüche nicht mehr wie in der Vergangenheit davon abgeleitet werden könnten.

Dem von den Verlegern geforderten Leistungsschutzrecht erteilte Ertelt eine Absage, ebenso wie den Neuregelungen im neu gefassten Jugendmedienschutzstaatsvertrag: "Es führt dazu, dass Anbieter zu einer Selbstzensur greifen oder sich höher einstufen, als eigentlich notwendig wäre." Neben den vermeintlich erziehungsgefährdenden Inhalten würden auch Informationen aussortiert, die für die Entwicklung von Jugendlichen relevant und wichtig seien. In dem Zusammenhang sieht er auch den Hype um Apples iPad kritisch: "Die Gatekeeper sitzen nicht nur in der Politik, sondern auch bei Steve Jobs." Um neue Kreise von freier Kultur zu überzeugen, empfiehlt der Medienpädagoge, mehr Vertreter anderer Kulturformen wie Theater oder Computerspiele anzusprechen und gleichzeitig auch Zeit in Jugendarbeit zu investieren.

Wie die Künstler mit den neuen Öffentlichkeiten umgehen können, schilderte Marco Medkour, der das Netlabel rec72 betreibt. "Man muss die Social Communities umarmen – denn dort sind die Fans", erklärt Medkour. Pro Woche verbringe er zwischen zehn und zwanzig Stunden in den sozialen Netzwerken, um Fans anzusprechen, die eigenen Künstler zu bewerben und neue Künstler kennenzulernen. Entgegen immer neuen Todesgerüchten sei MySpace immer noch eine der wichtigsten Communities für Künstler. Daneben seien für Netzkünstler aber auch viele andere Plattformen wie last.fm, Jamendo, Bandcamp und Fairtilizer wichtig, dazu kämen Remix-Communities und Video-Plattformen.

Medkour plädiert dabei gegen den GEMA-Ansatz, Musik nur für die kommerzielle Verwendung zu produzieren. Er empfiehlt, Musik mit Hilfe der Creative-Commons-Lizenzen an die Fans zu verschenken. Die könnten so die betreffenden Stücke promoten, indem sie sie beispielsweise in Podcasts einbauten oder als Klingelton verwendeten. Kommerzielle Verwendungen gebe es auch weiterhin: So habe gerade ein großer Autohersteller einen Werbespot mit Musik seines Labels hergestellt – und dafür auch bezahlt, erklärte Medkour.

Julio Lambing vom European Business Councilfor Sustainable Energy erinnerte an die Komplexität der Allmenden. Das gemeinschaftlich genutzte Eigentum sei weder eine Selbstverständlichkeit, noch seien die Gemeinschaftsgüter alleine von einer neoliberalen Politik bedroht. Damit Gemeinschaftsgüter funktionieren könnten, seien klare Grenzen notwendig. "Doch Regeln alleine reichen niemals aus, um Allmenden zum Blühen zu bringen", warnte Lambing. Damit die Güter nicht durch Übernutzung zerstört werden, gehöre dazu auch eine gewisse Haltung der Teilnehmenden – so zum Beispiel die Bereitschaft, einen Platz immer besser zu verlassen, als man ihn vorgefunden habe.

Während Lambing gerade im digitalen Umfeld viele Allmende-Projekte wie zum Beispiel Linux, OpenStreetMap oder OpenSPARC würdigte, warnte er jedoch davor, sich allein auf die freie Kultur zu konzentrieren und andere wichtige Aspekte des Gemeinwohls aus den Augen zu verlieren. Angesichts des trotz gegenteiliger Ziele immer noch ansteigenden CO2-Austoßes in Deutschland stellte er den Konferenzteilnehmern etwa die Frage, wie sie mit dem Klimawandel umgehen wollten: "Selbst wenn man sich der Produktion eines kulturellen Allgemeinguts widmet, sollte man das Gemeinschaftsgut Klima nicht vergessen", so Lambing. (psz)