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"Computer für die Massen" - zum Tode des Commodore-Gründers Jack Tramiel

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Im Alter von 83 Jahren ist der Computerpionier Jack Tramiel am Ostersonntag in Monte Sereno im US-Bundestaat Kalifornien im Kreise seiner Familie gestorben. Er gründete die Firma Commodore und machte sie zum dominanten Lieferanten für Homecomputer. Später brachte er Atari zu neuen Höhen.

Jack Tramiel (1928 - 2012)

(Bild: Alex Handy, Lizenz: CC BY-SA 2.0 )

Jack Tramiel wurde als Jacek Trzmiel am 13. Dezember 1928 im polnischen Lodz geboren. Mit Beginn des Vernichtungskrieges gegen die Juden wurde der kleine Jacek in das Ghetto von Lodz deportiert, später in das Konzentrationslager Auschwitz. Von dort ging es in das Arbeitslager Hannover-Ahlem, in dem die Zwangsarbeiter lebten, die in den Continental-Gummiwerken eingesetzt wurden. Nach der Befreiung durch die Amerikaner heiratete Jacek Trzmiel 1947 in Hannover die KZ-Überlebende Marie Helen Goldgrub. Das Paar emigrierte in die USA und änderte den Familiennamen Trzmiel (Hummel) zu Tramiel.

Als frisch gebackener Vater ging Jack Tramiel zur US-Armee und lernte dort, wie man Schreibmaschinen repariert. Nach drei Jahren in der Armee arbeitete Tramiel als Büromaschinen-Mechaniker und fuhr zudem in New York Taxi. Zusammen mit einem Freund machte er sich 1953 selbständig und kaufte von den Vereinten Nationen 200 gebrauchte IBM-Maschinen, die generalüberholt der erste Geschäftserfolg des Unternehmers wurden. Vom Gewinn kaufte er Singer Schreibmaschinen in New York. "Uns wurde schnell klar, daß mit dem Reparieren allein kein Geschäft zu machen war – der Handel mit Importmaschinen von Olympia, Adler oder Everest schien viel lukrativer. Unsere Kunden hatten jedenfalls nichts gegen die günstigen, ausländischen Schreibmaschinen aus dem kleinen Laden in der Bronx", erzählte Tramiel 1986 im Interview mit der Data Welt.

1955 übersiedelte Tramiel nach Kanada und kam über einen Kontakt mit dem KZ-Überlebenden Erik Markus auf die Idee, Werkstücke von der tschechoslowakischen Schreibmaschinenfirma Zbrojovka Brno zu importieren und in Kanada zusammenzubauen. Mit diesen Consul-Schreibmaschinen, die Tramiel an die Kaufhauskette Sears & Roebuck verkaufte, begann der Aufstieg seiner Firma, die er Commodore International nannte. "Eines Tages war ich mit Erik in Berlin und während wir gerade mit dem Taxi unterwegs waren, diskutierten wir alle möglichen Namensvorschläge – plötzlich sah ich ein Auto mit dem Typenschild Commodore; tja, und weil unsere Wunschnamen General und Admiral schon besetzt war, nannten wir die Schreibmaschinen Commodore." Erik Markus hatte die Tochter von Willi Feiler geheiratet, der vor der Emigration in Berlin-Charlottenburg Buchungs- und Addiermaschinen herstellte und danach wieder im Geschäft tätig wurde. Tramiel verkaufte besonders ein Modell, den Tischrechner Feiler CE sehr erfolgreich als Commodore CE. 1962 kaufte Tramiel das Feiler-Werk in Berlin mit 2000 Mitarbeitern. Die Ingenieure in Berlin experimentierten frühzeitig mit integrierten Schaltungen. Commodore ging fast bankrott, als der bisherige Chiplieferant Texas Instruments 1972 selbst einen kleinen Rechner auf den Markt warf, der billiger war als die Chips, die TI an Commodore lieferte.

In der Krise kaufte Tramiel eine Reihe von kleinen Firmen, darunter 1976 MOS Technologies als Hersteller des 6502-Prozessors. Bei MOS konnte der 6502-Entwickler Chuck Peddle seinen neuen Boss Tramiel davon überzeugen, den elektronischen Tischrechner als Microcomputer auszubauen. So entstand 1977 der Personal Electronic Transactor, weit besser als Commodore PET bekannt, der in Deutschland für 2999 DM über das Versandhaus Quelle vertrieben wurde. Als Geschäftsrechner war der PET nicht erfolgreich, weil keine Geschäftsprogramme für ihn existierten, als Microcomputer war er dem Apple ][ deutlich unterlegen. Der Erfolg kam mit dem VIC-20 und dem Motto von Tramiel, "Computer for the masses, not classes" herzustellen. Das Gerät wurde als VC-20 in Deutschland für 700 DM angeboten und direkt gegen die Video-Spielkonsolen von Atari verkauft. Der VC-20 war der erste Kleinrechner, von dem mehr als eine Million abgesetzt wurden.

Der Commodore C64

(Bild: Bill Betram, Lizenz: CC BY-SA 2.5 )

Mit dem vor 30 Jahren erschienenen C 64 erreichte Jack Tramiel den Höhepunkt seines Schaffens. Der Rechner war über die Weihnachtsfeiertage 1981 auf Befehl von Tramiel mit ein paar Custom Chips hastig zusammengebastelt worden, um auf der Consumer Electronics Show die Konkurrenz zu schocken. Als er schließlich im September erschien, konnte Commodore noch im selben Jahr 300.000 Stück absetzen. Insgesamt wurden über 20 Millionen Bullnoses oder Brotkästen in elf Jahren verkauft. Der Erfolg hatte auch seine Schattenseiten: Tramiel stoppte die Entwicklung weiterer geplanter Rechner. Die Ingenieure waren angehalten, die Platine des C64 immer weiter zu vereinfachen, um Kosten zu senken. Weiterentwicklungen auf C64-Basis wie der Executive SX64 für Geschäftsleute oder der SX-100 als Portable erwiesen sich als Flop.

Für den rasanten Aufstieg von Commodore musste Tramiel Finanziers mit ins Boot nehmen, die schließlich die Aktienmehrheit an Commodore Business Machines besaßen. Dennoch führte Jack Tramiel die Firma wie ein Privatunternehmen. Als er versuchte, einen seiner drei Söhne in die Geschäftsführung zu berufen, musste er Anfang 1984 Commodore verlassen. Tramiel verkaufte alle Commodore-Aktien und erwarb die Videospielsparte Atari von Warner Communication, nur um dort seinen Sohn Sam als Geschäftsführer zu installieren. Der führte sofort mit dem Atari 800 XL Krieg gegen Commodore, während die Ingenieure begannen, einen direkten Konkurrenten gegen Apples Macintosh zu entwickeln. Mit dem Atari 520 ST auf der Basis des Motorola-Prozessors MC68000 gelang der große Wurf, ließ aber in der Ausführung zunächst zu wünschen übrig. Die ersten Bauserien waren ziemlich fehlerhaft, was den Weg der Ataris als Mac- und PC-Alternative für Geschäftskunden erschwerte.

Bereits vor dem Erscheinen des neuen Ataris im Jahre 1985 wollte sich Jack Tramiel aus dem Computergeschäft zurückziehen, musste jedoch seinen Sohn Sam Tramiel ersetzen, als dieser einen Herzinfarkt erlitt. Erst 1995 war es soweit, dass sich Tramiel aus dem Geschäft zurückziehen konnte. 1996 wurde Atari an den Festplattenhersteller Jugi Tandon Systems verkauft, der 1999 bankrott war. Anders als viele Computerpioniere zog sich Jack Tramiel weitgehend aus dem Treiben im Silicon Valley zurück. Sein letzter großer Auftritt erfolgte 2007, als das Computer History Museum den 25. Geburtstag des C 64 feierte. Als Rentier verwaltete Tramiel sein Vermögen und spendete große Summen für Stiftungen, die an den Holocaust erinnern. Seine letzte Großspende galt dem Warschauer Museum für die Geschichte der polnischen Juden, das 2013 zum 70. Jahrestag des Aufstands im Ghetto eröffnet wird. (jk)

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