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Computerpionier Heinz Billing feiert 100. Geburtstag

Billing konstruierte elektronische Rechenmaschinen, die von Astronomen und Astrophysikern benutzt wurden. Zu seinen Erfindungen zählt die Entwicklung eines Magnettrommelspeichers.

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In Garching bei München feiert heute der deutsche Computerkonstrukteur und Physiker Heinz Billing seinen 100. Geburtstag. Billing konstruierte die elektronischen Rechenmaschinen G(öttingen) 1, G1a, G2 und G3, die von Astronomen und Astrophysikern benutzt wurden. Mit ihnen gelang etwa die genauere Berechnung von Planetenephemeriden. Zu seinen Erfindungen zählt die Entwicklung eines Magnettrommelspeichers. Als Forscher beschäftigte sich Billing später mit dem Nachweis der von Einstein vorhergesagten Gravitationswellen.

Heinz Billing

(Bild: Makarios (Mark Bluhm) / Dorit Gronefeld / Wikipedia)

"Für intellektuelle Arbeit" sollte laut einem Spiegel-Bericht aus dem Jahre 1952 das deutsche "Elektronen-Gehirn" G1 benutzt werden. Gebaut wurde es von Heinz Billing, der als Speichermedium einen selbst entwickelten Trommelspeicher verwendete, auf dem Magnetit aufgespritzt wurde. Damit knüpfte Billing an seine Forschungsarbeiten im 2. Weltkrieg an, in dem er als Physiker mit Magnetophonbändern und Tonköpfen experimentierte, um die Propellergeräusche von Flugzeugen durch Schallsubtraktion zu dämpfen.

Nach dem Krieg wurde Billing wie andere Wissenschaftler – etwa Konrad Zuse – von einer britischen Kommission zum technischen Wissensstand ausgefragt, zu der auch Alan Turing gehörte. Auf einer Konferenz erfuhr er 1947 von den britischen Plänen, nach US-amerikanischem Vorbild (ENIAC/EDVAC) einen eigenen Computer zu bauen. Was ihm verschwiegen wurde, war der Plan, dabei einen Quecksilder-Verzögerungsspeicher zu benutzen. Aus diesem Grunde entwickelte er den eigenständigen Magnettrommelspeicher für die G1 und G2.

Mit der G1 erfüllte Billing auf Drängen des Institutsleiters Ludwig Biermann die Aufgabe, möglichst schnell mit Mitteln aus dem Marshall-Plan einen einsetzbaren Rechner für die astrophysikalische Abteilung am Göttinger Max-Planck-Institut für Physik zu bauen. Die "kleine Maschine" war wesentlich einfacher zu bauen als die bereits im Konzept fertige G2.

Dass der Rechner überhaupt im Jahre 1952 fertiggestellt werden konnte, ist Konrad Zuse zu verdanken, der aus seinem Fundus die nötigen Relais nach Göttingen schickte. Zuse selbst schrieb in seinen Memoiren: "Ich erinnere mich noch gut an die erste Vorführung einer Speichertrommel durch Dr. Billing in Göttingen. Ehrlich gesagt, habe ich die Bedeutung dieser Erfindung damals nicht erkannt. Selber Erfinder zu sein heißt eben noch nicht, daß man in jedem Fall seine Kollegen versteht. Tatsächlich war die Trommel auf Jahre hinaus der weitaus wirtschaftlichste Speicher für elektronische Rechenmaschinen." Für die Entwicklung des Trommelspeicher erhielt Billing im Jahre 1987 die erste Konrad-Zuse-Medaille für Verdienste um die Informatik.

Mit der G1 begann am 1. November 1952 die Eroberung der Astronomie durch den Computer, die unter anderem dazu führte, dass im März 1957 ein Bild von Biermann als ASCII-Art gedruckt wurde. Die G1 lief von 1952 bis 1958 durchschnittlich 16,5 Stunden am Tag und wurde dann verschrottet. Nur der Trommelspeicher ist erhalten geblieben und steht im Deutschen Museum zu München. Die G2 lief von 1955 bis 1961.

Der letzte von Billing konstruierte Computer war die G3, die von 1961 bis 1972 eingesetzt wurde, als das Max-Plank-Institut nach München umgezogen war. Diese Maschine musste sich der Konkurrenz stellen, denn parallel zum Betrieb des deutschen Systems wurde eine IBM 7090 installiert. Als die G3 durch Heinz Billing 1972 außer Betrieb gesetzt wurde, war das Nachfolgemodell eine IBM 360/91.

Werner Heisenberg kommentierte das als Leiter der Physikforschung so: "Es hat mir immer leid getan, daß später, als die sich schnell vergrößernde Computertechnik den Rahmen eines Max-Planck-Instituts sprengen mußte, die deutsche Industrie diese Vorarbeiten nicht mit voller Kraft weiterentwickelt hat. So ist die Führung in der Computertechnik ganz an die Industrie in Amerika übergegangen, und wir müssen unsere größten Rechenmaschinen in den Vereinigten Staaten kaufen."

Billing selbst ging in die Forschung zurück, weil Institutsleiter Biermann ihm das das Angebot gemacht hatte, auf dem Gebiet der Gravitationswellen zu forschen. Er konstruierte eine Reihe von Laserantennen, um diese Wellen nachweisen zu können, was ihm nicht gelang. Wenige Wochen vor seinem 100. Geburtstag kam die Nachricht, dass der Nachweis möglicherweise gelungen ist.

Während Billing und seine G-Computer eine Fußnote in der Computergeschichte geblieben sind, ehren die Forscher den Jubilar: "In jedem Fall war Heinz Billing beides, Computerpionier und Gravitationswellenpionier. Ohne ihn würde es die Gravitationswellenobservatorien LIGO und GEO600 nicht geben. Und seine Beiträge zu Computern sind sicher vergleichbar mit denen von Konrad Zuse," erklärte Karsten Danzmann, Direktor am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut/AEI) und Professor an der Leibniz Universität Hannover gegenüber heise online.

An die Leistungen des Jubilars erinnert der Heinz-Billing-Preis der Vereinigung zur Förderung des wissenschaftlichen Rechnens. Im Jahre 2013 wurde Billing Ehrenbürger der Hanse- und Baumkuchenstadt Salzwedel, wo er heute vor 100 Jahren geboren wurde.

Die Redaktion von heise online wünscht dem Jubilar Gesundheit und einen rundum gelingenden Geburtstag. (Detlef Borchers) / (anw)

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