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Computerpionier, -Visionär und -Prophet John Diebold verstorben

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Er war der erste große IT-Unternehmensberater und Systemanalyst: John Diebold starb am Montag im Alter von 79 Jahren in Bedford Hills, New York an einem Krebsleiden.

Schon 1952 legt er in seinem ersten Buch "Automation, The Advent of the Automatic Factory" die Grundlagen für die kommende computerbasierte Automatisierung in der Industrie. 1954 veröffentlichte es der Nest-Verlag auf Deutsch als "Die automatische Fabrik: Ihre industriellen und sozialen Probleme".

Eigentlich – so schreibt er im Vorwort – hätte es korrekt "Automatization" heißen müssen, aber zur Vermeidung von Rechtschreibfehlern hat er es kurzerhand abgekürzt. Die Kombination von pragmatischen Wegen und visionären Zukunftsblicken haben auch fortan sein Leben geprägt. Zwölf Bücher veröffentlichte Diebold insgesamt; das Hauptthema war Unternehmertum und IT.

Mit technischen Details hat sich Diebold dabei weniger befasst, eher stand bei dem Absolventen der Havard Business School die praktische wirtschaftliche Bedeutung im Vordergrund. In den 50er Jahren ward er oft noch als Spinner abgetan: "Es war einfach zu früh, noch bevor überhaupt der erste Firmenrechner installiert war", kommentierte er die Situation später. Bald beriet er Firmen wie AT&T, IBM, Boeing and Xerox aber auch die Stadtverwaltungen von New York und Chicago.

1961 gelang seiner Beratungsfirma John Diebold & Associates mit dem Aufbau der IT-Struktur der Bowery Savings Bank der kommerzielle Durchbruch. Die Bank konnte Bank-Transaktionen nahezu in Echtzeit abwickeln, was ihr große Wettbewerbsvorteile einspielte. 1963 führte er den staunenden Chefs von Zeitungsverlagen vor, wie man via Tastatur an der Computer-Konsole Texte eingeben und editieren könne. Es dauerte aber noch viele Jahre, bis diese eigentlich auf der Hand beziehungsweise in den Fingern liegende Vision tatsächlich umgesetzt wurde. 1968 demonstrierte er der Chase Manhattan Bank die Vorteile eines elektronischen Banking-Systems. Auch hier dauerte es noch zahlreiche Jahre, bis der erste Geldautomat seinen Dienst aufnahm.

1969 gründete er das "Diebold Institute for Public Policy Studies", das sich bis heute dem Verhältnis von Unternehmertum (speziell Startups) und Politik in den Bereichen Informationstechnik und Biotechnik – vornehmlich in den USA und in Großbritannien – widmet. Aber auch Deutschland kommt in den bis 2003 veröffentlichen 29 Working Papers des Instituts vor, etwa das Papier 7 [PDF]: Wie man die feindliche Umgebung für gentechnische Forschung so umdreht, dass Hunderte von Startups gedeihen können. Bekannt geworden sind auch seine Fall-Studien zur Silicon Alley in New York, als Gegenstück zum "Silicon Valley" in Kalifornien.

Zwei Jahre nach Gründung des Instituts verkaufte er mit offenbar guten Profit seine "Diebold Group", die vor allem für Geldautomaten zuständig war, an Daimler-Benz beziehungsweise an deren Tochter Debis AG und widmete sich fortan ganz seinem Institut. Mit seinem Namen verbunden bleibt sein wohl wichtigster Leitsatz: "Im Zeitalter der Informationsverarbeitung ist der Besitz von und der Zugriff auf Informationen der wichtigste Produktivfaktor, wenn nicht sogar das wichtigste Produkt eines Unternehmens und der Volkswirtschaft."

Diebold hat übrigens nichts mit der schon 1859 gegründeten Weltfirma Diebold incorporated zu tun, die in letzter Zeit vor allem wegen ihrer umstrittenen Wahlautomaten in den Schlagzeilen stand. Wahlautomaten? -- Auch davon hat John Diebold bestimmt schon in den 50er Jahren gesprochen. (as)

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