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Computex 2015: Das Ding ist gelaufen

Heute schließt die Computex in Taipei ihre Tore - Zeit für die Veranstalter, ein positives Bilanz zu verkünden. Zeit aber auch, um einen kritischen Rückblick auf die zweitgrößte IT-Messe der Welt zu werfen.

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Computex 2015: Das Ding ist gelaufen

35 Jahre gibt es die Computex mittlerweile schon, und wie bei allen Messen feiern die Veranstalter zum Messeschluss sich selbst und die tolle Show. Das ist auch in Taiwan nicht anders, und so verwundert es nicht, dass Walter Yeh, Executive Vice President des Mitveranstalters Taitra bei der Abschlussveranstaltung der nach der CeBIT zweitgrößten IT-Messe der Welt eine positive Bilanz zieht: Gut 1700 Aussteller zeigten in den vergangenen fünf Tagen ihre neuesten Produkte. Interesse daran hatten nach Angaben des Veranstalters gut 130.000 Besucher, darunter 38.555 sogenannte International Buyers aus aller Welt. Das Nationen-Ranking bei den Fachbesuchern entsprach 2015 in etwa dem vom Vorjahr: Die meisten Besucher kamen aus Festland-China, Japan und den USA. Die weiteren Plätze belegten Hong Kong, Südkorea, Singapur und Malaysia. Deutschland war vor Thailand und Indien gerade noch auf Platz acht unter den Top-10 zu finden.

Eine gelungene Messe, davon zeigte sich Walter Yeh von der Taitra überzeugt.

Die Verteilung der Fachbesucher zeigte auch dieses Jahr deutlich, wo geschäftlich der Schwerpunkt der Computex 2015 lag: Das Geschäft mit Asien – insbesondere mit dem großen chinesischen Nachbarn – ist für viele Aussteller inzwischen weit wichtiger als das Business in Europa oder gar Deutschland. Daneben spielen Schwellenländer wie etwa Bangladesh und Vietnam, aber auch die Vereinigten Arabischen Emirate eine immer wichtigere Rolle – zumindest, wenn es um die Verkäufe geht. Bei den Ausstellern dominieren noch immer die Firmen aus Taiwan, auch wenn sich die Computex immer mehr für chinesische Anbieter öffnet.

2017, wenn die zweite Ausstellungshalle in Nangang fertiggestellt wird, will die Computex die Verdopplung der Ausstellungsfläche an diesem Standort deshalb auch nutzen, um attraktiver für ausländische Aussteller zu werden. Der zweite Messestandort, das TWTC in unmittelbarer Nachbarschaft des Wolkenkratzers 101, soll auch 2017 weiterhin genutzt werden. Das schafft Platz und ermöglicht der Taitra und dem Mitveranstalter TCA einen weiteren Expansionskurs. Ob das angesichts des weltweit zu beobachtenden Phänomens des Schrumpfens von Messen ein realistische Perspektive ist, bleibt abzuwarten. Wie die CeBIT erweitert die Computex ihr Veranstaltungsspektrum kontinuierlich. So spielen auch hier in Taiwan Kongresse und Vortragsserien parallel zur eigentlichen Ausstellung eine immer wichtigere Rolle.

Computex 2015 - Impressionen (6 Bilder)

Showgirls

Der Fotograf zeigt vollen Einsatz, das Girl mit der Gamer-Tastatur von Geil machte eher einen genervten Eindruck, da der junge Mann immer neue Posen verlangte.

Traditionell organisieren die Computex-Veranstalter für wichtige Einkäufer spezielle Meetings mit den Ausstellern, um die Geschäftsanbahnung zu vereinfachen. Die Computex, so betonte Walter Yeh auf der Abschlussveranstaltung, sei eben vor allem eine Verkaufsveranstaltung und weniger ein Platz, an dem Visionen ausgebreitet oder Shows gezeigt würden. Nun, zumindest im letzten Punkt sei Herrn Yeh aber widersprochen: Die Computex ist auch 2015 eine Show, das wurde vor allem in der Nangang-Halle deutlich, in der die Aussteller versuchten, sich mit lauten, bunten Auftritten von teils sparsam bekleideten Mädels zu überbieten. Die zugehörigen Show-Girls steuert übrigens auch der Messeveranstalter bei: Ab einer gewissen Standgröße steht dem Aussteller eine Dame zur Verfügung, die dann Produkte in die Kameras der stets knipsbereiten Fotografen und Smartphone-Nutzer hält. Dabei ist die Computex doch an den ersten vier Tagen eine reine B2B-Messe. In dieser Zeit dürfen nur Fachbesucher und die Presse aufs Gelände. Erst am Samstag sind die Tore auch fürs gewöhnliche Publikum geöffnet.

Und wie war das mit den Visionen? Nun, in diesem Punkt kann man Herrn Yeh nur recht geben, denn herausragende Neuheiten suchte man au dieser Computex vergeblich. Natürlich gab es überall Mainboards, All-In-One-PCs, Mini-PCs und sogar einige Notebooks, mit Intels am zweiten Messetag vorgestellten Skylake-Prozessoren zu sehen, doch sind das schon "Visionen"?

AMD nutzte die Computex, um dem neuen Grafikchip Fiji einen kurzen Auftritt zu bescheren, neue Grafikkarten gab es auf der Computex aber vor allem mit Nvidias neuem GTX 980 Ti zu sehen. Immerhin konnte AMD auf der Messe mit einem auf den ersten Blick Ultrabook-tauglichen Prozessor aufwarten, dem Carrizo. Doch wenn man sich die auf der Computex gezeigten Carrizo-Notebooks so ansieht, wirken die weniger wie ein "Ultrabook" als, als vielmehr wie günstige Mainstream-Geräte. Flache, leichte und stylische Notebooks werden also wohl weiterhi eine Domain von Intel-CPUs bleiben - etwas mehr Konkurrenz könnte hier durchaus nicht schaden.

Auffällig war die bei einigen Herstellern die geradezu krampfhafte Ausrichtung auf das Gaming-Segment. Anscheinend sehen viele Anbieter nur noch hier Zukunftschancen. So wundert es nicht, dass bei nahezu allen Mainboard-Herstellern große Flaschen mit flüssigem Stickstoff standen, aus denen sich die verschiedensten "Overclocker-Teams" bedienten. So waberte und rauchte es zwar reichlich, Doch weit mehr Aufmerksamkeit schenkten die Besucher den bereits erwähnten Show-Girls und einigen durchaus gelungenen Case-Mods. Das schien auch viele Gehäusehersteller mutiger zu machen - so viele ungewöhnliche Designstudien und Vorserienmodelle wie dieses Jahr gab es schon lange nicht mehr auf der Computex zu sehen.

Wer systematisch durch die abgelegeneren Bereiche und kleineren Gänge der Computex 2015 wandelte, konnte dieses Jahr eine auffällige Häufung von 3D-Druckern entdecken. Das mag daran liegen, dass die Computex-Veranstalter sich besonders bemüht hatten, auch kleineren Startups Raum auf der Messe zu geben. Die meisten der gezeigten Modelle erinnerten allerdings auffällig an bekannte Public-Domain-Designs. Eigenständige Entwürfe waren kaum zu sehen. Immerhin gab es pfiffige Detaillösungen, wie etwa bei dem aktuell für 749 Dollar vorgestellten Modell Flux. Es ist sowohl eine Art Multifunktions-3D-Drucker, der nicht nur Modelle aus PLA-Kunststoff mit eim maximalen Durchmesser von 17 cm und einer Höhe von bis zu 18 cm fertigt, sondern – nach Wechsel des magnetisch gehaltenen Druckkopfes – auch als Laser-Schneider/-Gravierer (405 nm InGaN-Laser, 200 mW) zum Einsatz kommen kann. In dieser Ausstattung kann er nicht nur Papier, Pappe, Folie, Gummi, Schaumstoff oder Schokolade schneiden, sondern auch Holzplatten und alle bereits genannten Materialien gravieren. Nach erneutem Wechsel des Kopfes und der Bodenplatte wird aus dem Flux ein 3D-Scanner, der kleine Modelle (D=14 cm, H=8,5 cm) erfassen kann. Wer mag, kann den Flux auch per Smartphone steuern – aus der Cloud, versteht sich.

3D-Drucker auf der Computex (22 Bilder)

Atom 3DP

Beinahe Schrankgröße hat dieses 3D-Druckermodell.

Deutlich größer als in den vergangenen Jahren war auch das Angebot an Heimautomationskomponenten. Allerdings gab es hier vor allem das Übliche, also per Z-Wave, ZigBee, WLAN oder Bluetooth angesteuerte Fensterkontakte, Lampen, Schalter, Dimmer oder Kameras in oftmals nicht wohnzimmertauglichem Design. Ab und an entdeckten wir auch automatische Türschlösser oder Rauchmelder. Letztere erfüllten aber nicht immer die in Deutschland aus gutem Grund zwingend vorgeschriebene DIN 14676. Viele der gezeigten Heimautomationslösungen setzen eine Cloud-Anbindung voraus. Das erscheint zwar auf den ersten Blick sehr komfortabel, denn so lassen sich Haus oder Wohnung von überall aus Steuern und überwachen, doch gerade in Deutschland sind solche Lösungen aus gutem Grund nicht Jedermanns Sache - Big Brother is watching you. Das Verständnis für solche Bedenken hält sich bei den meisten Herstellern in Grenzen. In Asien scheint man es mit dem Thema Privatsphäre wohl nicht so eng zu sehen.

Heimautomation auf der Computex (9 Bilder)

BraibChild Smart Lock

Schlüssel Nein Danke! BrainChild bietet Türschlösser, die sich via Bluetooth per Smartphone oder BT-Sender öffnen lassen.

Die Computex wäre nicht die Computex, wenn es nicht auch in diesem Jahr so manches aus westlicher Sicht schräges bis skurriles Ausstellungsstück zu sehen gäbe. "DiaperPie", die Windel mit Smartphone-Anbindung fand ja schon an anderer Stelle Erwähnung. Wie wäre es also mit dem motorbetriebenen Skateboard von AjRldey? Es düst von einem Elektromotor angetrieben mit bis zu 25 km/h durch die Straßen und soll eine Reichweite von 23 km haben. Die Geschwindigkeit regelt der Skater mit einer pistolenartigen Fernbedienung - schiebt man den Abzug nach vorn, wird das Board schneller, zieht man den Abzug nach hinten, bremst das Gerät. Gesteuert wird Skateboard-üblich durch Gewichtsverlagerung.

Nett, aber noch ohne erkennbaren Einsatzzweck: Die OLED-Lampen mit kontaktloser Energieversorgung aus Taiwans Forschungsschmiede ITRI: Die quadratischen superflachen LED-Felder lassen sich an eine speziellen, an der Wand befestigten Fläche anheften und leuchten dann vor sich hin. (gs)