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Contra Atomkraft: Zeit für Lehren aus Tschernobyl

30 Jahre nach Tschernobyl argumentieren Industrie und Kernkraft-Befürworter, es sei Zeit einen neuen Anfang zu wagen. Sie haben die wesentliche Botschaft nicht verstanden.

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(Bild: Heise, unter Verwendung einer Grafik von Seamartini Graphics/Fotolia.com )

30 Jahre Tschernobyl. 30 Jahre Zeit zu lernen. Nur was? Atomkraftbefürworter betonen gerne, dass der technische Fortschritt in den vergangenen 30 Jahren nicht stehen geblieben ist. Es gebe neue Materialien, neue Technik und neue Ideen. Die Lehre aus Tschernobyl sei nicht, Atomkraft abzuschaffen, sondern endlich richtig zu betreiben.

Ein Kommentar von Wolfgang Stieler

Nach dem Studium der Physik wechselte Wolfgang Stieler 1998 zum Journalismus. Bis 2005 arbeitete er bei der c't, um dann als Redakteur der Technology Review zu wirken. Dort betreut er ein breites Themenspektrum von Künstlicher Intelligenz und Robotik über Netzpolitik bis zu Fragen der künftigen Energieversorgung.

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Und wer könnte das schon ablehnen: Eine Technik, die die Welt kostengünstig, sicher und vor allem CO2-arm mit Energie versorgt?

Leider verfängt diese Argumentation nicht.

Sicher, in den vergangenen Jahren sind eine ganze Reihe von neuen Reaktor-Designs vorgeschlagen worden, die auf den ersten Blick so aussehen, als hätte die Atomindustrie ihre Hausaufgaben gemacht: Da gibt es Konzepte für Wanderwellenkraftwerke, mit flüssigem Salz oder Blei gekühlte, modulare Reaktoren oder die Neuauflage des schnellen Brüters.

All diese Konzepte sehen auf dem Papier nicht schlecht aus. Zumeist sollen diese neuartigen Reaktoren mit schnellen Neutronen arbeiten. Sie gelten als inhärent sicher, weil ein Kühlmittelverlust unmittelbar die Kettenreaktion beenden würde. Sie nutzen den Kernbrennstoff sehr viel effizienter. Und sie erschweren das Abzweigen von spaltbarem Material für militärische Zwecke.


Das Risiko der Proliferation wird die Atomkraft aber nie völlig los werden. Wo Kernkraftwerke betrieben werden, wird auch mit größeren Mengen an spaltbarem Material hantiert. Dass dabei – sei es durch Schlamperei, Bestechung oder Diebstahl - immer wieder radioaktives Material in dunklen Kanälen verschwindet, ist seit Jahren bekannt. Bisher gibt es kein überzeugendes Konzept, um dieses Problem zu lösen. Und die Gefahr wächst. Je brenzliger die Weltlage, desto mehr Durchgeknallte haben ein Interesse daran, vielleicht doch mal eine schmutzige Bombe zu bauen. Mal ganz abgesehen davon, dass die Anreicherung von Uran eine klassische Dual-Use-Technik ist, wie das Beispiel Iran sehr schön gezeigt hat. Auch daran wird sich durch neue Reaktoren nichts ändern.

Zudem bleibt das ungelöste Problem des Atommülls. Technik-Optimisten verweisen an dieser Stelle gerne auf die Transmutation: Das Unschädlichmachen langlebiger Spaltprodukte in speziellen Reaktoren.

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Aber auch hier gilt: Die Technik sieht auf dem Papier gut aus, hat aber beim näheren Betrachten diverse Haken und Ösen. Der größte Haken ist: Auch einen Transmutations-Reaktor - wenn es ihn denn irgendwann mal geben sollte - kann man nicht einfach mit abgebrannten Brennelementen beladen, die er dann gewissermaßen entschärft. Auch diese Technik würde nicht funktionieren, ohne eine Wiederaufarbeitung der abgebrannten Brennelemente. Wer wissen will, wie das aussieht, kann gerne die Anwohner von La Hague fragen. Sauber und ungefährlich ist jedenfalls was anderes.

Schließlich, und das ist der schwerwiegenste Grund, wäre Atomkraft nur dann eine Option, wenn es gelänge die Technik wirklich idiotensicher zu machen. Das geht aber nicht. Prinzipiell.

Die Technik-Optimisten wollen einfach nicht verstehen, dass jeder Versuch, idiotensichere Systeme zu bauen, zum Scheitern verurteilt ist. Weil Idioten einfach zu erfinderisch sind.

Der Unfall von Tschernobyl beruht auf einer fatalen Fehleinschätzung: Die Betriebsmannschaft hatte Sicherheitssysteme für einen Test abgeschaltet, weil sie sich nicht vorstellen konnte, dass der Reaktor bei diesem Test in einen unkontrollierbaren Zustand laufen würde.

Auch die Kernschmelze in Fukushima ist nicht durch das verheerende Erdbeben ausgelöst worden; auch nicht durch die nachfolgende Flutwelle. Auch diese Katastrophe ist durch einen simplen Mangel an Phantasie ausgelöst worden: Die Konstrukteure der Anlage konnten sich nicht vorstellen, dass jemals eine Situation eintritt, in der die externe Stromversorgung länger als zwölf Stunden ausfällt. Das ist alles.

Daraus lässt sich nur eine Lehre ziehen: Wir müssen dieses russische Roulette endlich beenden. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit.

Lesen Sie hierzu auch die Gegenmeinung von Sascha Steinhoff:

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(sts)