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Copyleft-Label für Musik und Comics

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Am kommenden Montag geht die Initiative Creative Commons mit ihrem neuesten Label an den Markt. Der an der Stanford Law School lehrende Lawrence Lessig stellte beim Weltgipfel der Informationsgesellschaft (WSIS) die "Sample-License" vor, die speziell für den Remix von Musikstücken gedacht ist. "Damit erlauben die Musiker die Verwendung von 'Musikthemen', die weiterbearbeitet werden dürfen, auch für kommerzielle Zwecke", sagte Lessig im Gespräch mit heise online.

Mit dieser Möglichkeit, die Musik neu zu mixen, bieten die Creative Commons laut Lessig sieben verschiedene Möglichkeiten der kreativen Rechteeinräumung an. Auf Wunsch des brasilianischen Musikers und derzeitigen Kulturministers Gilberto Gill hat Lessigs Creative-Commons-Gruppe die erste ausgesprochene alternative Musiklizenz entworfen (siehe zur Entwicklung der Lizenz und der Open-Source-Strategie für Brasilien auch: Brasiliens Regierung wird Produzentin von Open Source).

Die Idee mit der Erlaubnis des Neumixens gefiel auch in Japan. Dort soll sie für Comics eingesetzt werden, für die es in dem Land eine ausgeprägte Kopierkultur gebe, erklärte Lessig. Erstmals würden nun in Japan Creative-Commons-Lizenzen ausgegeben, im nächsten Jahr kommen aber auch Deutschland, Großbritannien, China, Taiwan und weitere Länder dazu, sagte Lessig, der betonte, dass die alternative Copy-Bewegung an Fahrt gewinne. "Wenn wir zuerst verstehen, dass wir unterschiedliche Inhalte haben -- Madonnas Musik und die Webseite einer Schulklasse sind nicht dasselbe -- haben wir viel weniger Probleme." In den USA gebe es Schulen, die ihren Schülern wegen Angst vor Urheberrechtsverletzungen Verlinkungen verbieten würden.

Wie dramatisch rigide Urheberrechtsregime zur digitalen Spaltung beitragen können, berichtete die südafrikanische Bibliothekswissenschaftlerin Denise Nicholson von der Uni Witwatersrand beim von der Heinrich-Böll-Stiftung und zivilgesellschaftlichen Gruppen organisierten Alternativgipfel. Ländliche Schulen und Bibliotheken seien chronisch unterfinanziert, für sie sei der Kauf von Schulbüchern eine schiere Unmöglichkeit, vom Zugang zu Information oder Literatur in den Elendsvierteln ganz zu schweigen. " Vor einer weiteren Ausweitung strikter Urheberrechtsregime warnte die US-Anwältin Robin Gross. 2004 stünde die Einführung von Broadcasting Rights und auch den auf Webseiten ausgedehnten Transmission Rights an. Webcasts könnten beispielsweise unter solche Urheberrechtsbestimmungen fallen.

Mindestens ein neues Mitstreiterland hat Lessig in Genf für die Creative-Commons-Idee gewonnen: Chile. Für Furore unter den Patent- und Urheberrechtskritikern sorgte auf dem Gipfel zudem die brasilianische Delegation mit ihrer strikten Open-Source-Haltung. Brasilien, das für die Streichung der WIPO- und TRIPS-Referenzen aus der offiziellen Erklärung stimmte, hat angekündigt, 80 Prozent aller Rechner in der öffentlichen Verwaltung auf Linux umzustellen. "Die Regierung kann sparen, außerdem sollen junge Leute ohne Job animiert werden, selbst zu programmieren und dann gibt es noch das Sicherheitsproblem", umriss Christiano Franco Berbert, Vertreter des brasilianischen Außenministeriums, den neuen Kurs seines Präsidenten Lula da Silva. "Wir wollen wissen, was im Code ist."

Berbert sagte, er denke nicht, dass diese Entwicklung umgedreht werden könne, sollte da Silva von einem Konservativeren abgelöst werden. "Es ist ein strategisches Projekt." Über das krasse Gegenbeispiel zum brasilianischen Weg berichtete Veni Markowski. Der ICANN-Direktor, ISOC-Bulgaria-Vertreter und IT-Berater des bulgarischen Präsidenten machte den absurden und offensichtlich überteuerten Mietkauf von 35.000 Microsoft-Lizenzen für Bulgariens Schulen öffentlich: "Es gibt insgesamt kaum tausend Computer in den Schulen", erklärte Markowski seine Kritik. (Monika Ermert) / (jk)

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