Corona-Immunitätsausweis: "Viele würden versuchen, sich sofort zu infizieren"

Hacktivisten und Forscher lehnen beim "Disruptive Friday" die in der Corona-Krise blühende Technikgläubigkeit und den geplanten digitalen Seuchenpass ab.

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(Bild: ra2studio/Shutterstock.com)

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Der Hacker und Medienkünstler Julian Finn hat am Freitag in einer Online-Debatte des Berliner Disruption Network Lab den in der Corona-Krise um sich greifenden "Techno-Solutionism" kritisiert. Die Pandemie treibe auf diesem Feld teils "total verrückte" Blüten, konstatierte der Programmierer. Dazu zählte er vor allem den Vorschlag eines Konsortium um die Bundesdruckerei und Lufthansa Industry Solutions, das einen "digitalen Corona-Impfpass" durchsetzen will.

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Die skizzierte Blockchain-Lösung, die als eine Art Immunitätsausweis dienen soll, dürfte sich laut Finn dramatisch auswirken: "Viele würden versuchen, sich sofort zu infizieren", um in den Besitz eines solchen digitalen Seuchenpasses zu kommen. Viele Bürger hätten schließlich den Lockdown satt und wollten das gesellschaftliche Leben wieder anwerfen, arbeiten gehen und Geld verdienen. Es wäre aber ein Unding, dafür "technisch Privilegien zu erteilen".

Der mit dem Zertifikat nachgewiesene Corona-Status soll den Plänen der Firmenallianz zufolge nicht nur vom Gesundheitswesen, sondern auch von der Wirtschaft genutzt werden. Von Kontrollen bei der Arbeit, beim Antritt internationaler Flüge und Einlass zu Großveranstaltungen ist etwa die Rede. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt dagegen, dass eine Immunität nach einer durchgestanden Covid-19-Erkrankung nicht erwiesen sei. Bislang untermauere keine ernstzunehmende wissenschaftliche Studie die These, dass Menschen, die Antikörper gegen Sars-Cov-2 entwickelt haben, "vor einer zweiten Infektion geschützt sind".

Auch die Debatte über eine App zum Nachverfolgen von Corona-Infektionsketten untermauert für Finn die vorherrschende Technikgläubigkeit. Singapur habe als erste Nation eine solche Mobilanwendung eingeführt. Es gebe aber dort keinen Nachweis, dass dieses Instrument zu irgendeinem Effekt im Kampf gegen das Virus geführt habe. Die App würde auch von deutlich weniger als den 60 Prozent der Bevölkerung genutzt, die als Voraussetzung für ein erfolgreiches Kontakt-Tracing gälten.

Für einen epidemologischen Nutzen bräuchte es zudem wohl einen zentralen Dienst, über den Kontaktpersonen gespeichert würden, erklärte der Gründer der Firma Mautinoa, die unter anderem digitale Finanzlösungen für Entwicklungsländer entwickelt. Dies ginge aber höchstens über eine unabhängige Stiftung, da ein solcher Speicher "ein sehr großes Maß an Vertrauen" voraussetze. Eine staatliche Lösung verkäme da rasch zu einem Werkzeug aus der Kategorie "Überwachen und Strafen".

Dass Apple und Google an Protokollen und Schnittstellen arbeiten, um eine möglichst datenschutzfreundliche Technik für Kontakthinweise voranzubringen, begrüßte der britisch-finnische Hacktivist Lauri Love prinzipiell bei dem Austausch. Vom Interneterfolgsrezept "rough consensus and running code" seien alle Beteiligten aber noch weit entfernt. Dazu komme, dass die angestrebte Anonymität eine "fragile Angelegenheit" sei und "wir schon jetzt ständig übers Smartphone verfolgt werden". Ähnlich wie in einem Tagebau schürften Konzerne wie Facebook und Google ständig die Daten ihrer Nutzer.

Diese Entwicklung werde sich mit Tracing-Apps grundsätzlich weiter manifestieren und später von vielen als "normal" empfunden wie bei der schleichenden Ausweitung von Geheimdienstbefugnissen etwa im Anti-Terror-Kampf, befürchtet Love, dem im Streit um die Aktion #OpLastResort nach dem Tod des Hackers Aaron Swartz die Auslieferung an die USA drohte. Die aktuelle Krise förderte aber auch Bestrebungen, mit Hilfe der Digitaltechnik Dinge und Netzwerke in dezentraler Weise auf Community-Basis in Solidarität aufzubauen.

In Spanien baue jede der 17 autonomen Gemeinschaften ihre eigene Tracing-App, berichtete die aus Barcelona stammende Forscherin und Künstlerin Joana Moll. Dabei sei in der Regel nicht klar, "wer mit wem Daten teilt". Auf der iberischen Halbinsel sei das Gesundheitssystem jahrelang kaputtgespart worden. Es wäre daher besser, "Geld aus den Steuerparadiesen zurückholen", als technologische Lösungen zu forcieren. Einmal eingeführte Überwachungsmaßnahmen würden auch nach dem Abflauen von Corona aufrechterhalten werden. Zudem komme das Panoptikum mit den neu entwickelten Handy-Programmen "immer näher an unseren Körper heran".

(bme)