Corona-Tracing-App: Absetzbewegungen beim multinationalen Projekt PEPP-PT

Debatte um dezentrale offene Lösung

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Die Gerüchteküche brodelt: Es gibt Stimmen unter den Projektmitarbeitern von DP3T und externen Beobachtern, die davon ausgehen, dass PEPP-PT einen "undurchsichtigen, zentralisierten Ansatz bezüglich Contact Tracing verfolge". So twitterte der EPFL-Forscher Mathias Payer, Teammitglied bei DP3T, am Freitag, es gebe Gerüchte, dass PEPP-PT-Mitglieder für ein nicht-öffentliches Design lobbyierten, für das deutlich mehr Vertrauen in die Regierungen erforderlich sei.

Dabei betont aktuell selbst das EU-Parlament in einer Entschließung vom 17. April (PDF-Datei) seine Festlegung für eine dezentrale offene Lösung: "Das Europäische Parlament, (...) fordert, dass die gesamte Datenspeicherung dezentralisiert erfolgt, dass für vollständige Transparenz in Bezug auf die (nicht in der EU zu verortenden) kommerziellen Interessen der Entwickler dieser Anwendungen gesorgt wird und dass klare Prognosen darüber vorgelegt werden, wie die Verwendung von Apps zur Ermittlung von Kontaktpersonen durch einen Teil der Bevölkerung in Verbindung mit spezifischen anderen Maßnahmen zu einer deutlich geringeren Zahl infizierter Personen führen wird; fordert, dass die Kommission und die Mitgliedstaaten hinsichtlich der Funktionsweise von Apps für die Ermittlung von Kontakten uneingeschränkt transparent sind, damit die Anwender sowohl das zugrunde liegende Protokoll für Sicherheit und Schutz der Privatsphäre als auch den Programmcode selbst überprüfen können, um festzustellen, ob die Anwendung so wie von den Behörden behauptet funktioniert (...)“.

Marcel Salathé will nun seine "gesamte Energie" in das DP3T-Projekt geben. Dort sollen Daten dezentral und anonym gespeichert, Ideen könnten offen diskutiert werden, schreibt Salathé. Die Entwicklergruppe von DP3T hat am Freitag auf Github weitere Testversionen ihrer Contact-Tracing-App zur Erprobung veröffentlicht. Währenddessen von PEPP-PT bislang noch eher wenig zu finden ist – zumindest gibt es inzwischen bei Github eine erste Dokumentation.

Die wiederum am Karfreitag von Apple und Google bekanntgegebene gemeinsame Contact-Tracing-Strategie helfen dem dezentralen Ansatz von DP3T, glaubt Marcel Salathé. "Aus meiner Perspektive begrüsse ich das sehr. Es gibt uns Unterstützung für den dezentralen Ansatz, den wir als DP3T-Gruppe vorgeschlagen haben. Und es wird sicher einfacher, mit einem Standard zu arbeiten", sagte der EPFL-Epidemiologe gegenüber dem Schweizer Online-Medium Watson. Davon abgesehen wiesen Google und Apple darauf hin, dass bei heutigem Stand der technischen Dinge ausschließlich echte dezentralisierte Contact-Tracing-Apps Bluetooth im Hintergrund geöffnet haben können.

Gegenüber der Neuen Zürcher Zeitung äußerte sich Salathé, dass seit der gemeinsamen Ankündigung von Google und Apple und ihrer Unterstützung für einen dezentralen Ansatz "ich das Gefühl habe, dass für den zentralen Ansatz viel Lobbying betrieben wird. So nach dem Motto: Wir lassen uns von Google und Apple nicht vorschreiben, welchen Ansatz wir zu nutzen haben."

[Update 19.4.2020 16:39 Uhr:] Hinweis zur Dokumentation von PEPP-PT bei Github ergänzt. (tiw)