Corona als Chance: Mit Digitaltechnik aus der Krise

Die Digitalisierung bietet viele Lösungsansätze für die Corona-Pandemie. Das gibt einen Schub, der aber nicht verpuffen darf, mahnen Branchenvertreter.

Lesezeit: 2 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 37 Beiträge

(Bild: Elizaveta Galitckaia / Shutterstock.com)

Von

Die Digitaltechnik kann viele positive Beiträge zur Bewältigung der Corona-Krise leisten. "Corona ist auch eine Chance", sagte Bitkom-Chef Bernhard Rohleder am Dienstag zur Eröffnung einer virtuellen Diskussionsrunde des Basecamps in Berlin. "Der ausgelöste digitale Schub muss genutzt werden, um Versäumnisse der Vergangenheit bei der Digitalisierung nachzuholen." Der Weg dürfe nicht zurück in die "alte analoge Welt" führen.

"Wir haben uns gestritten wie die Kesselflicker", ärgerte sich Rohleder über die intensive Debatte über die Corona-App. "Nur wenige konnten dem fachlich folgen. Der Streit hat uns viel Zeit gekostet." In Österreich ist hingegen seit fünf Wochen eine Corona-App des Roten Kreuz im Einsatz, die von der Unternehmensberatung Accenture entwickelt wurde. Dem Roten Kreuz hätten die Österreicher mehr Vertrauen entgegengebracht als staatlichen Institutionen, sagte Christian Winkelhofer von Accenture Österreich. "Selbstkontrolle, Datensicherheit und maximale Akzeptanz bei den Nutzern waren wichtige Voraussetzungen für die Entwicklung der Tracing-App." 400.000 von knapp 9 Millionen Bürgern nutzen die App inzwischen.

Auch die Erfassung der Bewegung der Bevölkerung anhand von Mobilfunkdaten kann ein Instrument bei der Bekämpfung der Pandemie sein. "Wir können anonymisierte Mobilitätsströme sichtbar machen und unterstützen damit das Robert-Koch-Institut", berichtete Pia von Houwald von Gastgeber Telefónica Deutschland. 9 Milliarden Netz-Events von 50 Millionen Kunden verzeichnet der Mobilfunknetzbetreiber täglich. Durch schrittweise Anonymisierung und Aggregierung sei eine Rückverfolgung auf Einzelne unmöglich, versicherte von Houwald. Zu den Datenkunden gehören Städteplaner und Verkehrsbetriebe.

Teralytics kann Bewegungsströme anhand von Mobilfunkdaten nachvollziehbar machen.

(Bild: Screenshot)

Telefónica arbeitet dabei mit Teralytics zusammen. Dessen Mitgründer Georg Polzer zeigte, wie anonymisierte Schwarmdaten sichtbar gemacht werden können. So kann Teralytics auf einer Karte visualisieren, wie viele Reisen zum Beispiel am vergangenen Samstag aus dem Ruhrgebiet in verschiedene Städte unternommen wurden, und diese Zahlen mit denen von einem Samstag im Februar 2020 vergleichen. Die Reisen lassen sich nach den Transportmitteln Fahrzeuge, Bahn und Flüge differenzieren. "Diese Mobilitätstrends dienen über das Robert-Koch-Institut auch als Entscheidungsgrundlage für das Kanzleramt bei Ausgangsbeschränkungen", sagte Polzer. "Und in Italien konnten wir sehen, wieviele Leute vor Corona vom Norden in den Süden geflohen sind."

Am Aufbau einer Infrastruktur zum Corona-Tracking arbeitet das Start-up Ubirch mit. Es will Testergebnisse unverfälschbar in einer Blockchain speichern und damit jederzeit aktuell und abrufbar halten – eine Art virtueller Immunitätspass, wie Ubirch-CEO Stephan Noller die Vorzüge eines digitalen Konzepts gegenüber dem Papierausweis verdeutlichte: "Ergebnisse von Virentests sollten heutzutage unbedingt digitalisiert werden. Wir treten zudem dafür ein, dass sie nur von einer Person verwaltet werden sollten, nämlich von der getesteten Person selbst." Sie könne dann entscheiden, ob sie einen negativen Test zum Beispiel bei einem Besuch im Altersheim vorzeigen möchte. Noller bemängelte, dass noch zu wenig getestet werde.

Ubirch arbeitet an einem Gesundheitszertifikat mit. Noller hält dessen Einführung mit Bezug auf PCR-Tests (Polymerase-Ketten-Reaktion) für nicht zu früh, dagegen würden Antikörpertests erst in zwei Monaten ein Thema. Er wünschte sich mehr PCR-Tests für Altersheimpersonal, Busfahrer und Produktionsarbeiter. In der öffentlichen Debatte hatten Gegner eines Immunitätsausweises davor gewarnt, dass sich Leute absichtlich anstecken könnten, um sich Privilegien wie Zugangsberechtigungen zu sichern. Noller hält das für eine "eher theoretische" Gefahr: "Da müsste man sich ja zu einem Corona-Patienten im Krankenhaus ins Bett legen, um sich sicher anzustecken."

(vbr)