Coronavirus-Fallzahlen und der Amtsschimmel

Vom langen Weg der Falldaten bis zum Robert-Koch-Institut - und ein kleiner Hoffnungsschimmer.

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(Bild: Ausschnitt aus dem Corona-Monitor der Berliner Morgenpost)

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Die Situation mit der Coronavirus-Pandemie und der Interpretation der sie charakterisierenden Fallzahlen ändert sich mittlerweile nahezu stündlich. Südkorea meldet immerhin einen Rückgang der Neuinfektionsquote auf unter 100 Neuinfektionen pro Tag. Auf dem Höhepunkt der Welle lag diese Quote bei über 500. Südkorea hat aber auch sehr frühzeitig weitreichende soziale Distanzierungen beschlossen, Schulen und Universitäten geschlossen, GPS-Trackingdaten der Infizierten veröffentlicht und sehr viele Tests durchgeführt.

Mit viel Optimismus und guten Willen ließe sich aus den vom Robert-Koch-Institut veröffentlichten Zahlen der vergangenen vier Tage für Deutschland zumindest ein leichtes Abflauen der Steigerungsrate herauslesen. Allerdings überschritt die Quote am gestrigen Sonntag erstmals die 1000er Marke, was bei den inoffiziellen Zahlen der Berliner Morgenpost bereits am Freitag der Fall war.

Das RKI veröffentlich validierte Zahlen -- hier die Neuinfektionen -- mit Termin 15:00 (ab dem 6.3), die Berliner Morgenpost aus diversen Quellen laufend (hier Termin Tagesende)

Durch die jetzt beschlossene weitere soziale Distanzierung – das Schließen der Schulen, von Stadien, Sporteinrichtungen; verstärkt in Städten auch die Schließung von Clubs, Kneipen und Kinos; etwa in Bayern ab Mittwoch auch das Zusperren von Geschäften; und so weiter – sinkt auch das Risiko, dass sich größere lokale Krisenherde spontan neu entwickeln und es so vielleicht demnächst zu einer konstanten Rate kommt, so wie es auch in China in dieser Phase der Fall war. Dort (außerhalb von Hubei) blieben die Fallzahlen bei etwa 800 eine Woche lang stehen, bevor sie wieder fielen. Vielleicht bleiben uns hierzulande gar Ausgangssperren wie in Italien, Spanien und nun auch Österreich erspart.

Der Verlauf von Neuinfektionen in China (außerhalb von Hubei). Viellleicht nähert sich Deutschland auch schon dem Plateau

(Bild: WHO China Joint Mission)

Das Auswerten der RKI-Daten für aktuelle Zeiträume ist in unserer föderalen Struktur allerdings etwas problematisch, weil sie über den Deutschen Amtsschimmel nach § 11 des Infektionsschutzgesetz (IfSG) laufen:

Übermittlung an die zuständige Landesbehörde und an das Robert Koch-Institut:

(1) Die verarbeiteten Daten zu meldepflichtigen Krankheiten und Nachweisen von Krankheitserregern werden anhand der Falldefinitionen nach Absatz 2 bewertet und spätestens am folgenden Arbeitstag durch das nach Absatz 3 zuständige Gesundheitsamt der zuständigen Landesbehörde sowie von dort spätestens am folgenden Arbeitstag dem Robert Koch-Institut mit folgenden Angaben übermittelt:

Die Gesundheitsämter der Kommunen und Regionen sammeln also die Daten und schicken sie dann, gegebenenfalls nach Büroschluss, irgendwann am nächsten Arbeitstag an die zuständige Landesbehörde. Die macht das gleiche, sammelt erst und schickt die Daten gegebenenfalls nach Büroschluss irgendwann am nächsten Arbeitstag an das RKI. Das sammelt die Daten und veröffentlicht diejenigen mit Stichzeitpunkt 15 Uhr (ab dem 6. März, vorher 11 Uhr) zum Glück nicht erst am nächsten Arbeitstag, sondern gegen Abend auf ihrer Website.

Da spricht man von Digitalisierung in Deutschland und findet hier noch Meldestrukturen aus der Steinzeit vor. Eine gemeinsame Datenbank oder, zumindest wie von der Community oft eingesetzt, Google-Speadsheets oder vergleichbares – offenbar Fehlanzeige.

Auch die Hotlines haben ähnliche Qualität; wer außerhalb der Bürozeiten anruft, hat keine Chance, von 7/24 keine Spur:

  • Coronavirus-Hotline des Bundesgesundheitsministeriums: Montag bis Donnerstag von 8 bis 16 Uhr, Freitag von 8 bis 12 Uhr unter (030) 34 64 65 100.
  • Informationshotline des Niedersächsischen Landesgesundheitsamts: Montag bis Donnerstag von 8 bis 12 Uhr und 13 bis 16 Uhr sowie freitags von 8 bis 12 Uhr unter (0511) 45 05 555