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Critical Communications World 2016: IT-Anteil steigt

Die Blaulicht-Behörden sind längst damit beschäftigt, ihren Aufbruch in die LTE-Welt zu vollziehen, in der die Daten- und Videokommunikation eine zentrale Rolle spielt. Doch der Digitalfunkstandard TETRA wird sie noch eine ganze Weile begleiten.

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Critical Communcations World 2016: IT-Anteil steigt

(Bild: heise online / Detlef Borchers)

Auf der Critical Communications World (CCW) in Amsterdam wurden viele Neuheiten und Visionen zum hochgerüsteten Polizisten der Zukunft präsentiert. Auch bei der Steuersoftware für Blaulichteinsätze gab es Fortschritte zu sehen. So gibt es nun die "social media validation", vom Predictive Policing ganz zu schweigen. Dennoch spielte die Vergangenheit nach den Anschlägen von Paris und Brüssel die wichtigere Rolle. Was leisten denn all die modernen Kommunikations-Systeme von Polizei, Rettungsdiensten und der Feuerwehr, wenn der Terror zuschlägt?

Der "Blaufunk"-Betreiber Astrid nach dem TETRA-Standard ist in ganz Belgien für die Kommunikation von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten zuständig. Als sich am Flughafen in Brüssel Selbstmordattentäter in den Tod sprengten, denen ein weiterer Anschlag in der U-Bahn folgte, funktionierte Astrid weiter, während die Mobilfunknetze und das öffentliche Telefonnetz zusammenbrachen. Das verdeutlichte Daniel Haché von Astrid in seiner Präsentation.

Allerdings war Astrid mit 4500 Teilnehmern überlastet, weil diese sich in der Aufregung nach den Anschlägen nicht an die Funkdisziplin hielten. Außerdem schalteten sich viele nicht in die für Krisenlagen vorgeschriebenen Gesprächsgruppen ein. In der U-Bahn funktionierte die Datenkommunikation, während der Sprechfunk versagte. Die Konsequenzen: Astrid wird weiter ausgebaut, besonders in Gebäuden/Tunneln und um einen zweiten Kontrollkanal erweitert, auf dem die Zentrale Ordnungsrufe verschicken kann, wenn alles durcheinander redet. Außerdem sollen die Anwender fürderhin besser geschult werden, die Funkdisziplin einzuhalten. Daneben kritisierte Haché die Hersteller heftig: Sie ballerten die Funk-Geräte mit immer neuen Features zu, um sie als Quasi-Smartphones besser verkaufen zu können.

Ob Airbus, Motorola oder Sepura: Diese Kritik wurde von großen Herstellern auf der CCW empört zurückgewiesen. Die Funktionssicherheit im Einsatz bei Polizei und Feuerwehr habe oberste Priorität, am eingeübten Push-to-Talk-Verfahren, an der Notruftaste oder dem Totmannsensor werde nichts geändert. Dennoch fehlte nicht der Hinweis, dass gerade jüngere Einsatzkräfte von ihren Funken mehr erwarten als den Sprech-Kontakt zur Einsatzleitung. Dementsprechend wurden auf der Messe neue Geräte wie das Tactilon Dabat von Airbus Defence and Space vorgestellt, ein Android-Smartphone mit einem TETRA-Modul. Nur der Antennenstab lässt erahnen, dass das Gerät anderen Zwecken dient als dem betrachten einer Map. Auch Motorola Solutions präsentierte mit dem neuen ST 7000 ein handliches TETRA-Gerät, bei dem absichtlich ein Antennenknubbel den Sicherheitsfunk signalisiert.

Mit der Bodycam SI 500 zeigte Motorola Solutions den Einstieg in die multimediale Polizeiarbeit. Die 210°-Kamera liefert automatisch Bilder in die Einsatzzentrale, sobald die Waffe aus dem Holster gezogen wird; dazu misst und überträgt sie den Puls der Ordnungshüter als Indiz für eine Stress-Situation. Fünf integrierte Mikrofone dienen der Audio-Ortung der Szenerie, wobei schlechte Lichtverhältnisse dem System nichts ausmachen sollen. Die in der Zentrale einlaufenden Bilder mit den GPS-Daten können automatisch mit Twitter- und Facebook-Einträgen verglichen werden. Diese Form der "social media validation" soll Zusammenhänge aufspüren, aber auch die Perspektive möglicher Opfer einbeziehen.

Wie stark die IT in der Leitstelle die Arbeit der eingesetzten Polizisten vor Ort bestimmen könnte, zeigte Motorola Solutions in einer Virtual-Reality-Demonstration. Zum Polizisten vor Ort mit einer Datenbrille gehört ein virtueller Partner in der Einsatz-Leitstelle, der mit einer VR-Brille nicht nur dieselbe Szenerie vor Augen hat, sondern laufend zusätzliche Informationen anfordern kann. Wird etwa ein Verdächtiger erkannt, kann ihn die Augensteuerung mit einem Blick und einem Klick markieren und ihn über alle verfügbaren Kameras verfolgen, Drohnenjagd inklusive.

In Motorolas Zukunfts-Szenario sind die kleinen Drehflügler auf jedem Einsatzwagen montiert und umfliegen bei einer Verkehrskontrolle automatisch das verdächtige Fahrzeug, ehe der Polizeibeamte aussteigt und den Führerschein mit seiner Datenbrille kontrolliert. Das größte Problem des vielfach vernetzten Polizisten ist übrigens auch gelöst: Das Aufladen der vielen Akkus erfolgt automatisch und drahtlos über die Polizeiweste, sobald der Beamte wieder im Streifenwagen sitzt.

So viele Gedanken sich Motorola Solutions über den Polizeieinsatz in der Zukunft machte, so wenig hätten all die Informationen und Geräte den Einsatzkräften in Brüssel eine echte Hilfe zur Hand geben können, besonders beim Notfall-Einsatz in der U-Bahn. Hier zeigte Nokia, was in Zukunft wichtig sein könnte, eine tragbare Basis-Station in einem Rucksack, mit der ad hoc ein LTE-Funknetz für 400 Teilnehmer aufgebaut werden kann, das den Kontakt zu anderen Netzen ermöglicht. Zum Träger mit dem Notarzt-Rucksack könnte sich bald der Träger mit dem Notnetz-Rucksack gesellen, damit die Einsatzleitung sich ein Lagebild machen kann. (anw)

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