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Crowd- und Clickworking: Diskriminierung, Überstunden und schlechte Bezahlung

Forscher vom Oxford-Internet-Institut haben drei Jahre lang neue Formen der Online-Auftragsarbeit wie Crowd- und Clickworking untersucht. Dem Abschlussbericht nach fühlen sich viele digitale Tagelöhner ausgebeutet.

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Chancen und Risiken online verteilter Auftragsarbeit im Rahmen der sogenannten Gig Economy beleuchtet eine jetzt erschienene Studie des Oxford-Internet-Instituts. Crowd- und Clickworking über Plattformen wie Amazons "Mechanical Turk", LiveOps oder InnoCentive sind demnach ein zunehmender Erwerbsfaktor vor allem für Online-Arbeiter in Schwellenländern geworden. Daraus könnten arrivierte Selbständige Vorteile ziehen wie "potenziell höhere Einkommen und eine vergrößerte Arbeitsautonomie", heißt es in dem Abschlussbericht eines dreijährigen Forschungsprojekts. Dem stünden aber Risiken gegenüber wie "soziale Isolation, ein Mangel an Work-Life-Balance, Diskriminierung und räuberische Vermittler".

Die Wissenschaftler haben für die Studie 456 Crowdworker vor allem aus Südostasien und den südlichen Ländern Afrikas online befragt und 152 zusätzliche Interviews geführt. Zudem haben sie anonymisierte Daten von "einer der weltgrößten Plattformen für Auftragsarbeit" auswertet, um Einsichten zu gewinnen in die schöne neue Arbeitswelt, in der Aufgaben stunden- oder tageweise vergeben und die Leistung unter anderem mit speziellen Algorithmen überwacht wird.

Die Ergebnisse seien "nicht notwendigerweise repräsentativ" für die einbezogenen Staaten, aber aussagekräftig, schreiben die Forscher. Es gebe Abgrenzungsprobleme zwischen unterschiedlichen Mitstreitern in der Gig Economy, zudem habe man nur Arbeiter mit öffentlich zugänglichen Profilen erreichen können.

68 Prozent der Befragten gaben an, dass Clickworking einen wichtigen Beitrag zu ihrem Haushaltseinkommen leiste. Einige geben an, dass sie aufgrund der gezahlten Löhne erstmals Geldreserven auf die Seite legen oder sich eine private Krankenversicherung leisten konnten. 53 Prozent erklärten, dass ihre Jobs komplexe Aufgaben eingeschlossen hätten. Oft sei zu hören gewesen, dass es ihnen wichtig sei, die Arbeitszeit mehr oder weniger frei wählen zu können.

Die Zahl der Arbeitswilligen übersteigt aber die der tatsächlich über einschlägige Plattformen vermittelten Crowdworker bei weitem. Die Forscher machten weltweit im April über 1,7 Millionen Suchprofile aus. Demgegenüber fanden sie auf diesen nur bei knapp 200.000 Belege dafür, dass die dahinterstehenden Personen mindestens für eine Stunde gebucht worden waren oder wenigstens einen US-Dollar verdient hatten. Das Überangebot an Arbeitssuchenden sei gewaltig, die Unsicherheit groß. 43 Prozent der Teilnehmer hätten so auch angegeben, dass sie sich leicht ersetzbar fühlten.

Ein Mythos ist es laut der Analyse, dass qualifizierte Personen in Nairobi über die Plattformen denselben Zugang zu möglichen Kunden haben wie ihre Konkurrenten in New York. Praktisch beklagten viele der Befragten, dass sie aufgrund ihrer Herkunft diskriminiert würden. Teils laute eine Vermittlungsbedingung etwa, dass nur Arbeiter aus den USA zugelassen würden. Potenzielle Clickworker aus Schwellenländern verdienten zudem gerade beim Start ihrer Online-Karriere unverhältnismäßig wenig. Ein statistischer Diskriminierungsnachweis habe sich aus den Fragebögen aber nicht ableiten lassen.

74 Prozent der Teilnehmer monierten laut den Forschern Formen der sozialen Isolation, da sie entweder gar nicht oder selten mit anderen Gleichgesinnten von Angesicht zu Angesicht kommunizierten. Dies verringere die Fähigkeit, sich zusammenzuschließen und gemeinsam für Interessen wie höhere Löhne zu kämpfen. 94 Prozent seien auch nicht in einer Gewerkschaft. 55 Prozent meinten, dass sie mit sehr hohem Tempo ihre Bildschirmbeschäftigungen erledigten, 22 Prozent klagten über Schmerzen dabei. Nur 15 Prozent sagten, dass ihnen nicht enge Fristen vorgegeben würden. Die Arbeitszeiten lägen oft bei 70 oder 80 Stunden pro Woche für durchschnittlich 3,50 US-Dollar pro Stunde.

Zehn Prozent der Befragten wussten nach eigenem Bekunden nicht, wer eigentlich ihr Auftraggeber war. Insgesamt seien die Arbeitsverhältnisse undurchsichtig. 32 Prozent hatten keine Ahnung, ob ihre Einkommen besteuert würden. 34 Prozent ließen durchblicken, dass sie keine Steuern zahlten. Zudem setzen sich in den Prozessen offenbar neue, wenig rücksichtsvolle Mittelsmänner durch. Maya etwa, eine 26-jährige Studentin aus Malaysia, berichtete über einen Auftraggeber, der einen Job für 75 US-Dollar ergattert und diesen ihr für 7,50 US-Dollar weitervermittelt habe.

Als größte Umsatzländer in der Gig Economy machen die Wissenschaftler Indien, die USA, die Philippinen und die Ukraine vor Staaten wie Pakistan, Bangladesch, Russland oder China aus. In Europa sind Polen und Großbritannien am stärksten vertreten. Die Forscher werfen zahlreiche Fragen auf mit dem Ziel, die Klickarbeit zu verbessern. Dazu zählen etwa Überlegungen, Zertifizierungen der Plattformen einzuführen in Form eines "Fairwork"-Programms und den Crowdworkern online eine gemeinsame Stimme zu geben. In den Raum stellen die Autoren auch, ob Regierungen den noch jungen Wirtschaftssektor stärker regulieren müssten. (mho)