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Cyberwar: Kleine Mückenstiche, aber kein großer Schlangenbiss

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In den USA vergeht kaum ein Tag, an dem Regierungsberater und Geheimdienstmitarbeiter nicht vor den Cyberwaffen-Arsenalen warnen, die vor allem Russland und China entwickeln sollen. "Die Instrumente sind da", wusste auch Frank Lesniak vom Bundesnachrichtendienst (BND) bei einer Cyberwar-Konferenz in München zu berichten. Man sollte trotzdem nicht gleich "in Panik verfallen", stellte der Geheimdienstler dann aber klar.

Das ist auch die Devise der am Freitag in Berlin gestarteten Konferenz Rüstungskontrolle im Cyberspace, die von der "grünen" Heinrich-Böll-Stiftung organisiert wird. Dort geht es darum, "Perspektiven der Friedenspolitik im Zeitalter von Computerattacken" zu finden. Entspannung angesichts der militärischen und "medialen Panikmache", die Olivier Minkwitz von der Forschungsgruppe Informationsgesellschaft und Sicherheitspolitik ausgemacht hat, soll dort verbreitet werden, ohne die Gefahren jedoch herunterzuspielen. Handlungsweisungen an die Politik und Grundsätze für eine Cyber-Rüstungskontrolle sollen folgen.

Ingo Ruhmann vom Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung (FIfF) etwa stellte klar, dass die meisten Waffen der potenziellen Cyberkrieger "alt und herkömmlich" sind. Neu seien allein die so genannten Computer Network Attacks. Die virtuelle Auseinandersetzung zwischen amerikanischen und chinesischen Crackern, die im April nach der Notlandung eines US-Spionageflugzeugs in Fernost "tobte" und in den Medien häufig als eine Art "Cyberweltkrieg Nummer Eins" dargestellt wurde (Der World Cyber War I entpuppt sich als heiße Luft), war für Ruhmann nichts weiter als "eine Phase alltäglicher Hackereien". Der hochgespielte Konflikt habe sich trotz anders lautender Androhungen beider Seiten auf einige "Netzschmierereien mit Graffiti-Charakter" beschränkt. Sensible militärische Computersysteme bleiben laut Ruhmann bei solchen Cracker-Gefechten außen vor.

Ralf Bendrath, einer der Initiatoren von FoG:IS, sagte, Politiker und Militärs in Washington hätten mittlerweile erkannt, dass eine Gefahr höchstens von einzelnen Staaten, aber nicht von Einzelcrackern oder Hackergruppen ausgehe. Erwartet würden nun "kleine Mückenstiche", aber nicht mehr ein "großer Schlangenbiss". Alexander Nikitin, Direktor des Center for Political and International Studies in Moskau, gab ganz in diesem Sinne Entwarnung, was die von den USA befürchtete Entwicklung Russlands zur Cybermacht anbelangt.

Dass US-Militärs trotz der Entwarnung auf der Cyberfront emsig weiter neue Doktrinen zum Ausbau ihrer Überlegenheit im Bereich der Informations-Operationen schmieden und ihren asymmetrischen Vorteil bei der E-Kriegsführung jetzt erst recht noch weiter vergrößern wollen, wie Martin Kahl, Politikwissenschaftler an der Uni Saarbrücken, ausführte, lässt bei den Befürwortern einer Abrüstung im Cyberspace die Alarmglocken schrillen.

Für den Hamburger Informatikprofessor Klaus Brunnstein ist es um die Sicherheit im Internet prinzipiell schlecht bestellt ist. Er schlägt vor, das Internet weiter als freies Kommunikationsmedium aufrecht zu halten und gleichzeitig ein "Secure-Net" zu entwickeln, das für wirtschaftliche sowie militärische Zwecke genutzt wird und ganz anders aufgebaut ist als die heutigen Systeme. (Stefan Krempl)

Entspannung an der Cyberwar-Front? (fr)