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Cyborg-Aktivistin: Wir können die Evolution überrunden

Moon Ribas, Mitgründerin der Cyborg Foundation, und der Androiden-Papst Hiroshi Ishiguro warben auf einem russischen Innovationsforum für die menschliche Selbsterweiterung. Es gehe nicht um ein Wettrennen mit der Maschine, sondern um mehr Diversität.

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Cyborg-Aktivistin: Wir können die Evolution überrunden

Hiroshi Ishiguro mit seinem Alter-Ego

(Bild: Stefan Krempl)

Als der japanische Forscher Hiroshi Ishiguro am Mittwoch auf dem "Open Innovations-Forum" im Technologiepark Skolkowo bei Moskau seine Idee präsentierte, dass Androiden bald menschliche Lehrer, Dolmetscher, Kellner, Pfleger, Babysitter oder TV-Moderatoren ersetzen könnten, löste er im Publikum vor allem Ängste vor massiven Arbeitsplatzverlusten aus. Für den Professor ist der skizzierte Schritt aber "eine Form der menschlichen Evolution". Alles werde ohnehin vernetzt, da sei es wichtig, "viele Formen der Technik für viele Arten von Menschen anzubieten".

Zugleich verwies der Androiden-Papst darauf, der sein Alter Ego mitgebracht hatte und sich von diesem vorstellen ließ, dass es in Japan im Beschäftigungssektor eine ganz andere Situation gebe als in Russland. "Unsere Bevölkerung wächst nicht mehr, die Gesellschaft wird immer älter und wir brauchen dringend Pflegeroboter", stellte er klar. Ein menschliches Angesicht für Maschinen in Form von Humanoiden sei die "ideale Schnittstelle" für Menschen. Sein Ziel sei es mit diesem Ansatz, nicht nur eine eigene "Robotergesellschaft" zu schaffen, sondern auch "die Menschheit selbst besser zu verstehen". Menschen könnten sich dann auf ihnen besonders angemessene, kreative Arbeit konzentrieren sowie produktiver werden.

"Wir müssen die Androidentechnik noch verfeinern", räumte Ishiguro ein. Ein Roboter auf dem gegenwärtigen Stand könne zwar menschliches Verhalten kopieren, nicht aber Bewusstseinszustände. Hier klaffe noch eine große Forschungslücke, an der sich die Wissenschaft derzeit noch die Zähne ausbeiße. Er zeigte sich als Anhänger des Konstruktivismus aber zuversichtlich, dass es bald gelänge, die Schnittstellen zu verbessern mithilfe von größerem Wissen über die Interaktionen zwischen Robotern und Menschen und so einen "menschenfreundlicheren" Androiden zu entwickeln. Auch Sex mit Robotern war auf dem Forum alles andere als ein Tabu-Thema.

Die Cyborg-Aktivistin Moon Ribas wollte ebenfalls von einem Wettlauf zwischen Menschen und Robotern nichts wissen. Die Spanierin betrachtet die menschliche Selbsterweiterung vor allem als Mittel, um die Gesellschaft vielfältiger zu gestalten: Bisher drehe sich diese Debatte vor allem um Geschlechter, Transgender oder Ethnien, künftig kämen Körperteile dazu. "Wir brauchen nicht mehr auf die natürliche Evolution warten", unterstrich die Vertreterin der Cyborg Foundation, die sie gemeinsam mit ihrem Partner Neil Harbisson ins Leben gerufen hat. Die Organisation setzt sich für das Recht ein, den eigenen Körper mit Chips, Sensoren oder Prothesen ergänzen zu dürfen. Bisher sind die dafür benötigten Operationen vielerorts verboten oder finden in einer rechtlichen Grauzone statt.

Ribas selbst hat sich einen Sensor in den Fuß implantieren lassen, mit dem sie nach eigenen Angaben Bodenbewegungen viel intensiver spüren und so etwa auch weit entfernte Erdbeben wahrnehmen kann. "Es hat einige Zeit gedauert, bis ich mich daran gewöhnt habe", berichtete sie und verwies auf manche nächtliche Schlafunterbrechung aufgrund dieser erweiterten Empfindungsfähigkeit. Inzwischen setze sie diese in Tanzeinlagen oder Trommelkonzerte um. Sie fühle sich damit "nicht näher dran an Maschinen, sondern zur Erde, zu Tieren und anderen Spezies". Ihr sei auch ganz direkt klargeworden, dass die Menschheit oft Gegenden besiedele, die dafür aufgrund der seismischen Aktivitäten kaum geeignet werden. Sie plädierte daher dafür, die Erde hin und wieder lieber "in Ruhe zu lassen".

Russische Erfahrungen mit dem "Homo Extensis" schilderte Ilja Chekh, Geschäftsführer der Firma Motorika. Das in Skolkowo angesiedelte Startup stellt Prothesen vor allem für Kinder her, die diese nicht als medizinisches Gerät, sondern als "Gadget" erleben sollen. "Sie sollen sich damit fühlen wie Superhelden", erklärte der Gründer. Die vor allem für Greifzwecke mit den Händen geschaffenen Geräte hätten daher einen Kontrollbildschirm und ließen sich über das Smartphone oder einen größeren Rechner mit zahlreichen Apps verbinden, mit denen die Träger etwa ihre Muskeln trainieren könnten. Die Nutzungsdaten würden in der Cloud gesammelt und von Ärzten ausgewertet, die so zugleich individuell angepasste Trainingsprogramme erstellen könnten.

Viele andere, nicht behinderte Kinder wollten auch bereits eine eigene solche Greifprothese, konstatierte Chekh. Unternehmensphilosophie sei es aber, die nicht sonderlich teuren Geräte nur an Personen auszugeben, die diese wirklich benötigten. Softwareupdates liefere Motorika regelmäßig, auch ein Hardwareupgrade sei so einfach wie das Einsetzen eines neuen Chips in einen Computer. In der Entwicklung seien nun Prothesen auch für Erwachsene mit drahtloser Bezahlfunktion sowie Elektroden, die an Neuronenenden angeschlossen werden und Impulse bis ans Gehirn weiterleiten könnten. Um diese einsatzfähig zu machen, müssten aber vor allem noch einige Sicherheitsfunktionen verbessert werden. Der Jungunternehmer warnte, dass Hacks implantierter Chips lebensgefährlich enden könnten, wenn über diese etwa die Abgabe von Insulin an Zuckerkranke gesteuert werde. (kbe)

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