Menü

D21: Kritik an Rahmenbedingungen für Computer im Unterricht [Update]

vorlesen Drucken Kommentare lesen 160 Beiträge

Die Aufbruchstimmung der Initiative "Schulen ans Netz" ist verflogen, viele Projekte zur Stärkung digitaler Medienkomptenez scheitern an föderalistischen strukturkonservativen Konstellationen der Bildungsministerien. Das wurde auf dem Jahreskongress der Initiative D21 am Donnerstag deutlich. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, finde ein zeitgemäßer Unterricht in punkto "digitaler Selbstbestimmung" nicht statt.

"Frühzeitig Verantwortung lernen – Das Bildungssystem und der lange Weg zur digitalen Selbstbestimmung" lautete der Titel eines Kongress-Forums. Während üblicherweise viel allgemein von der Bildung als Baustein der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands die Rede ist, ging es dort konkreter zur Sache. Horst Niesyto, Professor für Medienpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg stellte fest: "Es gibt sie noch nicht, die neuen Lehrkräfte, die mit Elan eine reflexive Auseinandersetzung auf das digitale Leben liefern können." Der Verfasser des medienpädagogischen Manifestes berichtete, dass selbst die Lehrer, die virtuos den Computer und ihr Smartphone beherrschen, die sich sicher in sozialen Netzwerken bewegen, dies nur in ihrer Freizeit tun.

Das Gesuch von Niesyto und anderen Pädagogen in Baden-Württemberg, zwei zusätzliche Semester in der Ausbildung zu verankern, in denen sie mit neuesten Lernformen experimentieren, wurde zwar genehmigt, doch von der Kultusbehörde mit zusätzlichem Lernstoff zugefüllt. "Der Computer im Unterricht steht erst ganz am Anfang, er verändert den Unterricht und das Denken, aber alle positiven Einzelbeispiele von Experimenten in der Entwicklung neuer Lernformen werden durch die strukturellen Rahmenbedingungen vernichtet", sagte Niesyto.

Was er und auch Klaus Buchholz von der niedersächsischen Landesmedienanstalt in Sachen Medienkompetenz berichteten, wurde von etlichen Redebeiträgen aus dem Publikum sehr kritisch unterfüttert. Lehrer berichteten von einer verfahrenen Situation, vom Kampf mit veralteter Hard- und Software und insgesamt schlechter Lehramtsausbildung in den Randbereichen der Informatik. Tenor: Wenn die viel beschworene Medienkompetenz mehr sein soll als die Fähigkeit, einfach einen Computer zu bedienen, dann könne diese nur durch besonderes Engagement von Eltern und Lehrern gesichert werden. Das deutsche Bildungssystem versage vor diesem Auftrag.

Ein Lehrer der vielfach gelobten Laptopklasse der Gesamtschule Emsland berichtete, dort sei eine volle Lehramtsstelle geopfert worden, um sich einen Vollzeit-IT-Administrator leisten zu können, der die von den Eltern angeschafften Laptops (Rückläufer aus Leasingverträgen) wartet. Seine Einwürfe ernteten Widerspruch auf dem Podium: Philipp Gröschel, Jugendschutzbeauftragter von VZnet Netzwerke (SchülerVZ, StudiVZ, MeinVZ) meinte, dass Laptopklassen überflüssig seien. "Es reicht, wenn Grundkenntnisse in der Textverarbeitung vorhanden sind." Martin Kinne, Geschäftsführer von Hewlett-Packard Deutschland, berichtete von seinen Trainees, die sich über alle Zeitzonen und Sprachgrenzen hinweg von ihrem Leben in sozialen Netzwerken geprägt hervorragend vernetzen und im internationalen Vergleich bestens abschneiden würden. Wie sie diese Fähigkeiten gelernt haben, hat man bei Hewlett-Packard freilich nicht erforscht.

[Update: Die Videoaufzeichnungen der Diskussionen auf dem Jahreskongress können mittlerweile hier abgerufen werden.

Philipp Gröschel legt Wert auf die Feststellung, dass seine Aussagen in der Diskussion unvollständig wiedergegeben wurden und schickte eine Zusammenfassung seiner Position: "Es ist wichtiger, dass Grundkenntnisse in der Textverarbeitung vermittelt werden und darüber hinaus viele verschiedene Medien im Unterricht eingesetzt werden. Eine einseitige Fokussierung auf den Computer wäre falsch und würde dem Gedanken einer vielfältigen Medienkompetenzvermittlung widersprechen."]
(anw)