DLD: Vom bedingungslosen Grundeinkommen bis zum Uber-Glück

Der zweite Tag der "Digital Life Design" hatte interessante Einsichten in die Welt der "digitalen Entscheider" parat. Gesundheits-Telemonitoring könnte ein Zukunftsmarkt werden. Die Idee zur Null-Grenzkosten-Gesellschaft sorgte für eine gereizte Stimmung.

Lesezeit: 2 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 85 Beiträge
DLD

(Bild: dpa, Tobias Hase)

Von
  • Detlef Borchers

Auf dem zweiten Tag der DLD-Konferenz ging es um Disruption. Reed Hastings von Netflix verkündete im Gespräch mit ZDF-Mann und Netflix-Nutzer Claus Kleber das Ende des "linearen Fernsehens". Instagram freute sich über neun Millionen Nutzer in Deutschland, die Bilder als "neue Universalsprache" beherrschen. Und dann gab es noch den aufregenden Austausch zwischen den USA und Europa.

Die dreitägige Konferenz DLD hat seit jeher ihre spannenden Momente, wenn bekannte Konzepte in einem anderen Kontext präsentiert werden. Dies passierte schon am ersten Tag, als Jeremy Rifkin seine bekannten Thesen von der Null-Grenzkosten-Gesellschaft vortrug, dieser Mischung aus Energiewende und Open Source-Politik hin zur Shared Economy als der Alternative jenseits von Kapitalismus und Sozialismus.

Das Publikum, größtenteils VC-Investoren und Start-Ups, die jeweils auf ihre Weise auf die große Kohle warten, reagierte leicht gereizt. Möglicherweise lag das auch am Vortragsstil von Rifkin, der damit angab, mit Kanzlerin Merkel, EU-Präsident Junker und dem Papst Konversation zu treiben.

Auf deutscher Seite gab es am zweiten Tag Geraune, als Albert Wenger "10 Dinge über die Zukunft der Arbeit, die sie immer schon wissen wollten" vorstellte. Die 10 Dinge entpuppten sich als US-amerikanisch inspirierter Vorschlag zum bedingungslosen Grundeinkommen, wie man es hierzulande von der Partei "Die Linke" oder von der Piratenpartei kennt.

Wenger, der Regeln wie den Mindestlohn oder Arbeitszeit-Begrenzungen ablehnt, geht es um die Entkoppelung der Tatsache, dass Menschen sich über ihre Arbeit definieren. Ohne diesen Automatismus würden Menschen sich auf das besinnen, was sie am besten können und dies zum Nutzen der Gemeinschaft ausüben. Damit sie sich überhaupt besinnen können, forderte Wenger einen Umbau der Schulen, der ältere Semester an Summerhill erinnerte.

Für Michael Mendenhell von Flex ist es ausgemacht, dass eine neue Mittelschicht entstehen wird. Dies, obwohl mit Nouriel Roubini ein Ökonom den DLD-Teilnehmern für die nächsten Jahre eine harte Zeit mit schrumpfenden Vermögen prognostizierte. Mendenhell zufolge wird sich die neue Mittelklasse mit wirtschaftlichen Glücksversprechen nicht zufrieden geben, sondern die persönliche Gesundheit als wichtigstes Lebensziel definieren. Dienste, die das Telemonitoring der Gesundheit in Echtzeit anbieten, werden die nächsten Superstarter wie Google sein.

Kann die neue Mittelklasse aus der "Gig-Ökonomie" entstehen, wenn Menschen als Fahrer für Uber, als eHoteliers für AirBnB, oder als SMS-"Heroen" für GoButler arbeiten und Gigs annehmen? Diese Frage beschäftigte ein Panel, bei dem Tilo Jung vom Fernsehformat Jung und Naiv grotesk fehlbesetzt war. Denn Jung beschäftigt keine naiven Disrupteure, sondern stellt naive Fragen, vorzugsweise an Politiker.

Im Nachhinein ein Glücksgriff, weil der Moderator des Panels nicht imstande war, kritische Fragen zu stellen. So inszenierte sich Uber-Manager Pierre-Dimitri Gore-Coty als Retter prekärer französischer Banlieues (15.000 Uber-Fahrer in Paris, davon 40 Prozent zuvor arbeitslos), während ein Münchener Uber-Fahrer nur Positives zu berichten wusste. Als aber Tilo Jung Fragen stellte, erfuhr man immerhin, dass Uber satte Prozente kassiert, während sich die Fahrer um Versicherungen und Reparaturen kümmern müssen und bald richtig Konkurrenz bekommen.

Geht es nach Starship Technologies, werden die Paketauslieferer bald disruptiv von Lieferrobotern ersetzt. Für diese Idee gab es auf der DLD-Konferenz richtig Beifall, auch weil der deutsche Star-Investor Marc Samwer zuvor über den Schlüsselfaktor Logistik referiert hatte, den seine Firmen in Russland und anderswo in den Griff kriegen mussten, nicht nur beim deutschen Zalando.

Zum Abend hin verteilte eine DLD-Jury noch Preise. Einen Aenne Burda-Award für digital erfolgreiche Frauen gab es nicht mehr, doch wurde mit der Münchener Navvis das innovativste Start-Up des Jahres für die Idee ausgezeichnet, 3D-Aufnahmen von Innenräumen zu vereinfachen. Als Newcomer kassierte die Nürnberger Antelope mit ihrer Fitness-Ganzkörperunterwäsche einen Preis und im engeren Bereich der IT gewann die Karlsruher Artiminds mit einer neuen Programmiersprache für Roboter. (kbe)