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DNS-Chaos befürchtet wegen multilingualer Domains

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Die RFCs für internationale Domain-Namen sind fast fertig, doch die Probleme mit der Einführung der Nicht-ASCII-Zeichen gehen jetzt erst richtig los. Obwohl man sich auf Unicode als Basis sowie auf einen Standard für die Vorbereitung und auf den so genannten Punycode für die ASCII-Enkodierung vom Unicode-Strings geeinigt hat, könnte es im DNS bald chaotisch werden. Gleich zwei Workshops und eine Reihe weiterer Sitzungen beim gerade zu Ende gegangenen Treffen der Internet-Verwaltung und DNS-Aufsicht ICANN in Shanghai beschäftigten sich mit den "Albträumen" der DNS-Gurus wie John Klensin. Die kommerzielle Einführung der Domains, deren Namen nicht nur aus ASCII-Zeichen bestehen, könne das DNS im schlimmsten Fall unbrauchbar machen, sagte Klensin. Trotzdem stehen Unternehmen wie Verisign bereit.

Vincent Cheng von der taiwanischen Länderregistry stellte eine Studie vor, nach der es bei immerhin rund 20 Prozent der vom Exmonopolisten VeriSign/NSI registrierten chinesischen Domains zu Konflikten kommt. Dafür sorgen innerhalb der Datenbank unter anderem die Existenz traditioneller und vereinfachter Schriftzeichen samt zahlreicher Zeichenvarianten. China, Taiwan und Hongkong arbeiten nun in einem Konsortium an einer bereinigten Zeichentafel. Im Übrigen wollen die chinesischen Domain-Verwalter die verschiedenen Varianten jeweils nur für eine Registrierung zulassen.

Chinesisch, Japanisch und Koreanisch teilen sich zu allem Überfluss auch noch einige Tausend chinesischer Schriftzeichen, für die es jeweils unterschiedliche Codepunkte in verschiedenen Zeichensätzen gibt. Auch dafür müsste in mühevoller Kleinarbeit Doppelungen möglichst ausgeschlossen werden.

Trotz all der Fragen, die die IETF-Standards offen gelassen haben, will VeriSign möglichst bald die bereits registrierten eine Million multilingualer Domains in die freie Wildbahn entlassen. Dazu muss man von der bislang genutzten RACE-Kodierung (Row-based ASCII Compatible Encoding) auf Punycode migrieren. Ob die Kunden die neuen ASCII-Strings dann einfach so bekommen, darüber steht Streit ins Haus. VeriSigns Konkurrenz verfolgt die Entwicklung mit Argusaugen. "Was passiert", fragt Erich Schätzlein von Schlund/Afilias, wenn VeriSign in der Übergangsphase in beiden Standards registriert?"

"Wenn man drei Prozent Konflikte hat, ist das in Ordnung, aber bei 20 Prozent ist es aus", warnte Klensin. Auf die vielen entstehenden Markenrechtsfragen sind die Streitschlichter zudem noch kein bisschen vorbereitet. Die Frage nach dem Format der Whois-Informationen ist ebenso ungeklärt. Die meisten Anstrengungen für Eindeutigkeit der Domains seien bislang in Asien im Gange. Geradezu eine Horrorvorstellung ist die Mischung gänzliche verschiedener Schriften, also etwa griechischer mit russischer Zeichen. Besonders davor warnten Klensin und der Vizechef der IETF-Arbeitsgruppe zu multilingualen Domains, James Seng; die Gefahren sind aus den so genannten homographischen Attacken bekannt. Der Kunde könnte sogar durch Klicken auf Zeichenlexika aus Versehen verschiedensprachliche Domains registrieren.

Klensin erwartet ohnehin, dass die Länderdomain-Verwalter eine führende Rolle bei der Einführung der multilingualen Domains einnehmen. Damit dürfte er von der Position, die die Regierungen im ICANN-Regierungsbeirat vertreten, auch nicht weit entfernt sein. Hu Qihang, Chefin der Internet Society in China, forderte ganz einfach ein Verbot für die Einführung von multilingualer generischer Top Level Domains. "Man muss die ccTLDs das zuerst machen lassen, die gTLDs kommen erst dran, wenn die Regeln auf lokaler Ebene gemacht wurden." Die Äußerung zeigt auch, was auf ICANN zukommt. Möglich, dass ICANN, ihr Regierungsbeirat oder die ITU, die sich dafür bereits für zuständig erklärt hat, bald vor der Entscheidung stehen, wen sie mit dem Setzen der Regeln für eine bestimmte Sprache betrauen wollen. (Monika Ermert) / (jk)