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DVB-H startet ohne Publikum

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Das Handy-Fernsehen über DVB-H ist nun auch in Deutschland offiziell gestartet. "Pünktlich am 1. Juni" sei der "Testbetrieb" in vier deutschen Großstädten gestartet, teilt der Plattformbetreiber Mobile 3.0 mit. Es gibt dabei nur einen Haken: Kaum jemand in Hamburg, München, Frankfurt und Hannover wird es sehen können. Kein Mobilfunkanbieter hat das neue Handy-TV im Vertrieb, geschweige denn ein geeignetes Mobiltelefon. In der Branche wird DVB-H derzeit keine große Zukunft eingeräumt. Stattdessen bestücken alle Netzbetreiber ihr Portfolio mit DVB-T-fähigen Handys wie dem LG HB620T.

"Pünktlich" ist DVB-H in Deutschland insofern, als das neue Handyfernsehen zur Fußball-Europameisterschaft (ab 7. Juni) starten sollte. Gedacht war dabei allerdings eher an den Regelbetrieb mit fertigen Produkten, denen die EM einen ordentlichen Schub verpassen sollte – in Österreich ist das für die EM-Spielorte gelungen. Doch nach Unstimmigkeiten mit den Landesmedienanstalten und wohl auch internen Querelen mehrten sich die Anzeichen, dass sich die Einführung verzögert. Noch hat Mobile 3.0 nicht alle für einen bundesweite Versorgung nötigen Lizenzen, wie das Konsortium einräumte.

Für die Verzögerung bei der Lizenzerteilung sorgten ARD und ZDF, die sich je einen Kanal im Bukett der DVB-H-Plattform hatten zusichern lassen. Das wollten die Öffentlich-Rechtlichen im Hinblick auf eine mögliche zukünftige Erweiterung der Plattform auf ein Sechzehntel der Kapazität umschreiben und intervenierten dafür bei den Staatskanzleien der Bundesländer, erklärte ein Sprecher der Landesmedienanstalten. Da die Lizenzzuweisung in einigen Bundesländern über die Staatskanzleien laufe, sei der Vergabeprozess damit aufgehalten worden. Inzwischen sei das wieder vom Tisch, doch die entsprechenden Zuweisungen noch nicht bei allen Landesmedienanstalten eingegangen. Insgesamt gehe es noch um ein oder zwei ausstehende Lizenzen.

Doch hängt das Schicksal des bezahlten Handyfernsehens nicht nur an der Lizenzfrage. Das Konsortium Mobile 3.0, zu dem der Plattformprovider MFD sowie über die Neva Media die Verlagshäuser Burda und Holtzbrink gehören, muss auch Vertriebspartner für die Plattform finden, die entsprechende Produkte und Handys anbieten. Bei den dafür vorgesehenen Netzbetreibern ist von der anfänglichen Euphorie allerdings nicht mehr viel übrig. Vodafone-Chef Fritz Joussen spricht es deutlich aus: "Das Modell eines kostenpflichtigen Angebots auf Basis eines separaten TV-Signals ist schwierig". Zumal es inzwischen Handys auf dem Markt gibt, mit denen das kostenlose DVB-T-Signal empfangen werden kann – und das auch ganz passabel.

Joussen gibt dem kostenpflichtigen DVB-H-Modell – und damit Betreiber Mobile 3.0 – derzeit keine große Überlebenschance. So direkt wollen es die anderen Netzbetreiber nicht ausdrücken. Sie sind offen für neue Geschäftsmodelle und beobachten den Markt. Der Plattformbetreiber verweist auf Gespräche mit potenziellen Vertriebspartnern, will aber keine Einzelheiten verraten. Doch soll es in "absehbarer Zeit" richtig losgehen. Bis dahin läuft das Handy-TV im Testbetrieb mit 9 der geplanten 16 Kanäle sowie drei Radiosendern. Konkrete Gespräche mit Mobile 3.0 will dagegen keiner der Netzbetreiber, die sich mit einem eigenen Konsortium vergeblich um den DVB-H-Betrieb bemüht hatten, bestätigen. Stattdessen verkaufen sie das DVB-T-Handy von LG, das in puncto Bildqualität die ersten DVB-H-Test-Sendungen und -Geräte in den Schatten stellt.

Doch macht sich Skepsis nicht erst seit dem DVB-T-Handy breit. Die abwartende Haltung der Branche gründet sich auf schmerzlichen Erfahrungen. Ende April hatte das erste deutsche Handy-TV-Abenteuer ein vorzeitiges Ende gefunden. Das zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 gestartete Mobile-TV nach dem Standard DMB hatte mit gerade einmal 10.000 Kunden nicht den erhofften Erfolg und galt spätestens nach dem klaren Votum der EU-Kommission für DVB-H als Auslaufmodell. Ähnlich enttäuschende Erfahrungen machte Virgin Mobile in Großbritannien. Kaum zur Verbesserung der trüben Stimmung beitragen dürfte eine Studie, derzufolge bezahltes Handyfernsehen unter Kundenschwund leidet.

Offiziell haben die DVB-H-Befürworter vor dem DVB-T-Handy keine Angst. Sie verweisen auf die besonderen Möglichkeiten des Handy-Standards. Doch dürften die technischen Vorzüge des speziell auf Mobilfunkgeräte zugeschnittenen DVB-H-Angebots den gelegentlichen Fernsehzuschauer kaum motivieren, eine monatlichen Gebühr von bis zu 10 Euro zu zahlen. Die von den Betreibern gerne angeführte Interaktivität und damit verbundene neue Inhaltsformate sind bisher noch Planspiele. Aufregende neue Geschäftsmodelle sind nicht in Sicht; weiter als bis zu Recycling und Aufbereitung konservierter Fernsehware sind die Handy-TV-Macher noch nicht gekommen.

Um Abonnenten gewinnen und halten zu können, reicht es offenbar nicht, einfach ein Fernsehsignal aufs Handy zu senden. Das wissen auch die Verantwortlichen bei Mobile 3.0 – spätestens seit dem Watcha-Desaster, für das auch MFD die Plattform gestellt hatte. Ein Rezept für die Zukunft und eine Killer-Applikation, so scheint es, haben sie derzeit aber auch nicht.

Zum Handy-TV und der Auseinandersetzung um DVB-T- und DVB-H-Handys siehe auch in c't 12/08:

  • Fallrückzieher, Zur Fußball-Europameisterschaft kommen die ersten DVB-T- statt DVB-H-Handys, c't 12/08, S. 24

(vbr)