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Das Ende der Deutschland AG

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Es war ein Kampf der Titanen – die Schlacht zwischen dem Mannesmann-Konzern und dem britischen Mobilfunkriesen Vodafone. Vor rund einem Jahr, am 14. November, begann die bislang spektakulärste feindliche Übernahme der Wirtschaftsgeschichte. An diesem Herbsttag klarten gegen Abend nicht nur die grauen Regenwolken in Düsseldorf auf. Auch die wochenlangen Spekulationen wurden Gewissheit: Der ehrgeizige Vodafone-Chef Chris Gent hatte es auf das erfolgreichste deutsche Unternehmen der 90er Jahre abgesehen. Am Sonntagabend flatterte dem Vorstand eine Kaufofferte der Briten auf den Tisch. Geboten wurde den Mannesmann-Aktionären zunächst rund 150 Milliarden Mark in Form eines Aktientausches.

Doch Vorstand und Aufsichtsrat zeigten mit dem Daumen nach unten. Auch die Arbeitnehmer liefen gegen die Pläne Sturm: Sie befürchteten eine Zerschlagung des Traditionskonzerns – nicht zu unrecht, wie sich Monate später herausstellte. Das Kaufangebot sei völlig unzureichend und die ausschließliche Mobilfunkstrategie von Vodafone verspreche weniger Wachstum, begründete Mannesmann-Chef Klaus Esser seine ablehnende Haltung. Die Abwehrschlacht begann: Drei Monate dauerte das Gefecht, dann gab sich der ehemalige Röhren- und Maschinenbaukonzern geschlagen.

Die Aktionäre hatten sich mehrheitlich für ein friedliches Zusammengehen mit den Briten entschieden. "Das mussten wir respektieren", sagte Esser. Inzwischen hatte sich der Wert der Vodafone-Offerte durch eine Aufstockung und dem kräftigen Anstieg des Aktienkurses auf fast 400 Milliarden Mark erhöht. Der Mannesmann- Vodafone-Deal war damit vor AOL/Time Warner (rund 300 Milliarden Mark) die teuerste Firmenübernahme.

Und die Schlacht der Titanen erschöpfte sich keineswegs nur in trockenen Zahlen, Pressekonferenzen und Roadshows. Mit Anzeigenkampagnen, die die Unternehmen mehr als eine Milliarde Mark gekostet haben dürfte, wurden auch Emotionen geschürt: Den Mannesmann-Babys (D2, Orange, Omnitel) setzte Vodafone eine stillende und schützende Mutter entgegen. In Gesprächen mit institutionellen Investoren rührten Esser und Gent gleichermaßen die Werbetrommel für ihre Konzepte.

Dabei war Mannesmann an dem Angriff von Vodafone nicht ganz unschuldig. Schließlich hatte Esser zuvor in Großbritannien den Konkurrenten Orange gekauft und damit den dortigen Marktführer provoziert. Damit glaubte er, Mannesmann würde schwerer und unverdaulicher für eine Übernahme. Doch in der Telekommunikation ist nichts unmöglich.

Vodafone hatte nämlich ein gravierendes Problem: Das Unternehmen verfügte im Ausland fast nur über Minderheitsbeteiligungen; nach der Übernahme der US-Firma AirTouch Anfang 1999 auch an Mannesmann D2. Der Stein kam ins Rollen. Fressen oder gefressen werden, sagte sich Gent und wagte den Angriff. An den Börsen kletterten die Kurse beider Unternehmen. Möglich, dass viele Kleinanleger schwach wurden, und ihre Papiere mit satten Gewinnen verkauften. Die als sicher geglaubte Abwehrfront gegen Vodafone bröckelte. Auch möglich, dass die Allianz von Vodafone mit dem französischen Mischkonzern Vivendi im Internetgeschäft von Anfang Februar den Ausschlag gab.

Mit Mannesmann hat sich Vodafone jedenfalls das Unternehmen in Europa einverleibt, das den britischen Konzern jetzt kaum schlagbar macht. Auf den Mobilfunk hatte es Gent schließlich abgesehen. Sein anfängliches Versprechen, das Festnetzgeschäft (Arcor/o.tel.o) mehrheitlich zu behalten und die Industriesparte Atecs an die Börse zu bringen, ist Schnee von gestern. So wurden die Mannesmann-Töchter versilbert: Die Industriesparte Atecs ging für knapp 20 Milliarden Mark an Siemens und Bosch, die Infostrada (Festnetz) für 22 Milliarden an den italienischen Enel-Konzern und die Mobilfunkfirma Orange für rund 90 Milliarden DM an France Telecom. Salzgitter erhielt das verlustreiche Röhrengeschäft und die Luxusuhren verkaufte Vodafone an die Schweizer Richemont- Gruppe.

Als wichtigste Lehre aus der deutsch-britischen Übernahmeschlacht notieren Chronisten: Die Deutschland AG ist tot – es lebe die Globalisierung. Feindliche Übernahmen, wie sie deutsche Konzerne im Ausland tätigen, sind umgekehrt jetzt auch in Deutschland möglich. Selbst Mannesmann-Chef Esser, der Verlierer, hat das immer wieder gefordert. Wie hart die Übernahmeschlacht in der Sache auch war, eine Einmischung der Politik hatte er sich stets verbeten. (Peter Lessmann, dpa) / (jk)