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"Das Gehirn ist ein Computer"

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Norbert Wiener, der zusammen mit Arturo Rosenblueth als Begründer der Kybernetik gilt, würde heute seinen 111. Geburtstag begehen. Mit seinem 1948 erschienenen Buch "Kybernetik. Regelung und Nachrichtenübertragung im Lebewesen und in der Maschine" gab Wiener der Naturwissenschaft wie der Philosophie nach Ende des II. Weltkrieges neue Anstöße. Wer heute mit Begriffen wie Nachricht, Information, Rückkopplung und Homeostase hantiert, steht in der Tradition dieser Kybernetik, die den entscheidenden Input dafür lieferte, dass der genetische Code von der Molekularbiologie entschlüsselt werden konnte. Zeitweilig hielt sich Norbert Wiener sogar für den verhinderten Erfinder des Computers; sein Freund Vannevar Bush konnte ihn jedoch von diesem Irrglauben abbringen. Wiener gilt obendrein als Prototyp des zerstreuten Wissenschaftlers, der sich eher an Zahlen als an Menschen orientierte – darum wird hier sein 111. Geburtstag gefeiert.

Norber Wiener war der Sohn des russischen Juden Leo Wiener und der deutschen Jüdin Bertha Kahn. Der Vater war Professor für Deutsch und slawische Sprachen und unterrichtete zeitweilig seinen Sohn, der als Wunderkind galt. Norbert Wiener absolvierte die High School mit 11 Jahren, das College mit 14 und promovierte mit 18 Jahren über mathematische Philosophie. Seine intellektuellen Lehr- und Wanderjahre verbrachte er in England und Deutschland. Beeinflusst von Bertrand Russell, David Hilbert, G.H. Hardy und Edmund Landau lernte er, wie man mit der Mathematik lebt. Im I. Weltkrieg arbeitete Wiener für die amerikanische Armee an der Entwicklung eines Feuerleitgerätes für die Flugabwehr. Bei seiner Beschäftigung mit Ballistik und Aerodynamik entwickelte er die Idee der "Rückkopplung", mit der das Flugverhalten von Angreifern berechnet werden konnte. Als Rückkopplung, ein zentraler Begriff der späteren Kybernetik, definierte Wiener den nachrichtentechnischen Zustand, "wenn bei einer von einem Muster gelenkten Bewegung die Abweichung der wirklich durchgeführten Bewegung von diesem Muster als neue Eingabe benutzt wird, um den geregelten Teil zu veranlassen, die Bewegung dem Muster näher zu bringen."

Nach dem ersten Weltkrieg arbeitete der am MIT unterrichtende Norbert Wiener, der laufend mit den führenden Mathematikern Europas in Kontakt stand, an Problemen der Ergodentheorie, dem Brownschen Rauschen, der harmonischen Analyse, der Thermodynamik und der Quantenmechanik. Diese Interdisziplinarität und ständige Diskussionsbereitschaft setzte er im II. Weltkrieg, von Europa isoliert, mit einer Gruppe von Physikern, Soziologen, Biologen und Psychologen fort. Sie entwickelten einen Code, der die Grenzen der einzelnen Teilwissenschaften überwinden sollte, die Kybernetik. Wer Wieners Buch "Kybernetik" zur Hand nimmt, wird erstaunt feststellen, wie der Autor im ellenlangen Vorwort zur ersten Ausgabe nichts anderes macht, als einen bunt wimmelnden Kosmos von Personen vorzustellen, die allesamt an der großen vereinheitlichenden Theorie der Kybernetik arbeiten. Bis zu seinem Tod am 18. März 1964 auf einer Vortragsreise in Stockholm versuchte Wiener unermüdlich, die Kybernetik auch weit entfernten Sachgebieten anzudienen.

Mit der Kybernetik, die in den 60er Jahren die Wissenschaft dominierte und heute unter anderem als Systemtheorie fortlebt, entwickelte Wiener auch eine leise Kritik der herrschenden Zustände. Sein berühmter Satz, dass das Gehirn ein Computer ist, muss um seine weniger berühmte Einschätzung ergänzt werden: "Das menschliche Gehirn mag so weit auf dem Weg zu seiner destruktiven Spezialisierung sein wie die großen Nasenhörner der letzten der Titanotherien." Detlef Borchers (Detlef Borchers) / (gr)

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