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"Das Glück, dass meiner zuerst lief" – Zum 100. Geburtstag von Konrad Zuse

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Konrad Zuse vor der Rekonstruktion der Z3 im Deutschen Museum in München

(Bild: Deutsches Museum, München)

"Zu den Pionieren zähle ich mich unbedingt, ich habe aber auch nichts dagegen, dass Sie mich als Erfinder des Computers bezeichnen, solange Sie sich im klaren sind, dass ich nicht der einzige bin; da gibt es natürlich neben mir noch mehr, ich hatte nur das Glück, dass meiner zuerst lief." Diese Auskunft gab Konrad Zuse im Jahr 1990 zwei Lehrern und einem Schüler, die ihn in seinem Wohnort Hünfeld besuchten, und damit sei die alte Streitfrage abgehakt, wer denn nun den Computer erfand.

Konrad Zuse zählt zu den großen Gestalten der deutschen Technikgeschichte, und nicht nur deshalb, weil er 1941 die erste funktionierende programmgesteuerte Rechenanlage im Dualsystem baute. Geboren am 22. Juni 1910 in Berlin, wuchs er im ostpreußischen Braunsberg und im damals Schlesien zugehörigen Hoyerswerda auf. Ab 1928 studierte er an der Berliner Technischen Hochschule, wobei er ein Jahr als Werbegrafiker bei der örtlichen Ford-Filiale einschob. 1935 machte er sein Diplom als Bauingenieur.

Die Kunst – und seine Motive

Die künstlerische Neigung führte Zuse zum akademischen Verein "Motiv", außerdem las er nach allen Richtungen, links Karl Marx oder Sigmund Freud, rechts Ernst Jünger und Möller van den Bruck, den Propheten des "Dritten Reiches". Seine eigene Bibel wurde aber "Der Untergang des Abendlandes" von Oswald Spengler. Vermutlich sprach der deterministische Auf- und Abstieg der Kulturen, wie ihn Spengler ausmalte, Zuses Sinn für Mechanik an.

Die erste Arbeitsstelle fand Konrad Zuse bei den Henschel Flugzeug-Werken südlich von Berlin. Nach einem Jahr – die Geschichte ist bekannt – kündigte er und begann im elterlichen Wohnzimmer mit dem Bau einer programmgesteuerten Rechenanlage für Dualzahlen; Unterstützung kam von der Familie und aus dem Motiv-Verein. Von 1936 bis 1938 entstand Z1, ein blechernes Monstrum, das im Prinzip funktionierte, doch stets verklemmt war. Immerhin erfüllte es den alten Traum des Engländers Charles Babbage von der Analytical Engine.

In den 1930er Jahren lag die Grundidee des Computers in der Luft. Es gab schon mit Kabeln einstellbare Tabelliermaschinen, und 1926 erfand der Berliner Ministerialbeamte Emil Schilling eine Steuerung für Rechenmaschinen, die durch Papierstreifen Anweisungen und Daten erhielt. 1936 meldete Louis Couffignal (PDF-Datei) in Belgien ein Patent für eine binäre Rechenmaschine an, und auch die Universelle Turingmaschine ist im Prinzip ein speicherprogrammierter Computer im Dualsystem.

Am 12. Mai 1941 führte Zuse, jetzt wieder bei Henschel tätig, erfolgreich die Z3 vor, die die Struktur der Z1 von Blechstreifen auf Relais übertrug. Sie entsprach nicht ganz den Regeln der Von-Neumann-Architektur, da die Befehle von gelochten Filmstreifen kamen, war aber nach menschlichem Ermessen der erste lauffähige Computer. Kurz vorher, am 1. April 1941, hatte der Ingenieur mit der Zuse-Apparatebau die erste Computerfirma der Welt gegründet, die den Bau eines Z3-Nachfolgers und zweier Spezialrechner für Flugzeugbau in Angriff nahm.

Spiegel-Ausgabe 28/1949 mit dem Artikel "Höhere Mathematik auf Knöpfen" über Zuses "Rechenmaschinen"

(Bild: Spiegel)

Als Statiker und über jene Rechner wirkte Zuse an der Fertigung der Gleitbombe Hs 293 mit, die gegen Schiffe gelenkt wurde. Sie traf nicht oft, doch starben 1943 bei einem Einsatz über 1000 US-Soldaten. Ob er sich damit schuldig machte oder gar, wie die ZEIT schrieb, für den Endsieg tüftelte, möge jeder Leser selbst entscheiden. Die Alternative zur Arbeit bei Henschel wäre sicherlich die Schließung seiner Firma und Bewährung an der Front gewesen.

Ende Februar 1945 konnte Zuse die neue Z4 als "V4" von Berlin in die Aerodynamische Versuchsanstalt nach Göttingen verbringen. Das weitere Schicksal des Computers geht aus einem langen Brief vom November 1945 hervor: Demnach glaubte Zuse noch kurz vor Kriegsende an ein "Wunder", weshalb er die Maschine durchs schrumpfende Deutsche Reich in den Allgäu transportierte. Hier schaffte der junge Familienvater die Rückkehr ins zivile Leben: 1947 erfolgte die Gründung des Zuse Ingenieurbüros in Hopferau, 1949 gar der Besuch eines Reporters vom Spiegel.

Wieder eine eigene Firma

Kleinere Aufträge und die Vermietung der Z4 an die ETH Zürich ermöglichten am 1. August 1949 die Gründung der Zuse KG im hessischen Neukirchen; später zog die Firma nach Bad Hersfeld um. In zwanzig Jahren baute sie 330 Computer der Typen Z11, Z22, Z23 und Z25, knapp 100 Z64-Plotter und andere Geräte in kleineren Stückzahlen. Am Ende fehlte ihr das Kapital, um gegen die US-Konkurrenz bestehen zu können. Die Zuse KG wurde zunächst von BBC, danach von Siemens übernommen; 1971 verschwand der Name aus dem Handelsregister.

Schon in den 1960er Jahren hatte sich Konrad Zuse der Malerei zugewandt; seine Bilder spiegeln Einflüsse des italienischen Futurismus und von Lyonel Feininger wieder. Daneben beschäftigte es sich mit selbstreproduzierenden Systemen und dem Rechnenden Raum, einer Art Stabilbaukasten-Universum, das bei Physikern und Kosmologen nur mäßigen Anklang fand. 1970 erschien das Buch "Der Computer – Mein Lebenswerk", es folgten wissenschaftliche Arbeiten zum Plankalkül, seiner 1945/46 entwickelten Programmiersprache.

Der "Vater des Computers" lebte von 1957 bis 1995 im osthessischen Hünfeld. Im dortigen Konrad-Zuse-Museum ist unter anderem die Z 22 ausgestellt.

(Bild: Konrad-Zuse-Museum, Hünfeld)

Zuses Ansehen als Computerpionier wuchs, doch das Leben als Theoretiker behagte ihm nicht. Das änderte sich mit der Mikrocomputer-Revolution. Der 75. Geburtstag bescherte ihm ein langes Spiegel-Interview sowie als Präsent aus München einen Siemens PC-D. Er startete den Nachbau der verlorenen Z1, ein Meisterwerk des Steampunk, das ins Berliner Technikmuseum kam. Seine letzte Erfindung war der höhenverstellbare Helixturm (PDF-Datei), der im Deutschen Museum in München steht.

Sein Weltbild hat Konrad Zuse nur gelegentlich enthüllt; einiges verrät die Urfassung seiner Memoiren aus dem Jahr 1968. Besonders schlimm erschien ihm damals die Emanzipation der Frau, vielleicht eine Spätfolge seiner Lektüre von Otto Weininger. Zitat (Blatt 272): "Nicht die Atombombe, sondern Greta Garbo ist das Symbol des untergehenden Abendlandes." Kultur und Gesellschaft, das erfuhr er von Oswald Spengler, sind im Verfall begriffen, was man nicht ändern, sondern nur mannhaft ertragen kann. Konrad Zuse tat es bis zum 18. Dezember 1995, als er am dritten Herzinfarkt starb. Sein Grab befindet sich auf dem neuen Friedhof in Hünfeld.

Danke, Kuno!

Die Z3 wurde wie die Z1 im Krieg zerstört, und keine von beiden hat die Computergeschichte direkt beeinflusst. Viel wichtiger ist, dass die Zuse KG der jungen Bundesrepublik die Informatik brachte. Die röhrenbestückte Z22 war der erste deutsche Elektronenrechner, der in Serie ging, und sie und die Transistorversion Z23 eroberten ab 1958 die Universitäten. Zuse-Maschinen kosteten weniger als IBM-Rechner, und ihre Aufstellung wurde von der DFG gefördert. Konrad Zuse war eben kein gescheiterter Unternehmer, sondern der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Platz. Und deshalb zum Hundertsten: Danke, Kuno! (Ralf Bülow) / (pmz)

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