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Das IT-Debakel der Stasi

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Wie neu aufgetauchte Dokumente belegen, hat die DDR in den sechziger Jahren durch umfangreiche Aushorchungsaktionen versucht, den Rückstand des Ostblocks in Elektronik und Computertechnik zu schließen. Das berichtet die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" in ihrer morgigen Ausgabe.

Dokumente und Details über die Operationen des Ministeriums für Staatssicherheit seien von einer "teilweise kuriosen Ignoranz in der Sache" geprägt gewesen, so die Zeitung. Unter spezieller Beobachtung der Stasi stand demnach der amerikanische Computerexperte Henry Sherwood, der ältere Bruder von Joseph Weizenbaum. Sherwood leitete von 1966 an das europäische Konferenzprogramm der Beratungsfirma Diebold, das als einziges den Rechenzentrums-Spezialisten auf beiden Seiten des eisernen Vorhangs fachlichen Austausch erlaubte. Vier informelle Mitarbeiter der Stasi waren in der so genannten Aktion "Weltspitze" bei jeder Gelegenheit auf Sherwood angesetzt. Später horchte auch der Kanzleramts-Spion Günter Guillaume den Computerfachmann aus.

Die Staatssicherheit hatte vor 1970 die größten Probleme, das westliche Tagungsprogramm auszuhorchen, weil die entsandten Spitzel weder die Konferenzsprache Englisch beherrschten noch genügend Fachkenntnisse besaßen. Das Wort "Software" buchstabierten sie als "Sovt-Ware" und fürchteten, damit solle das Bruderland Sowjetunion ausspioniert werden. Westliche Methoden der Datenverschlüsselung beurteilte ein Berichterstatter als gewißlich leicht zu knacken, weil sie nicht auf der materialistischen Geschichtsauffassung nach Hegel und Marx basierten.

Hingegen zeigten sich die Stasi-Informanten zufrieden, ihr Beobachtungsobjekt Henry Sherwood schnell als CIA-Agenten entlarven zu können, berichtet die FAZ. Der Computerfachmann zahlte im Restaurant mit seiner Kreditkarte. Seine Begleitung beschrieb dann getreulich, wie der Amerikaner dem "Kellner-Agenten" heimlich codierte Informationen auf einer Plastikkarte zugeschoben habe. (wst)