Menü

Das Internet wird zum Hoffnungsträger der Musikbranche

vorlesen Drucken Kommentare lesen 593 Beiträge

Das Internet ist für die Musikindustrie zum Hoffnungsträger geworden. Kräftige Umsatzsteigerungen verspricht sich etwa Frank Briegmann, Deutschlandchef von Marktführer Universal Music, vom elektronischen Vertrieb: "Der Online-Vertrieb wird 2006 richtig anlaufen", erwartet er. Mittlerweile interessieren sich sogar die US-Wettbewerbshüter für das Online-Geschäft der Majors: Der Vorwurf illegaler Preisabsprachen und wettbewerbswidriger Vertragsklauseln mit Online-Shops steht im Raum.

Der Anteil am Gesamtumsatz mit dem elektronischen Vertrieb von Musik soll jedenfalls mittelfristig von zuletzt fünf auf 30 Prozent anschwellen. Vor einigen Jahren schien es dabei noch, dass das Internet der Branche den Todesstoß versetzen könnte – so sahen es zumindest die Pessimisten.

Mit der zunehmenden Internet-Nutzung und den höheren Bandbreiten, die ein schnelles Herunterladen ermöglichten, tauschten die Nutzer massenhaft Musikstücke. Die "Napster-Manie" ging um, und niemand dachte an Urheberrechte. Auf dem juristischen Weg erwirkten die Musikfirmen, dass viele Tauschbörsen geschlossen wurden. Der bekannteste Fall ist Napster. Auf dem Höhepunkt ihrer Popularität hatte die später als illegal dichtgemachte Tauschbörse bis zu 60 Millionen Nutzer. Der Austausch über das Internet war nach Ansicht der Musikkonzerne Ursache für verheerende Geschäftsentwicklungen, die Umsätze brachen zum Teil zweistellig ein. Für dieses Jahr rechnen Branchenvertreter nur noch mit einem leichten Rückgang.

Inzwischen ist die Internetseite von Napster wieder offen, aber mit vollkommen anderem Geschäftsmodell. Aus den "Usern" sind Kunden geworden, und die sollen für die Musik zahlen. Während bei Napster eine monatliche Abo-Gebühr anfällt, verkaufen zum Beispiel Musicload (T-Online) und iTunes (Apple) die Musikstücke zum Stückpreis. Die beiden Unternehmen nehmen als deutsche Marktführer eine Schlüsselfunktion für die Plattenfirmen hierzulande ein. "Die Einführung des legalen Downloads wirkt der Abwärtsentwicklung entgegen – der legale digitale Musik-Download bietet für die gesamte Musikindustrie enormes Wachstumspotenzial", sagt T-Online-Vorstand Burkhard Graßmann.

Die Telekom-Tochter verspricht sich kräftige Zuwächse von Musicload. Im vergangenen Jahr vervierfachte sich die Zahl der abgesetzten Titel auf über 15 Millionen Songs. "Konsumenten akzeptieren kostenpflichtige Musik", lautet das Resümee. Während weltweit Apple unangefochten an der Spitze steht, beanspruchen in Deutschland beide Unternehmen die Marktführerschaft, und die Diskussion zeigt, wie schwierig das Rechnen beim neuen Geschäftsmodell ist.

Erst gab Musicload bekannt, mit mehr als 15 Millionen abgesetzen Songs den Markt klar anzuführen und verwies dabei auf die vom Branchenverband IFPI errechnete Zahl von insgesamt in Deutschland verkauften 21 Millionen Titeln. Schnell stellte sich jedoch heraus, dass der IFPI damit ausschließlich Singles meinte und nicht als Teil von Alben verkaufte Songs. Apple gab die restriktive Informationspolitik auf und meldete 15,5 Millionen abgesetzte Songs für 2005. Musicload ließ sich daraufhin vom Chart-Ermittler media control ohne genauere Zahlen bescheinigen, man habe "24,8 Prozent mehr digitale Produkte – bestehend aus Einzeltracks, digitalen Singles und Alben" verkauft als iTunes.

Apple verkaufte seit dem Start im April 2003 mehr als eine Milliarde Songs, und neue Millionenmarken werden immer schneller erreicht. Doch trotz des Booms bleibt es fraglich, ob die Musikfirmen das verlorene Terrain zurückerobern können. "Der Internetvertrieb ist zwar ein Wachstumsmarkt", sagt Andreas Becker von der Unternehmensberatung Solon. Nach seiner Einschätzung wird dies aber nicht ausreichen, um die Rückgänge im stationären Handel auszugleichen. "Das Ziel muss sein, die breite Masse anzusprechen, die nicht in Plattenläden und ins Internet geht."

Welche Schlagkraft das Internet haben kann, zeigt das Beispiel der "Arctic Monkeys". Die ersten Lieder der britischen Band stellten Fans mit deren Billigung zum kostenlosen Herunterladen ins Internet und machten die Band damit berühmt. Es folgte ein Plattenvertrag bei einem großen Label, und vor wenigen Tagen bekam die Gruppe den begehrten "Brit Award" als beste Neuentdeckung. Universal-Chef Briegmann glaubt dennoch nicht an ein Ende des klassischen Tonträgers: "Die CD wird nicht aussterben." (Martin Murphy, dpa) / (ssu)