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Das Jollaphone im Test

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Die Hardware des Jollaphone ist lediglich Mittelklasse, aber mit der Gestensteuerung und einer Schnittstelle für Hardware-Erweiterungen setzt es sich von der Konkurrenz ab. Dank Android-Kompatibilität laufen schon zum Starttermin viele Apps unter Sailfish OS.

Bedienung per Wischgesten: Jollaphone mit Sailfish OS

(Bild: heise)

Derzeit ist auf dem Smartphone-Markt wenig Platz neben iOS und Android: Microsoft und Blackberry kämpfen um jeden Prozentpunkt, Mozillas Firefox OS kommt kaum in die Gänge. Trotzdem hat eine Gruppe ehemaliger Nokia-Mitarbeiter ihr Glück mit einem eigenen Smartphone und Mobil-Betriebssystem versucht: Finanziert wurde das Jolla getaufte Telefon – zu deutsch Jolle – über eine Crowdfunding-Kampagne. Seit kurzem hat das Unternehmen die ersten Vorbestellungen ausgeliefert und das Jollaphone hat seinen Weg in die heise-Redaktion für einen ausführlichen Test gefunden.

Ebenfalls aus der Hand der Jolla-Entwickler stammt das darauf laufende Sailfish OS; es ist ein Abkömmling von Meego, dem Betriebssystem aus dem gescheiterten Joint-Venture von Nokia und Intel. Sailfish OS ist denn auch die größte Besonderheit gegenüber iPhone und Co.: Das auf Linux basierende Smartphone-Betriebssystem ist an vielen Stellen offener als die Konkurrenz, hebt sich optisch ab und setzt stark auf Gesten.

Das Jollaphone hat abgesehen vom An-/Ausschalter und den Lautstärkereglern keine Tasten. Auch virtuelle Buttons für "Home", "zurück" oder "Menü", wie man sie von Android kennt, gibt es nicht. Stattdessen navigiert man mit Gesten durch Apps, Menüs und Oberflächen (siehe Video).

Jollaphone mit Sailfish OS

Das muss man erst mal erlernen: Mit einem Wisch von links nach rechts bewegt man sich beispielsweise durch Dialoge oder akzeptiert Änderungen. Wischt man leicht nach unten, öffnet sich ein Einstellungsmenü ("Pulley-Menü") -- zumindest wenn für die aktive App ein solches mitbringt. Wischt man vom rechten Bildschirmrand aus nach links, wechselt man in eine Übersicht der zuletzt geöffneten Apps mit Statusanzeige. Ein Wisch vom oberen Bildschirmrand nach unten beendet die aktive App, ein Wisch von unten blendet einen Bereich mit Ereignissen und Benachrichtigungen ein.

Das Konzept ist nicht an allen Stellen intuitiv und selbst in den Standard-Apps nicht ganz konsistent umgesetzt: So konnten wir beispielsweise in der Bilder-Galerie das Funktionsmenü nur in der Detail-Ansicht der Bilder öffnen, nicht aber in der Galerien-Übersicht. An einigen Stellen kehrt man zum Ausgangspunkt zurück, indem man eine Wisch-Geste umkehrt, an anderen, indem man die Geste wiederholt. Dass Wischgesten andere Aktionen hervorrufen, wenn man sie vom Bildschirmrand aus startet, führte ebenfalls zu Irritationen: Gelegentlich erkannte Sailfish die Geste nicht richtig und zeigte dann beispielsweise das Pulley-Menü an, statt die App zu beenden.

Der Startbildschirm von Sailfish OS zeigt alle aktiven Apps.

(Bild: heise)

In den meisten Apps zeigen weiße Punkte an, dass man mit horizontalen Wischgesten weitere Informationen erreicht. Solche optische Hinweise, wie man sie auch von Android (Taskleiste), Web OS (Kartensystem) oder Windows Phone (angeschnittene Schriftzüge) kennt, fehlen einem aber an vielen anderen Stellen.

Nach einer kleinen Eingewöhnungs-Phase navigierten wir aber trotzdem souverän durch das System und dann machte die Gestensteuerung sogar Spaß; auch deshalb, weil sich Sailfish damit grundsätzlich flüssig bedienen lässt und die Wechsel zwischen verschiedenen Ansichten ohne Ruckeln klappen.

Jolla hat einige pfiffige Funktionen in Sailfish OS eingebaut. Tippt man zum Beispiel im Standby-Modus doppelt auf den Bildschirm, schaltet sich das Display ein. Statt bei sensiblen Aktionen wie dem Löschen von Dateien noch mal mit "Sind sie sicher?" nachzufragen, zeigt Sailfish einen Countdown, während dem man die Aktion abbrechen kann.

Themes heißen in Sailfish OS "Ambiente" und können aus eigenen Fotos und Bildern erzeugt werden: dann wird eine passende Farbpalette generiert, die sich durch die gesamte Oberfläche zieht. Für jedes Ambiente kann man auch eigene Klingelton-Profile erstellen.

Chaos im Jolla Store: Die Übersicht zeigt Apps und Kommentare.

(Bild: heise)

Sailfish beherrscht Multitasking: Apps werden als kleine Kacheln auf dem Home-Screen angezeigt und erfüllen ähnlich wie bei Blackberry 10 die Funktion von Widgets, indem sie eine Vorschau von Inhalten anzeigen. Manche App-Kacheln unterstützen auch Interaktionen: So kann man über die Kachel der Musik-App beispielsweise den Player starten oder zum nächsten Lied springen.

Native Anwendungen werden in QML (Qt Quick) programmiert und orientieren sich optisch am Look-and-Feel von Sailfish. Derzeit sind sie aber noch rar. Entwickler können im "Harbour" eigene Apps einreichen, wobei auch Android-native Anwendungen akzeptiert werden. Sie erscheinen nach einer Begutachtung im offiziellen Jolla-Store, der bisher nur kostenlose Anwendungen führt. Entwickler müssen für die Anmeldung im Harbour nichts bezahlen.

Über Alien Dalvik laufen Android-Apps wie der Yandex App Store auf dem Jollaphone.

(Bild: heise)

Damit Sailfish nicht gleich bei der Anzahl verfügbarer Apps kentert, haben die Jolla-Entwickler auf dem Smartphone die alternative Android-Runtime "Alien Dalvik" und den Android-Appstore des russischen Suchmaschinen-Betreibers Yandex integriert. Im Yandex.Store finden sich populäre Apps wie Skype, Firefox oder das Spiel "Cut the Rope". Im Test gelang es uns allerdings nicht, kostenpflichtige Apps im Yandex.Store zu erwerben. Auch andere Android-Shops wie F-Droid oder Amazon lassen sich ohne Probleme auf dem Jollaphone installieren. Die Installation des Play Stores erfordert hingegen etwas Handarbeit..

Der Jolla Appstore ist trotz eines knappen Katalogs chaotisch, da Kommentare und Apps gleichberechtigt in der Übersicht aufgelistet sind. Über einen Wisch von rechts nach links gelangt man man zu einer übersichtlicheren Sortierung nach Kategorien. Der Yandex.Store orientiert sich dagegen am Google-Vorbild und trennt kostenlose von kostenpflichtigen Anwendungen, die Sortier-Reihenfolge erschließt sich weniger gut als im Play Store.

Android-Apps behalten ihr gewohntes Aussehen bei und werden in einer Sandbox gestartet. Zur Bedienung wie auf dem Android-Smartphone blendet die Runtime eine Button-Leiste im unteren Bildschirmbereich ein -- vergleichbar mit den virtuellen Buttons auf Nexus-Geräten, wobei der Home-Button fehlt. Für die Android-Apps gibt es einen eigenen Taskmanager; sie erhalten auf dem Jolla Home-Screen keine separaten Kacheln.

Unter Sailfish laufen Android-Apps flott und ohne einen spürbaren Geschwindigkeits-Unterschied. Das belegen auch die Benchmarks: Im CoreMark (CPU) und im GFXBench (GPU) erreichte das Jollaphone ähnliche Ergebnisse wie das LG L9 II, das mit dem gleichen SoC von Qualcomm arbeitet (Snapdragon 400, 2 x 1,4 GHz, Adreno 305). Nur wenn schon zu viele native Apps laufen, starten die Android-Apps bisweilen nicht. Wir konnten Video-Anrufe per Skype durchführen, von der Fahrplan-App der Bahn unseren Standort lokalisieren lassen oder das nächste Carsharing-Auto buchen – zumindest so lange die App nicht auf Android-Dienste wie Google Maps oder die Galerie zugreifen wollte.

Ohne Probleme klappte auch das händische Aufspielen von Android-Installationspaketen ("Sideloading"), für unseren Geschmack sogar ein bisschen zu einfach: Das System führt die Dateien einfach aus ohne sich noch einmal zu vergewissern, ob der Anwender die App tatsächlich installieren will, was unter sicherheitstechnischen Aspekten problematisch ist. Entfernen kann man Apps, indem man so lange auf ihre Icons drückt, bis darauf ein Kreuz zum Löschen erscheint.

Die Hardware des Jollaphones ist lediglich untere Mittelklasse. Von der Konkurrenz hebt es sich aber in einem Punkt ab: In Zukunft sollen die Anwender ihr Smartphone auch per Hardware erweitern können. Dazu befinden sich unter dem Rückseiten-Cover Kontakte für Daten und Strom, über die das Jollaphone mit Zubehör kommunizieren kann. Das gibt es zwar auch schon bei anderen Smartphones – Nokia verbindet einige Windows-Phone-Modelle mit speziellen Lade-Covern –, doch Jolla will eine detaillierte Spezifikationen und eine API für Drittanbieter bereitstellen.

Unter dem Cover befinden sich neben dem wechselbaren Akku und den Slots für micro-SD und SIM-Karte auch Kontakte für Zubehör.

(Bild: heise)

Für diese "Other Half" genannte Funktion gibt es von Jolla selbst derzeit nur ein spezielles Cover in rot für die ersten Vorbesteller des Jollaphones. Es ist nicht viel mehr als eine Demonstration der Funktion und lädt lediglich ein zusätzliches Jollaphone-Theme herunter. Den Wechsel des Covers und anderem Zubehör erkennt das Smartphone per NFC-Tag. Die Community hat bereits zahlreiche Ideen für Erweiterungen und tüftelt an einer Hardware-Tastatur und einem Cover für drahtloses Laden. Auch Jolla will weitere Rückseiten-Cover anbieten.

Das Gehäuse besteht aus einer schlichten, kantigen Oberseite in schwarz und einem weißen oder farbigen Plastik-Cover. Mit 13,1 cm × 6,8 cm hat es ähnliche Maße wie das Samsung Galaxy S4, ist aber mit 1 cm ein wenig dicker und mit 140 Gramm ein bisschen schwerer. Trotz einer Bildschirm-Diagonalen von 4,5 Zoll liegt es gut in der Hand, wobei die Rückseite etwas glatt und rutschig ist.

Die Auflösung von 960 × 540 Pixel (246 dpi) fällt für ein Mittelklasse-Smartphone dürftig aus, im Alltag fällt der Makel aber nur bei besonders kleinen Schriften auf, zum Beispiel in den Mini-Ansichten der App-Kacheln. Unter dem Cover findet man einen wechselbaren Akku sowie Slots für Micro-SD und SIM-Karte vor.

Offiziell unterstützt Jolla Speicherkarten bis 32 Gigabyte. Eine 64 GB-Karte bekommt man trotzdem zum laufen, wenn sie vorher mit den Linux-Dateisystemen ext4 oder btrfs formatiert wird. Auf der Rückseite hat das Jollaphone eine 8 Megapixel-Kamera und einen LED-Blitz eingebaut, die Frontkamera löst lediglich mit 1 Megapixel auf. Die Aufnahmen wirken matschig, reichen für Schnappschüsse aber aus.

An der unteren Smartphone-Seite befinden sich das Mikrofon und ein Lautsprecher, der tendenziell etwas zu leise tönt. Schaut man einen Film im Querformat, kommt der Ton ausschließlich von der rechten Seite, was unnatürlich klingt.

Keine Blumen gewinnt Jolla mit der Akku-Laufzeit. Die reicht bei durchschnittlicher Benutzung gerade so über den Tag. Als besonders schlimmen Akkufresser stellte sich dabei ein Software-Fehler heraus: Der Dienst zum Erkennen von zusätzlicher Hardware liest ununterbrochen NFC-Tags aus, was die Laufzeit stark beeinträchtigt. Ein Stück Alufolie über die Kontakte unter dem Cover oder eine Handvoll Shell-Befehle beheben das Problem, wobei Jolla eine dauerhafte Korrektur mittels Update angekündigt hat. [Update:] Die Alufolie muss etwas oberhalb der Kontakte angebracht werden; genau an der Stelle, an der der weiße Aufkleber im Cover anliegt. [/Update]. Genaue Laufzeiten konnten wir noch nicht ermitteln; diese und weitere Laborergebnisse liefern wir im Test in der c't nach.

Jollas Karten-App kann deutlich weniger als Google Maps.

(Bild: heise)

Der Browser basiert wie Firefox auf der Gecko-Engine und lädt die Seiten flink. Zwar unterstützt er Tabs, aber lädt die geladene Seite bei jedem Wechsel komplett neu und merkt sich nicht einmal die Scroll-Position. Wer im Querformat surfen möchte, muss auf Firefox oder Opera aus dem Android-Store zurückgreifen.

Twitter und Facebook lassen sich direkt in der Oberfläche einbinden. Über neue Nachrichten wird man benachrichtigt und Fotos aus Facebook erscheinen in der Foto-App. Für weitergehende Funktionen öffnet Sailfish den Browser mit der jeweiligen Mobil-Website. Als Konten werden außerdem Google, Microsoft-Exchange, E-Mail per IMAP und POP sowie XMPP für Instant Messaging unterstützt. Kontakte und Kalender-Einträge von Google lädt Jolla auf Wunsch, synchronisiert sie aber nur in eine Richtung: Änderungen auf dem Jollaphone werden nicht bei Google übernommen.

Ortung und Kartendienst kommen vom alten Arbeitgeber Nokia. Die App berechnet Routen für Fußgänger und Autofahrer, hat aber keinen gesonderten Navigation-Modus für Autos. Die Karten werden zwar im Cache gehalten, können aber nicht gezielt Offline gespeichert werden und auch sonst bleibt die App in puncto Funktionen weit hinter Google Maps zurück.

Zum Abspielen von Medien kommt das freie Multimedia-Framework Gstreamer zum Einsatz. So kann man ohne Umwege neben MP3-Dateien auch Musik in Formaten wie Ogg Vorbis oder FLAC lauschen. In h.264 oder WebM kodierte Videos bereiteten ebenfalls keine Probleme, Theora klappte dagegen bei uns nicht.

In Standard-Apps wie dem Browser lässt sich kaum etwas einstellen.

(Bild: heise)

Im zentralen Einstellungsmenü des Smartphones findet man auch die Optionen für die einzelnen (nativen) Apps, genauso wie bei iOS. Vor allem detailliertere Privatsphäre-Einstellungen fehlen einem hier. So kann man beispielsweise nicht die Synchronisation der Konten temporär deaktivieren oder das automatische Laden von Bildern in Mails unterbinden.

Cookies können weder einzeln, noch global blockiert werden. Der GPS-Empfänger lässt sich nur in Kombination mit Nokias Ortungsdienst via Mobilfunk und WLAN nutzen, der im aktiven Modus Ortungsdaten des Anwenders zur Verbesserung seiner Hotspot-Datenbank sammelt.

Zumindest erfahrene Linux-Nutzer können die spärlichen Optionen aber ausgleichen, weil Sailfish Zugriff auf das unter der Oberflächende liegende Betriebssystem gewährt. Ist der Entwicklermodus im Einstellungsmenü aktiv, erscheint im App-Menü ein Terminal mit optimierter Tastatur, über das man das System per Shell erkunden kann. Außerdem ist der Zugriff via SSH über WLAN oder USB möglich. Für eine Root-Shell ruft man lediglich devel-su auf.

Hinter der Oberfläche findet sich ein vergleichsweise gewöhnliches Linux-System mit Bash, Systemd, Wayland, RPM, Pulseaudio und Gstreamer. Per PackageKit spielt man weitere Pakete ein. Wer nicht auf Updates hoffen und warten will, kann hier sogar selber Fehler fixen und Funktionen nachrüsten. Eine Internetweitergabe per USB aktiviert man beispielsweise mit wenigen Skript-Zeilen. Der Einsatz von QML für das Jolla-Interface vereinfacht kleinere Anpassungen der Bedienoberfläche, da Programme nicht jedesmal neu kompiliert werden müssen. Findige Nutzer haben etwa den Browser um die Suchmaschine DuckDuckGo erweitert oder bieten alternative Layouts für die virtuelle Tastatur an.

Als Grundlage für Sailfish dienen die Community-Projekte Mer (freier Meego-Port) und Nemo (Distribution auf Basis von Mer). Sailfish selbst ist aber bislang nicht Open Source; Jolla hat lediglich vage angekündigt, es später unter einer noch zu wählenden Lizenz offenzulegen.

Immerhin bemüht sich das Entwickler-Team um Austausch mit der Community. Jolla-Entwickler tummeln sich in diversen Kanälen im Internet-Relay-Chat und dem Forum talk.maemo.org (TMO). Über die Weihnachtsfeiertage wurde außerdem die Diskussions-Plattform together.jolla.com freigeschaltet, die ähnlich wie Stack Overflow funktioniert. Jolla hat regelmäßige Updates für Sailfish versprochen, schon in den ersten Wochen gab es mehrere.

Das Jolla-Smartphone ist kein Gerät, das man bereits jetzt im Telefonladen um die Ecke für jedermann und -frau anbieten kann. Dafür sind der Funktionsumfang noch zu klein, die Einstellmöglichkeiten zu gering und die Bedienung noch nicht rund genug. Trotzdem ist Jolla mehr als ein reines Bastler-Telefon: Man erhält ein voll funktionsfähiges Smartphone, das mit wenigen Einschränkungen für den täglichen produktiven Einsatz als Telefon, Musikspieler, Schnappschussknipse und mobile Surf-Station taugt.

Interessant ist das Smartphone aber vor allem für Anwender, die gerne unter die Haube schauen und die Shell nicht scheuen. Sie können selber Hand anlegen und mehr aus Sailfish und dem Jollaphone herausholen – dank Hardware-Schnittstelle demnächst sogar mit eigenen Zubehörbasteleien. (acb)