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Das Meer, die Mauer und die Macht der zerstörten Natur

Indonesiens Hauptstadt Jakarta geht unter. Ein Besuch bei Menschen, die den rücksichtslosen Umgang mit der Natur schon stärker spüren als viele hierzulande.

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Jakarta City Downtown

(Bild: Photogeratphy/Shutterstock.com)

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Wenn Irma Susanti ihrer Stadt beim Untergang zusehen will, muss sie nur hinaus vor die Tür. Drei Schritte, und die Frau im bunten Kleid steht an der Mauer aus Beton, die das Meer davon abhält, in ihre Wohnung zu schwappen. Inzwischen braucht Irma eine Leiter, wenn sie auf die Mauer hinauf will. Als sie vor ein paar Jahren hierher zog, nach Muara Baru, ein Armenviertel im Norden von Indonesiens Hauptstadt Jakarta, war der Schutzwall anderthalb Meter hoch. Jetzt misst er 2,30 Meter.

Aber auch das reicht nicht mehr. Wenn es stark regnet, flutet dunkelbraune, stinkige Brühe in ihr Haus. Dann steht bei der 30-Jährigen, verheiratet, zwei kleine Töchter, die Java-See wieder in der Küche. Mit all dem Müll, der jetzt noch auf der anderen Seite der Mauer schwimmt: alte Reifen, ausgelatschte Flip-Flops, gebrauchte Plastikbecher und Plastiktüten, sogar Kondome. Ein dichter, ekelhafter Teppich Dreck.

Klimawandel

Der Weltklimarat (IPCC, Intergovernmental Panel on Climate Change) der UN hat mit der Zusammenfassung seiner drei jüngsten Reports die Bedrohung des Klimawandels auf den Punkt gebracht. Seit September 2013 hatte das Gremium seinen 5. Weltklimareport in drei Teilen veröffentlicht. Zwar hatte dieser gezeigt, dass der Klimawandel mit Macht voranschreitet und der Mensch daran einen gewaltigen Anteil hat. Die Forscher stellten aber auch klar, dass der Temperaturanstieg mit globalem Einsatz noch gebremst werden kann und ein rascher Wechsel auf alternative Energien wenig kostet.

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"Ich stand hier schon bis zur Hüfte im Wasser. Und habe geschöpft und geschöpft", erzählt Irma. Am schlimmsten sei es im Januar und im Februar, wenn der große Regen kommt und manchmal auch die Flut. Jetzt scheint gerade die Sonne. Sie sitzt mit einer Nachbarin auf der Bank, die Anderthalbjährige auf dem Arm, die Ältere daneben. "Ich merke schon, dass das Wasser immer höher wird. Und dass das immer schneller geht. Aber mein Mann ist Fischer. Wir können eigentlich nicht weg."

So geht es Hunderttausenden hier. Im Hafenbecken von Muara Baru und in anderen Vierteln entlang der Küste lässt sich erahnen, was die auf arg morastigen Boden stehende Mega-City irgendwann vielleicht überall erwartet. Heute schon liegen 20 Prozent Jakartas unter dem Meeresspiegel. 2050 werden es nach einer Prognose des Bandung Institute of Technology, kurz BIT, zwischen 35 und 40 Prozent sein.

Schneller sinkt wohl keine andere Großstadt auf der Welt, auch wenn Metropolen wie Bangkok ähnliche Probleme haben. In Jakarta lassen sich die Folgen von menschengemachten Umweltveränderungen heute schon in einem Ausmaß erleben, wie sich das in Deutschland kaum jemand vorstellen kann. Nur, dass sich die große Mehrheit der Bevölkerung noch nicht wirklich dafür interessiert. So etwas wie eine "Fridays for Future"-Bewegung gibt es in Indonesien nicht.

Am schlimmsten betroffen sind die Küstenviertel in Jakartas Norden, wo die ärmeren Leute wohnen. Hier sackt der Boden pro Jahr um bis zu 20 Zentimeter ab. Das BIT glaubt, dass hier in 30 Jahren 95 Prozent der Flächen überschwemmt sein werden. So wie heute schon die Wall-Adhuna-Moschee, zehn Fußminuten entfernt von Irma. In dem Gotteshaus hat schon lange niemand mehr gebetet.

2005 hat man die Moschee dem Meer überlassen. Aufgegeben. Das war, noch bevor die Schutzmauer gebaut wurde. Jetzt ragt sie wie ein Mahnmal der Apokalypse aus dem Wasser. Das Dach ist halb eingestürzt. Die Wände sind schief, mit Schimmelpilzen übersät. Bis vor einer Weile saß auf der Kuppel noch eine Spitze mit Halbmond. Aber die ist irgendwie abhandengekommen.

Die Kinder aus den Slums, die früher hier spielten, kommen auch nicht mehr. 50 Meter müsste man inzwischen von der Mauer hinauslaufen. Der Dreck ist selbst ihnen zu viel. Nur ein kleiner Junge paddelt noch auf einem selbstgebauten Floß, die Füße im Wasser.

Fast ein halbes Jahrtausend ist Indonesiens Hauptstadt an der Nordküste der Insel Java schon alt. Gründung war 1527. Von den Sultanen bekam die Siedlung den Namen Jayakarta ("Großer Sieg"). Zwischenzeitlich nannten die niederländischen Kolonialherrn die Stadt in Batavia um. Sie versuchten, auf dem sumpfigen Fundament ein tropisches Neu-Amsterdam zu bauen, mit einem dichten Geflecht aus Straßen und Kanälen. Viel ist davon nicht mehr übrig.

Seit 1942 hat Jakarta wieder den alten Namen. Heute leben hier im Großraum mehr als 30 Millionen Menschen – das Zentrum des größten Inselstaats der Welt und auch des bevölkerungsreichsten muslimischen Landes überhaupt. 17.500 Inseln, die mehr als 265 Millionen Menschen eine Heimat geben. Einer von Asiens riesigen Staaten, die immer wichtiger werden, und eine halbwegs funktionierende Demokratie dazu. So viele sind das hier nicht.