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Das semantische Web in der Praxis

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Konkrete Anwendungen von Semantic-Web-Anwendungen im industriellen Einsatz bildeten den Schwerpunkt beim zweiten Tag der Konferenz  Semantics in Wien. Projekte, die in den vergangenen Jahren als Pilotanwendungen getestet werde, gehen nun in den Echtbetrieb. Dazu zählt beispielsweise ein Projekt der Helvetia Consulting, der Beratungstochter einer Schweizer Versicherung, die mit dem Tool L4 der Münchner Moresophy realisiert worden ist. Informationen aus dem Internet wie Gerichtsentscheide sowie Informationen aus diversen internen Datenbanken werden unter einer Oberfläche zusammengeführt. "Unsere Mitarbeiter konnten auch bislang schon auf alle diese Informationen zugreifen, über die einheitliche Oberfläche können wir aber sicherstellen, dass sie wirklich alle relevanten Informationen sehen", erklärt der Projektverantwortliche Emanuel Bolter. 200.000 Dokumente haben sie im Zugriff.

Erste Erfolge haben die Schweizer im Pilotprojekt gesehen: "Unsere Mitarbeiter haben die Erfahrung gemacht, dass sie selbst ihre eigenen Informationen auf dem Desktop mit unserem neuen Werkzeug schneller finden als bislang", meint Bolter. Um sicherzustellen, dass die Daten nicht veralten, wurde über eine Zielvereinbarung "sanfter Druck" ausgeübt. Die Mitarbeiter erhalten Geld, wenn sie Inhalte einstellen. "Wenn wir pro Schadensfall Einsparungen von nur fünf Minuten erreichen, bringt uns das einen return on investment innerhalb von sechs Monaten", betont Bolter. Ob diese Annahme realistisch ist, ließ sich allerdings auch im Pilotprojekt nicht ermitteln. Geplant ist die Ausweitung auf die Konkurrenzbeobachtung und das Portfoliomanagement. In der öffentlichen Verwaltung und im Gesundheitswesen konzentrieren sich die Projekte derzeit auf Großbritannien, sind aber noch nicht aus der Projektphase herausgekommen. Im County Essex ist die Verwaltung dabei, die Koordination von Notfalleinsätzen von Feuerwehr, Polizei und Krankenhäusern über semantische Strukturen zu annotieren.

Andere Ansätze wollen neue Felder, vor allem aus dem Web-2.0-Umfeld, zu erschließen; dazu gehören etwa die Aufbereitung von Wiki-Komunikationsforen oder Blogs. So stellte Denny Vrandedic vom Institut für Angewandte Informatik und Formale Beschreibungsverfahren in Karlsruhe Ansätze vor, Wikipedia mit semantischen Annotationen zu versehen. Das würde sehr viel mehr bringen als nur eine Verlinkung; es wäre dann einfacher, Inhalte zusammenstellen, so ließe sich mit dieser Methode ganz einfach etwa eine "Liste aller weiblichen Tennisspieler" aus den Inhalten erstellen. "Das könnte auch eine Motivation für die Betreiber einer solchen Enzyklopädie sein, da es die Arbeit für die Pflege solcher Listen vermindert", hofft Vrandedic. Die Betreiber von Wikipedia hätten auf seine Konzepte sehr positiv reagiert. Die Anwendung ist im Prinzip fertig, die entscheidenden Tests zur Skalierung und Belastbarkeit stehen aber noch aus. Ideen zur semantischen Annotation von Blogs präsentierte Steve Cayzer vor, der in den HP-Labs in Bristol arbeitet: "Eine solche Annotation ist einfach im eigenen Blog, das ist aber keine Revolution. Spannend wird es durch die Einbeziehung von Informationen in Echtzeit."

Sehr zurückhaltend zeigten sich Harald Leitenmüller, Direktor der Developer and Platform Group bei Microsoft Österreich und Wolfgang Pfeifer, verantwortlich für Produktstrategien bei SAP im Abschlusspanel der Konferenz. Bislang hält sich der Softwareriese aus Redmond völlig bedeckt bei Semantic-Web-Technologien. Ob sich das mit Live, dem Projekt, Software nicht mehr als Komplettpaket, sondern als modulare Services zu verkaufen, ändern wird, war Leitenmüller nicht definitiv zu entlocken. Eine semantische Beschreibung würde Sinn machen, aber das Standard Resource Description Framework (RDF) dazu wohl nicht eingesetzt, erklärte er. Über den Einsatz von RDF habe es innerhalb Microsofts heftige Debatten gegeben, die auch nicht wirklich abgeschlossen seien. Semantische Beschreibungen könne er sich für sein Unternehmen aber im Spielebereich vorstellen, meint Leitenmüller.

SAPs Wolfgang Pfeifer bestand darauf, nicht als Skeptiker in Bezug auf Semantic-Web-Technologien bezeichnet zu werden. Eine Entscheidung gebe es weder in Richtung Ablehnung noch in Richtung Befürwortung. Bevor er Investitionen in die Entwicklung von Produkten auf Semantic-Web-Basis befürworte, müsse noch geklärt werden, dass die Technologien wirklich dazu beitragen, dass Unternehmen ihre Aufgaben besser erfüllen können. Kritische Punkte sind aus seiner Sicht unter anderem, dass die Komplexität der Wartung nicht zunehmen dürfe, keine neue Benutzerführung notwendig wird, keine hohen Migrationskosten entstehen und sich die Komplexität der Content-Erstellung nicht erhöhen darf. "In diesen Bereichen gibt es für mich noch keine schlüssigen Antworten, weder ein Ja noch ein Nein", bekräftigte Pfeifer. Wie stark die Sichtweise selbst innerhalb einzelner Unternehmen differiert, macht ein Zitat von Lutz Heuser klar, Leiter von SAP Research und Chief Development Architect bei SAP. Der hatte auf der Semantics im vergangenen Jahr die zentrale Rolle semantischer Information betont: "Model driven architecture in Kombination mit Semantik ist ein Durchbruch", lautete seine Kernthese. Andreas Blumauer von der Semantic Web School, einem der Mitveranstalter der Semantics, wundert es nicht, dass gerade SAP und Microsoft sich schwer damit tun, hier einen klaren Standpunkt zu finden: "Beide Unternehmen haben ein Interesse an geschlossenen Welten und standardisierten Prozessen." Das entspreche aber nicht dem, was europäische Unternehmen in Zukunft brauchen.

Siehe dazu auch:

(Pia Grund-Ludwig) / (Pia Grund-Ludwig) / (jk)

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