Menü

Das war 2018. Ein nicht so besinnlicher Jahresrückblick

2018 geht stiften, das Jahresendflügeltier brutzelt bald im Ofen. Es war eines dieser Brückenjahre, in denen vieles passierte, ohne dass Großes passierte. Oder?

vorlesen Drucken Kommentare lesen 26 Beiträge
Das war 2018. Ein nicht so besinnlicher Jahresrückblick

(Bild: Pete Linforth, gemeinfrei)

Der Blick auf das 2018 lässt so manchen Chronisten ratlos zurück, denn die Höhepunkte des Jahres waren eher Höhepünktchen. Wenn überhaupt: Wir hatten ja kein rauschendes Sommermärchen, sondern zuckten die Achseln zum Ausscheiden einer satten Altherrenmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft.

Dafür hatten wir die "Heißzeit", wie es das Unwort des Jahres ausdrückt, denn eigentlich hatten wir nur eine extreme Trockenheit. Dutzende von Windows-Updates oder Nicht-Updates oder falschen Updates kündeten passend von dem auch ziemlich trockenen Problem eines veralteten Betriebssystems. Natürlich gab es Hypes, denn was wäre die IT ohne sie, aber sie passten zu diesem 2018. Wie war das noch mit Vero, dieser Facebook-Alternative, die plötzlich "in aller Munde" war?

Eigentlich begann das Jahr mit einem Bombenschlag. Meltdown, rumms, Spectre, knallbumms: Vier Wochen lang überstürzten sich die Nachrichten mit einer Schauergeschichte nach der anderen. Nichts weniger als die schwerwiegendste Sicherheitslücke der IT-Geschichte hielt die IT-Welt in Atem, mit eigenen Sicherheitslücken-Editionen zum Supergau der IT-Security.

Als dann das Ausatmen begann, war es nicht die Erleichterung, sondern eher auch ein Zucken. Alles technisch ungemein schwerwiegend, weil die Lücke in der Prozessorarchitektur steckt und es bislang nicht klar ist, wie diese geändert werden kann, ohne die Performance zu bremsen oder nur ein ganz kleines Bisschen.

Aus der Perspektive von Nutzern her gesehen hat sich nach der ersten Aufregung niemand so recht betroffen gefühlt, dazu war das Ganze zu kompliziert und ohne konkrete Auswirkung. Da ging das Interesse verloren, und ein allgemeines Schulterzucken blieb. Computer sind halt unsicher, was soll's.

Nach dem großen Knall folgte das Knallchen. Ausgerechnet in einer Woche, in der viele Uhren falsche Zeiten zeigten, rappelte sich die von Union und SPD geführte Regierung auf und stellte das Kabinett vor. Besonders apart die Digitalzuschnitte mit einer Staatsministerin für Digitales und einem Minister für digitale Infrastruktur und Auspuff.

Auf dem Weg zur Digitalnation spendierte die neue Regierung im Laufe des Jahres einen großen Kessel Buntes: Wir bekamen einen Kanzleramtschef, zuständig für Digitalpolitik, einen Digitalrat, geleitet von einer McKinsey-Beraterin, eine Datenethikkommission und eine Enquete-Kommission Künstliche Intelligenz, im Bundeskabinett dazu noch einen Ausschuss für Digitalisierungsfragen und eine Kommission Wettbewerbsrecht 4.0 für Online-Angebote. Auf eine Aufzählung all der Testfelder und der Zukunftsprojekte, mit denen die Digitalnation Deutschland voranstürmt, verzichtet dieser Jahresrückblick. Allein in acht deutschen Gebieten soll es Testrecken oder Testfelder für das autonome Fahren geben.

Das Thema autonomes Fahren sorgte für den nächsten Höhepunkt in der Berichterstattung, sowohl von der Häufigkeit der Nachrichten wie vom Leserinteresse her. Trauriger Anlass war der Tod einer Frau, die in der Dunkelheit von einem Uber-Autor überrollt wurde. Dabei schaute die mitfahrende Uber-Fahrerin beim Unfall nach unten, was unter den Foristen hitzig diskutiert wurde. Zudem war der Notfallbremsassistent deaktiviert, was zum Entzug der Testlizenz für Uber führte.

Von Autonomen Autos und Maschinen-Ethik

mehr anzeigen

Gleich in der Folgewoche wurde ein Tesla-Fahrer getötet, der die Anweisungen des "Autopiloten" ignoriert hatte. Im Laufe des Jahres gab es immer wieder Diskussionen, hauptsächlich im Verbund mit dem Lieblingsthema der großen Koalition, der künstlichen Intelligenz. Pragmatisch kann man die Debatte so zusammenfassen: "Es werden Menschen sterben." Da hilft weder eine Digitalklausur noch ein Digitalgipfel mit der Vision einer europäischen intelligenten Luftbus-Strategie.

Zeitlich parallel zum Todesfall durch ein Uber-Auto sorgte eine andere Nachricht für Aufsehen. Mit dem Abgreifen von 50 Millionen Facebook-Profilen und deren Analyse durch die Firma Cambridge Analytica, unter anderem zum Zweck, das mögliche Wahlverhalten zu erkennen, entfaltete sich das wohl wichtigste Thema des Jahres 2018. Zunächst noch unspektakulär, da der Datenskandal nicht sofort in die politische Diskussion schwappte.

Doch mit Anhörungen von Facebook-Chef Zuckerberg in den USA und vor dem Europaparlament oder im britischen Parlament begleiteten uns CA-Meldungen über das gesamte Jahr hinweg. Stutzig konnte schon allein die Meldung machen, dass Facebook selbst nicht wusste, welche Daten Cambridge Analytica da hatte. 310.000 oder 600.000 in Deutschland? Damit war die großmäulig versprochene Information der Betroffenen durch Facebook Makulatur. Es gibt drastischere Worte für diese größte anzunehmende Panne.

Hinter der dann folgenden Nachricht vom Exportverbot für ZTE-Produkte in die USA verbarg sich der nächste große Knaller des Jahres. Das Hin und Her bis zur Aufhebung der ZTE-Sanktionen mit vielen Tickermeldungen soll hier nicht nachgezeichnet werden, doch der dahinterstehende Handelskrieg verdient Beachtung. Schließlich musste selbst eine so große Firma wie ZTE den Betrieb einstellen.

Zudem fiel schon bei der ersten US-Drohung der Name Huawei, noch ein gutes Stück größer als ZTE. In den vorweihnachtlichen Frieden krachte nicht nur die Verhaftung der Finanzchefin des Konzerns, sondern vor allem der Verzicht auf Huawei-Hardware als Voraussetzung für eine Fusion von T-Mobile USA und Sprint. "Make America great again" als Ziel der Politik von US-Präsident Trump ist weit mehr als die vielen Meldungen zu Überlegungen von IT-Firmen, die Strafzölle zu umgehen.

Es begann eher unscheinbar mit kleinen Vorab-Meldungen darüber, was die neue Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) alles verbessern wird. Schließlich ist Deutschland stolz auf sein Datenschutz-Niveau. Was dann aber passierte, war ungeheuerlich – oder schlicht erwartbar, wenn man Juristen frei drehen lässt.

DSGVO

mehr anzeigen

Die unfrohe Kunde, dass die Abmahn-Maschinerie angelaufen ist, brachte es zur Jahresmitte zum Spitzenreiter in der Zugriffsstatistik aller Nachrichten des Jahres 2018. Auch die Absurditäten wie die Debatte, ob Wunschzettel unter die DSGVO fallen können, beschäftigte die Leser. Das böse Wort von den Datenschutztaliban machte die Runde.

Viel spricht dafür, dass dieses Thema auch den neuen Bundesdatenschutzbeauftragten beschäftigen wird, der zum Jahreswechsel seinen Dienst antreten wird. Die scheidende Schutzbeauftragte hat eine beachtliche Anzahl an Beschwerden gesammelt.

Über die Jahre und Minister hinweg sorgte ein Thema für Spannung: Das Projekt der intelligenten Gesichtserkennung am Bahnhof Südkreuz begann unter Bundesinnenminister Thomas de Maizière und endete im Sommer unter Horst Seehofer. In beeindruckender Weise habe sich die Leistungsfähigkeit gezeigt. Das bezweifelte nicht nur der Chaos Computer Club.

Die zweifelhafte Erkennungstechnologie ist in der Welt und wird uns begleiten, wie das Beispiel von Taylor Swift zeigt. Der "gute Zweck" heiligt die Mittel, oder auch nicht: die eingeforderte Löschung biometrischer Daten vom G20-Gipfel wird sicher 2019 vor Gericht verhandelt und könnte zu einem Grundsatzurteil führen. Ganz nebenbei sei auf einen frühen Spitzenreiter unter den Nachrichten hingewiesen: "personalisierte" Filme dank Face-Swap im Verein mit Gesichtsmimik-Technologien produzieren künftig Alpträume (oder Pornos) besonderer Art.

Keine Nachrichten-Spitzenmeldungen zur Branche. Das kann nicht sein, das war es auch nicht. IBM sorgte hier für Schlagzeilen und Aufsehen und das passierte bei den KI-Predigern nicht mit Watson, sondern mit der Übernahme von Red Hat, dem größten Zukauf in der langen Unternehmensgeschichte. der Mega-Deal interessierte nicht nur Entwickler oder die Linux-Fans unter den Lesern. Kann sich der Konzern wieder einmal neu erfinden? Immerhin: das Erbe der letzten großen Übernahme ist aus dem Haus.

War noch was? Ja, etwas, was nicht mehr ist: Die Cebit. Für die Meisten kam die Meldung zum Aus für die immer noch größte IT-Schau der Welt doch sehr überraschend. Auch wenn die Reaktionen erwartungsgemäß zwischen "geh eh nicht hin" und "braucht keine Sau mehr" pendelten.

Cebit 2018 (10 Bilder)

Ein Blick über das Messegelände. Die Hallen 14 bis 16 werden noch genutzt, die dahinter nicht mehr.
(Bild: jo / heise online)

30 Jahre CeBIT (5 Bilder)

Im "Centrum der Büro- und Informationstechnik" auf der Hannover Messe gab es anfangs vor allem Büromaschinen zu sehen, von der Schreibmaschine bis zur Kuvertieranlage.
(Bild: Messe AG)

45 Jahre Halle 1: Keimzelle der CeBIT (12 Bilder)

Messegelände von oben

Im Vordergrund die Halle 1 mit den markanten "Trelementen" auf dem Dach. Die Parkhäuser an der Nordseite (im Bild unten) kamen später dazu. Die 1969 gebaute Halle sollte der Bürotechnik auf der Hannover Messe eine neue Heimat geben. (Bild: Ballon-sz.de / CC BY-SA 2.0 de )

Über den Charakter der vergangenen Cebits und ob eine "neue" oder wiederbelebte Cebit nicht doch einen notwendigen Blick auf die Gesamtheit der Digitalisierung ermöglicht hätte, ließ und lässt sich trefflich streiten.

Aber nun gut. Mit Meltdown und Spectre fing das Jahr an, mit Emotet folgte der gar nicht besinnliche Ausklang, zumal ganze Firmen betroffen waren. Zeitweilig diskutierten 8000 bis 9000 Leser gleichzeitig im Heiseforum, was zu tun und zu lassen wäre, auch dies ein stark rekordverdächtiger Wert.

Fest steht jedenfalls, dass Glühwein und Plätzchen nur sehr begrenzt weiterhelfen beim Blick in das so aufgedeckte furchtbare Security-Gruselkabinett. Das wird auch 2019 so sein. Aber der Blick in die Kristallkugel steht ja noch aus.

Derweil sei daran erinnert: What a wonderful world it woud be, if only we we'd give it a chance:

(jk)