Das zweite Fairphone: Bessere Hardware, teurer, ab Ende Sommer vorbestellbar

Fairphone bereitet die zweite Version seines möglichst nachhaltigen Smartphones vor. Wir sprachen mit Technikchef Olivier Hebert über die technischen Details, alternative Betriebssysteme und warum es beim ersten Fairphone Probleme mit den Updates gab.

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Das zweite Fairphone: Bessere Hardware, teurer, ab Ende Sommer vorbestellbar

(Bild: Fairphone)

Von
  • Achim Barczok

60.000 Smartphones hat das niederländische Start-up Fairphone verkauft, jetzt bereitet es ein neues Modell vor. Einen Namen für das zweite Fairphone gibt es offiziell noch nicht, aber ein Auftragsfertiger ist gefunden und die technischen Details stehen intern schon weitgehend fest – sie sollen in den nächsten Monaten bekannt gegeben werden. heise online traf Technikchef Olivier Hebert auf der Mobilfunkmesse MWC in Barcelona, um erste Details zu erfahren.

Wie beim ersten Fairphone (Bild) wird beim neuen Modell der Akku austauschbar sein.

(Bild: Fairphone)

Klar ist: Das neue Fairphone wird technisch deutlich besser als das erste ausgestattet sein und sich eher am High-End-Spektrum des Smartphone-Markts orientieren. Das bedeutet unter anderem: eine bessere Kamera, ein höherauflösendes Display, ein eingebautes LTE-Modul für schnelle Internetverbindungen, ein hochwertiger Chipsatz von Qualcomm und das aktuelle Android 5.

Fairphone

Die erste Charge des ziemlich fairen Phones war im November 2013 ausverkauft und wurde Januar 2014 ausgeliefert. Mittlerweile war bereits die zweite Charge im Handel. Nun bereitet Fairphone die zweite Ausgabe seines möglichst nachhaltig produzierten Smartphones vor.

Als Grund für die technischen Verbesserungen nennt Fairphone die höhere Nachhaltigkeit: Mit den neuen Komponenten soll das neue Fairphone nicht so schnell veralten und auch noch in einigen Jahren "up-to-date" sein. Außerdem habe man bei der Auswahl der Komponenten darauf geachtet, dass das Smartphone möglichst gut zu reparieren sei.

Fairphone will so die potentielle Lebensdauer verlängern, eines der wesentlichen Kriterien für ein nachhaltiges Smartphone. Deshalb hat auch das zweite Fairphone einen austauschbaren Akku. Nicht geben wird es ungewöhnliche Features wie einen Fingerabdruck-Scanner, Herzfrequenzmesser oder ein gebogenes Display – man habe sich auf die Kernfunktionen eines Smartphones konzentriert. Auch habe man bei der Auswahl der Komponenten das Feedback der Fairphone-Community berücksichtigt.

Aus der höherwertigen Hardware resultiert allerdings auch ein höherer Preis. Das inzwischen ausverkaufte erste Fairphone kostete zu Beginn 325 Euro (die Zusammensetzung der Kosten führt das Unternehmen in seinem Blog detailliert auf). "Im Vergleich zu anderen Mittelklasse-Smartphone war das erste ein bisschen teuer. Beim neuen wird es umgekehrt sein: Wir wollen ein hochwertigeres Smartphone für einen Mittelklasse-Preis anbieten", sagt Fairphone-CTO Olivier Hebert.

Fairphone-CTO Olivier Hebert

(Bild: Fairphone)

Unmut aus der Community handelte sich Fairphone bei seinem ersten Smartphone allerdings weniger mit der mageren Hardware, sondern mit der Software ein. Die ursprünglichen Ziele – regelmäßige Android-Updates und die Offenlegung des Quelltextes – kann das Unternehmen nicht erfüllen. Laut Fairphone liegt das vor allem an den Hardware-Partnern: Zum einen schränkt das Lizenzabkommen mit dem bisherigen Chipsatzhersteller Mediatek die Offenlegung des Quelltexts ein, zum anderen stellte sich Mediatek bei der Umsetzung von Android-Updates für die Hardware quer. Das erste Fairphone bleibt deshalb nach aktuellem Stand auf Android 4.2 hängen, wodurch ihm offizielle Android-Sicherheitsupdates und neue Features verwehrt sind. Zwar will Fairphone weitere Software-Patches und -Verbesserungen für das Smartphone anbieten, die fehlenden Android-Updates stehen aber trotzdem dem eigentlichen Ziel der Macher entgegen, den Nutzern ein möglichst langlebiges und damit nachhaltiges Smartphone zu bieten.

Das soll sich beim zweiten Fairphone durch den Wechsel zu einem Chipsatz von Qualcomm grundlegend bessern. Der Support des Chip-Herstellers gegenüber seinen Kunden sei deutlich besser und man habe als Lizenznehmer einen Zugriff auf alle Hardware-spezifischen Android-Repositories – dem Veröffentlichen der Quelltexte sollte also nichts im Weg stehen.

Hatte Fairphone beim ersten Modell noch ein mehr oder weniger fertiges Smartphone-Design übernommen und nur Details ändern können, wurde das neue von Grund auf gemeinsam mit einem externen Dienstleister entwickelt. Um das eigene Design umzusetzen, arbeitet Fairphone außerdem mit einem neuen Auftragsfertiger zusammen, dem Unternehmen Hi-P mit Firmensitz in Singapur und Produktionsstätten in China.

Hi-P produziert zweites Fairphone (6 Bilder)

Die Hi-P-Fabrik in Suzhou.
(Bild: Fairphone)

Dadurch kann Fairphone nicht nur stärker in die Auswahl der einzelnen Komponenten als bisher eingreifen. Das Start-up erhofft sich außerdem, die Lieferkette der einzelnen Komponenten besser zurückverfolgen zu können und für die Käufer transparent zu dokumentieren, wo und unter welchen Bedingungen die einzelnen Smartphone-Teile und -Rohstoffe produziert werden.

Das Umstellen auf konfliktfreie Materialien geht bei Fairphone dagegen nur in kleinen Schritten voran. Wie im ersten Fairphone ist bis jetzt nur der Einsatz von Lötzinn und Kondensatoren aus konfliktfreiem Material gesichert. Seitdem hat das Unternehmen auch konfliktfreies und unter Fairtrade-Aspekten geschürftes Gold und Wolfram im Blick und Untersuchungen dazu durchgeführt – ob man hier schon beim zweiten Fairphone etwas in der Produktion umstellen könne, sei noch unklar.

Wie beim früheren Auftragsfertiger A'Hong hat Fairphone bei Hi-P die Arbeitsbedingungen von einer externen Agentur untersuchen lassen und will die Ergebnisse in den nächsten Wochen veröffentlichen. Ziel sei es, mögliche Probleme nicht bloß anzusprechen, sondern auch beim Lösen zu helfen. Bei A'Hong hatte Fairphone beispielsweise Verbesserungen beim Brandschutz durchgesetzt und einen Sozialfonds etwa für Bonuszahlungen eingerichtet, in den ein Teil der Verkaufseinnahmen einflossen.

Das nächste Fairphone wird anfangs mit Android ausgeliefert, aber das Start-up schaut sich langfristig nach weiteren Betriebssystemn um – einer der Hauptgründe für den Besuch auf des Unternehmens auf dem Mobile World Congress. Man habe sich mit diversen OS-Entwicklern getroffen und schaue zur Zeit, wie man seine Hardware anderen Systemen öffnen können. Im Blick hat Fairphone dabei solche mit offenem Ansatz wie Sailfish OS, Firefox OS oder Ubuntu. Auch CustomROMs wie Cyanogenmod sollen in Zukunft auf dem Fairphone laufen, wenn es nach den Vorstellungen der Fairphone-Macher geht. "Langfristig ist das der Plan, wir können aber noch nichts versprechen", so Oliviert Hebert.

Doch für den Moment dürfte für Technikchef Hebert die größte Herausforderung erst einmal sein, das neue Smartphone auf den Weg zu bringen. Vor einigen Tagen bat das Start-up Interessierte, sich schon mal auf den Fairphone-Newsletter einzutragen. Weitere Details zur Hardware sollen in den nächsten Monaten folgen, vorbestellen kann man das neue Smartphone dann voraussichtlich ab Ende Sommer.

Der Support des ersten Fairphones soll weiter laufen. Auch wenn es keine Android-Updates mehr gibt – Software-Verbesserungen will Fairphone bis mindestens Ende 2016 ausliefern. Man habe außerdem genügend Ersatzteile auf Vorrat, damit man weiterhin auch defekte Hardware austauschen kann. Und ganz am Ende kann man sein ausgedientes Fairphone immer noch recyclen -- Fairphone übernimmt innerhalb Europas dafür die Versandkosten.

Das erste Fairphone (4 Bilder)

Das Fairphone wirkt ziemlich klobig, ist mit seinem 4,3-Zoll-Display aber noch halbwegs handlich.

(acb)