Debakel mit 737 Max: Boeing-Chef Muilenburg muss seinen Hut nehmen

Boeing-Chef Dennis Muilenburg tritt inmitten der Krise um die 737 Max zurück. Zwist mit der Luftfahrtaufsicht hatte ihn noch stärker in die Kritik gebracht.

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Boeing 737 Max von Southwest Airlines: wegen Flugverbots geparkt

(Bild: heise online/ Patrick Bellmer)

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Der Vorstandschef des US-Luftfahrtriesen Boeing, Dennis Muilenburg, tritt im Zuge der Krise um den Flugzeugtyp 737 Max zurück. Das teilte der Konzern am Montag in Chicago mit.

Muilenburg stand wegen seines Krisenmanagements nach zwei Abstürzen von 737-Max-Maschinen, bei denen insgesamt 346 Menschen starben, heftig in der Kritik und war bereits länger mit Rücktrittsforderungen konfrontiert. Die 737-Max-Abstürze in Indonesien und Äthiopien haben Boeing in eine tiefe Krise gebracht. Der Flugzeugtyp ist noch immer mit Startverboten belegt. Im Oktober hatte Muilenburg bereits den Verwaltungsratsvorsitz abgeben müssen.

Zum Nachfolger Muilenbergs ernannte Boeing den bisherigen Verwaltungsratschef David Calhoun, er soll den Vorstandsvorsitz ab 13. Januar übernehmen.

Der Konzern steht im Verdacht, die Unglücksflieger überstürzt auf dem Markt gebracht und dabei die Sicherheit vernachlässigt zu haben. Boeing weist dies zwar zurück, hat aber verschiedene Fehler und Pannen eingeräumt. Das 737-Max-Debakel ist für den Hersteller eine große Belastung, die bereits immense Kosten, große Imageschäden, mehrere Ermittlungen und hohe Klagerisiken verursacht hat.

Im Zentrum der Krise steht das für die 737 Max entwickelte Steuerungsprogramm MCAS (Maneuvering Characteristics Augmentation System). Das Softwaresystem soll aerodynamische Effekte der veränderten Triebwerksaufhängung bei der 737 Max kompensieren. Boeing hatte bereits nach dem Unglück in Indonesien versprochen, die MCAS-Probleme per Software-Update zu beheben. Wenig später kam es zum Absturz in Äthiopien. Das Update hat noch immer keine Zulassung der FAA.

Nachdem zwei neue 737 Max 8 in kurzem Abstand und unter vergleichbaren Umständen verunglückt waren, hatten internationale Aufsichtsbehörden den Flugzeugtyp im März 2019 mit einem weltweiten Startverbot belegt. Bei den Untersuchungen der Abstürze von Lion Air Flug 610 und Ethiopian Airlines 302 hatte sich herausgestellt, dass der fehlerhafte Eingriff des neuen Systems zur Stabilisierung des Flugverhaltens des Jets ein wesentlicher Faktor war.

Die 737 Max sollte die Typenzulassung ihrer Vorgänger erben, um eine kostspielige und zeitraubende Neuzulassung zu vermeiden. Die für die neue Version des Boeing-Erfolgsjets vorgesehenen größeren, sparsameren und leiseren Triebwerke, die schon den A320neo des Boeing-Konkurrenten Airbus so attraktiv machen, platzierten die Boeing-Ingenieure deshalb etwas weiter vorne und höher, ohne große Änderungen an Fahrwerk und Tragflächen. Den dadurch verschobenen Schwerpunkt und unliebsamen zusätzlichen Auftrieb sollte das neue MCAS kompensieren. Ein Problem von MCAS ist, dass es sich dabei nur auf die Daten eines der beiden Anstellwinkelsensoren des Flugzeugs stützt.

Schon eine Anbindung des zweiten Sensors hätten eine Fehlfunktion des Systems und damit möglicherweise die zwei Abstürze verhindern können. Doch Boeing sieht sich mit dem Vorwurf konfrontiert, darauf aus Kostengründen verzichtet zu haben: Redundant abgesicherte Systeme sind aus Sicht der Zulassungsbehörde besonders sicherheitsrelevant, bei einer Neueinführung müssten Piloten entsprechend geschult werden. Aber Schulungsbedarf wollte das für die Entwicklung der 737 Max verantwortliche Management unbedingt vermeiden, heißt es in einem im Oktober bekannt gewordenen Whistleblower-Bericht.

Zuletzt hatte Boeing bekanntgegeben, die Produktion des Krisenjets 737 Max angesichts der hohen Ungewissheit um eine Wiederzulassung ab Januar vorübergehend auszusetzen. Damit dürften sich die Probleme noch einmal deutlich verschärfen. Zuvor hatte die US-Luftfahrtaufsicht FAA Boeing deutlich zu verstehen gegeben, nicht auf eine rasche Wiederinbetriebnahme der 737 Max zu setzen.

FAA-Chef Steve Dickson habe Bedenken, dass der Flugzeugbauer einen "unrealistischen" Zeitplan verfolge, hatte die Behörde Boeing gewarnt. Muilenburg hatte im November noch Zuversicht verbreitet, noch vor dem Jahreswechsel eine Genehmigung der FAA für die 737 Max zu erhalten. Der ungewöhnliche öffentliche Rüffel von Behördenleiter Dickson hatte den ohnehin schon angezählten Muilenburg zuletzt noch schlechter aussehen lassen.

Insgesamt sind weltweit rund 400 Boeing 737 Max im Liniendienst von dem Flugverbot betroffen und stillgelegt. Die US-Gesellschaften Southwest und American gehören mit 34 und 24 Maschinen zu den größten Kunden. In Europa sind Norwegian mit 18 Flugzeugen des Typs und TUI mit 15 Maschinen besonders betroffen. Auch Ryanair und Sunexpress, ein Joint Venture von Lufthansa und Turkish Airlines, gehören zu den betroffenen Max-Kunden. (jk)