Debian-Entwickler schmeißen cdrtools raus

Die Debian-Entwickler entfernen nach Unstimmigkeiten um Lizenzänderungen die von zahlreichen grafischen CD- und DVD-Brennprogrammen unter Linux verwendeten Programme der cdrtools. Sie ersetzen sie durch einen eigene, cdrkit genannte Variante.

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Von
  • Thorsten Leemhuis

Nach den Lizenzunstimmigkeiten um die von zahlreichen grafischen CD- und DVD-Brennprogrammen unter Linux verwendeten Programme der cdrtools lassen die Debian-Entwickler der Ankündigung eines Forks nun Taten folgen. So soll das im Rahmen von debburn (Download-Server, SVN, Mailingliste) entwickelte cdrkit die Nachfolge antreten. Parallel dazu werfen die Debian-Entwickler die cdrtools komplett aus der Distribution. Derzeit befindet sich cdrkit noch in einer Testphase, die Programmsammlung soll jedoch wohl noch in die zum Ende dieses Jahres geplante Debian-Version "Etch" einziehen.

Das cdrkit basiert laut den Programmierern auf der letzten cdrtools-Version mit GPL-Programmen. Das bei der Version unter der CDDL (Common Development and Distribution License) stehende Buildsystem wurde jedoch entfernt und durch ein auf cmake aufsetzendes ersetzt. Das cdrecord-Programm wurde ebenfalls angepasst und soll fortan wodim (Write optical disc medium) heißen. In der Ankündigung loben die Entwickler ausdrücklich die gute Zusammenarbeit, die mit Jörg Schilling, dem Autor der cdrtools, früher bestand. Im Folgenden geht die Ankündigung jedoch näher auf die Details ein, die nun zur Abkehr von den cdrtools und der Entwicklung von cdrkit führten.

Danach sei die Kompatibilität der von Sun unter anderem für OpenSolaris entwickelte CDDL zur GPL der größte Streitpunkt zwischen den beiden Parteien, nachdem immer mehr Teile der cdrtools unter der CDDL re-lizenziert wurden. Laut der Ansicht der Debian-Entwickler und der Free Software Foundation (FSF) sei die Kombination von unter der GPL und CDDL lizenzierten Quellcode nicht möglich, die Lizenzen somit inkompatibel zueinander; Schilling sehe das jedoch anders.

Jörg Schilling, Autor der cdrtools, kritisiert die Debian-Entwickler nach den Diskussionen auf den Debian-Mailinglisten und in Debians Bugtracking-System nun auch im Forum zu einem Artikel von heise online. Und er schreibt zu dem Artikel: "Während die Meinung der Seite des Agressors (Debian hat den Streit initiiert) ausführlichst auch als offensichtliche Meinung im heise-Artikel vertreten wird, kommen meine Ansichten dort nicht vor." Die Free Software Foundation unkommentiert zu zitieren sei billigster Schmierenjournalismus.

Zur Inkompatibilität des Lizenzenmix meint Schilling in seinem Beitrag: "Leider sind die Debianer bis heute nicht in der Lage zu erklären, warum sie diese Ansicht vertreten. Fazit: Es handelt sich um unbelegbare Behauptungen vonseiten Debians." Die Debian-Entwickler hingegen schreiben genau das Gegenteil: Schilling habe in den Diskussionen rund um die Inkompatibilität zwischen der GPL und der CDDL nie auf die Abschnitte geantwortet, in denen die Debian-Entwickler die Inkompatibilitäten erklärten.

Ob andere Distributionen den Weg von Debian bei cdrkit mitgehen, muss sich noch zeigen. So evaluieren die Fedora-Enwickler nach dem Downgrade auf die letzte aus GPL-Programmen bestehenden Variante der cdrools nach einer Debian-Einladung zur Mitarbeit an cdrkit derzeit noch die verschiedenen Alternativen – darunter libburn oder die dvdrtools. Einige Entwickler erwägen zudem, das im Rahmen des Freedesktop-Projekts im Frühjahr vergangenen Jahres gestartete, aber schnell weitgehend zum Erliegen gekommene Freedrtools wieder zu reaktivieren.

Die Möglichkeit, Open-Source-Programme zu nehmen und abgeleitete Werke unter der gleichen Lizenz zu verbreiten, zählt zu den wichtigen Grundlagen der Open-Source-Entwicklung und wird von der Open Source Initiative (OSI) in der Open Source Definition erwähnt. Die Open-Source-Gemeinde nutzt diese Freiheit, ein Programm auch unabhängig von den Originalautoren weiter zu entwickeln ("forken"), jedoch eher selten.

Bekannt wurde etwa die von zahlreichen Distributionen unterstützte Reaktivierung des X.org-Projekts. Das hatte nach Unstimmigkeiten um eine Lizenzänderung kurz vor der Fertigstellung von XFree86 4.4.0 nach langer Zeit wieder selbst die Entwicklung eines X-Servers in die Hand genommen. Dabei wurde die letzte XFree86-Version vor der Lizenzänderung als Basis verwendet. Aus Sicht von X.org verlief dieser Fork erfolgreich: So kommt kaum noch eine der größeren Linux-Distribution ohne die mittlerweile erheblich verbesserten X-Server von X.org, während das XFree86-Projekt weitgehend an Bedeutung verloren hat. Andere Abspaltungen verlaufen nicht immer so erfolgreich, dümpeln häufig mangels Unterstützung vor sich hin und werden nicht selten über kurz oder lang eingestellt. Auch die bisherigen Forks der cdrtools konnten sich nicht gegen das Basis-Projekt durchsetzen. (thl)